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Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr.
Nr. 18
felne⸗ In zuvorkommender Weise sind die im Reichs⸗nur schwer richtige Vorstellungen zu bilden ver⸗
Das Vie — ygieine gesundheitsamt thätigen Herren unablässig be— —E werden in dem befriedigenden Bewußt⸗
. müht, Jedermann, ob Fachmann oder Laie, diest ein, in die Beschaffenheit der Getränke genaue
Auch das Bier hat eine hygieinische Bedeu Züchtungsmethoden, die für dieselben notwendi- Finsicht gewonnen zu haben, diesen Tisch ver⸗
tung; die Hygieine der Getraͤnke ist einer der gen Materialien und deren Bereitung, sowit lassen.
entwickeltsten Zweige der gesamten Nahrungs- die hierzu gehörigen Apparate zu erklären. Man Auch die Rohstoffe, aus welchen die verschie—
mittelhygieine. Man hat deshalb auch dem demonstriert uns die Bestimmung der im Brun. denen Biersorten des In⸗ und Auslandes be—
Bier mit den übrigen Getränken einen der nen⸗ oder Flußwasser vorkommenden Pilze nach reitet werden, sind zahlreich vertreten und end—
besten Plätze in der Hygieine-Ausstellung reser- Zahl und Art. Diese geschieht dadurch. daß lich auch die Biersurrogate, die zahlreichen
viert. Aber der Wert der wissenschaftlichen man 110 cem von dem zu untersuchenden Wasser Stoffe, welche man thatsaͤchlich oder angeblich
Hygyeine wird im Allgemeinen noch nicht gewür. mit Nährgelatine vermischt auf einer Glasplatte zur Fälschung des Bieres verwendet, finden wir
digt, sonst wäre auch diese Abteilung der Hy ausbreitet, diese vor Luftzutritt geschützt aufbe- hier: Proben von Reis, Mais, Kartoffelzucker,
gyeine⸗Ausstellung von Seiten der Brauer reich wahrt und die Pilze nach ihrer Entwickelung Slyzerin, hochfeine Zuckercouleur, Hopfen-Aroma,
licher beschickt worden. zählt. In ähnlicher Weise wird die Luft au) Wermuthkraut (Artemisia, Absynth), Bitterklee
Es wird, wie Dr. L. von Stein in seinem ihren Gehalt an Pilzen dadurch untersucht, daß Menyantus trifol.) Quassiaholz, Enzian (Gen—
oortrefflichen Buche, Das Gesundheitswesen“ sagt, man ein hestimmtes Luftvolumen durch eine iata jutea), Mloe vulgaris. Koloquinthe, Kokkels—
noch lange dauern, bis wir begreifen, daß die 1m lange und circa 4 em weite Glasröhre, körner, Krähenaugen, Herbstzeitlose, Salicylsäure,
Gesundheit, die gerade auf dem Gebiete der Gee deren Wandungen auf der Innenfläche mit Gela- Borsäure, Borax ꝛc Es kann einem übel wer—
tränke so nachdrücklich geschätzt werden kann, jedem ktine überzogen sind, langsam aspiriert. Auch den, wenn man sich der Vorstellung hingiebt,
Volke mehr wert ist, als sie kostet. Die Hygieine ein sinnreich konstruierter Apparat zum Photo daß man vielleicht diese gesamte Musterkarte an
Ausstellung ist geeignet, diese Einsicht und die graphieren der Pilze und die gewonnenen VFiften schon hinunteraeschluckt hat!
offentliche Meinung insofern günstig zu beein. Photogramme sind ausgestellt.
flussen, als fie zum ersten Male ein ziemlich Von größeren Apparaten sind ausgestellt: ein
umfassendes und imposantes Bild von den Er- Destillierapparat von Salleron zur Bestimmung
rungenschaften entwirft, welche wir der prakti. des Alkoholgehaltes in Wein und Bier, die
schen Anwendung hygieinischer Lehrsätze ver Reagentien und Utensilien für die Maltose
danken. bestimmung, Lactodensimeter von Sorhlet « Reck
Wir wenden uns zuerst zum wissenschaftlicher nagel, Sorhlets trefflicher Apparat, welcher den
Teil der Ausstellung. Fettgehalt der Milch in kurzer Zeit aus dem
Den Fortschritten der Pilzkunde, den Ar- pezifischen Gewicht der Aetherfettlösung zu er
beiten Pasteurs, von Naͤgeli's u. A. verdankt nitteln ermöglicht: letztere wird bekanntlich durch
auch die Brauindustrie, besonders hinsichtlich der Schütteln von 200 cem Milch mit Kalilaugt
Gährung mannichfache Förderung. Die Bedeu und wasserhaltigem Aether erhalten. Diest
tung der Forschungen über die niedersten Or- Methode, welche noch genauer als die gewichtsganismen
ist auch von Denen, welche ihr In⸗ analitische ist und die Bestimmung des Fett⸗
leresse und ihre Thätigkeit der rationellen Aus jehaltes von 60—- 100 Milchproben im Tag er—
bildung des Brauwesens widmen, längst auerkannt, nöglicht, hat unstreitig eine Zukunft und ist
und die abstrakte Wissenschaft hat bereits viel- etzt schon allgemein acceptiert. — Mit ca. —
fach auch von jenen Unterfuchungen Nutzen ge- bis 6000 Mt, könnte sich jede Stadt in den
zogen, welche uͤber diese Organismen im Inter- Besitz eines solchen Laboratoriums setzen, für
esse des Brauwesens neuerdings ausgeführt wur- welches ein jährlicher Etat von 8000 Mk., die
den. Ich erinnere beispielsweise an die Versuche Besoldung des Vorstandes und eines Dieners
von Hanfen in Carlsberg, welche seit Jahren inbegriffen, mehr als ausreichend wäre. Diese
angesiellt werden, um die in der Luft vorkom- Summe würde sich aufs Beste rentieren, wenn
menden Pilze, welche sich in der Bierwürze ent- diese Anstalt gleichzeitig mit der Lebensmittel⸗
wickeln, zu studieren. Während die Sproßpilze, dontrolle betraut würde. Die Milch in Städten
speziell die Hefe, als unermüdlich thätige Ar- hat infolge von Wasserzusatz oder Abrahmung
beier für den Brauprozeß unersetzlich sind, hat elten über 2,6 pCt. Fett und entsprechend ge—
man in gewissen Schimmel- und Spalipilzen ge⸗ ringen Gehalt an Casein, Albumin ꝛc. Durch
fährliche Feinde der Hefe und der Brauerei ine streng durchgeführte Milchkontrolle könnte
erkannt. Die Methoden der Züchtung dieser leicht ein Fettgehalt von 3 pCt. gesichert werden
Pilze ist daher von Interesse, und es lohnt sich wodurch eine Stadt von 150 000 Einwohnern
deren nähere Betrachtung, wozu uns das vom unter der Annahme, daß jeder Bewohner einen
Reichsgesundheitsamt ausgestellte Laboratorium halben Liter Milch täglich konsumiert, die Summe
für üntersuchungen über Mikro-Organismen, von 1 Million Mark pro Jahr, welche sonst ver
Infektionskrankheiten und Desinfektion reichlich loren geht, gewonnen würde.
Belegenheit bietet. Die Fülle von wissenschaft. Also ein Laboratorium für Lebensmittelunter⸗
lichen Forschungsresultaten, welche sich hier dem uchungen rationell betrieben, erspart einer jeden
Besucher darbietet, ist das Werk des Geheimrat Siadt Geld, viel Geld!
Dr Koch, defssen Namen durch die Entdeckuug Im Hauptgebäude der Ausstellung finden wir
der die Lungenschwindsucht verursachenden Ba- auch ein Stück Wissenschaft, nämlich die plastische
cislen (Stäubchenbacterien) weltbekannt ist. Die Darstellung der Zusammensetzung der
mykologischen Untersuchangemethoden Kochs sind Nahrungsmittel und Getränke von
hauptsaͤchlich durch die Verwendung eines festen Prosessor König (Agrikultur⸗chemische Versuchs
RKährbodens charakterisiert. Während man bis station Münster).
her nur Flüssigkeiten (Fleischextrakt-, Malzextrakt- Da steht z. B. ein Liter Bier und nebenan
Pepton⸗Lösungen u. dergl) zur Züchtung der in Glascylindern befindet sich in natursa die
Mikro⸗Organismen angewendet hat, arbeitet Koch Menge Wasser, Alkohol, Extrakt, Asche, Säure,
fast ausschließlich mit Gelatine. Diese wird durch Maltose ze. welche ein Liter Bier enthält. So
Auflosen von Gelatine in Wasser bereitet und entrollt sich vor ünseren Blicken ein wahres Bild
dann mit Fleischextraktlösung, Weizeninfus u von der Zusammensetzung des Bieres, das sich
dgl. in bestimmtem Verhältnis versetzt, gewöhn nicht so leicht wieder in unserem Gedẽchtnis ver
lich so, daß die Mischung 2i/ bis 3 pCt. Gela wischen wird.
tine und 1 pCt. Fleischextrakt enthält. Diest Ebensolche plastische Darstellungen der chemi—
Nährgelatine wird nun in einem Kochkolber chen Zusammensetzung sind für den Wein, die
burch' im Verlauf einer Woche mehrfach wieder dülsenfrüchte, Mehl, Fleisch, Fische ꝛc. vorhanden
holtes Aufkochen sterilisiert, d. h die etwa darin da steht z. B. ein Glasgefäß mit 1 xXg Erbsen
zefindlichen Pilzkeime zerstört und der Hals der daneben in Cylindergläsern die chemischen Be—
Kochflasche mit Watte wohl verschlossen. Das tandteile der Erbsen, nämlich; 138 8 Wasser
so zubereitete Nährsubstrat hat vor den flüssigen 105 8 Stärke, 88 8 Cellulose (letztere in Form
Raͤhrmedien große Vorzüge, von denen der kleiner Stücke von Filtrierpapier dargestellt), 20
wesentlichste darin besteht, daß die einzelnen g Fett, 235 6 Eiweiß. Neben diesem liegt 1 Ko
Keime, welche man aussäei, getrennt in eigenen Karpfen, wenn auch nicht in naturs, so doch sehr
Kolonien oder Pilzrasen nach der Entwickelung reu aus Wachsmasse geformt, und in Reagens
sich repräsentieren, nicht aber im bunten Durch Jläsern die einzelnen Nährstoffe, welche in einen
einander, wie es bei Nährflüssigkeiten der Fall ist dilo Karpfen enthalten sind.
Auch diejenigen Pilze, welche die Milch sauer, Viele, welche in der Deutung analhytische
und solche, welche sie biau machen, sind ausge- Zahlenbefunde nicht geübt sind und sich infolg
ftellt und wir sehen die durch dieselben insizierte dessen von der chemischen Zusammensetzung unt
Milsch in verschiedenen Stadien der Veränderung dem Nährwert der Nahrungsmittel und Getränke
Französische Weine.
Es ist zu wiederholten Malen darauf hinge—
viesen worden, daß man französische Weine
selbst dann nicht echt bekommt, wenn man sie
direkt von den betreffenden Gegenden aus Frank—
reich bezieht. In Frankreich ist die Fälschung
der Weine so allgemein üblich und derart stark
betrieben, daß sich die Fälscher höchlichst wundern,
wenn ihnen, sobald sie allzu gesundheitsschädliche
Fälschungsmittel anwenden, der Staatsanwalt
auf den Nacken kommt. Es hat sich sogar un⸗
längst das bisher Unerhörte ereignet, daß die
Pariser Weinhändler eine massenhaft mit Unter⸗
chriften bedeckte Petition an die Deputierten—
kammer und Regierung richteten, um eine Ab—
inderung des Gesetzes über Bestrafung gewisser
Weinfälschungen herbeizuführen. Die armen
hariser Restaurateure wissen eben nicht mehr,
voher sie einen echten billigen Wein beziehen
sollen und kennen sich in den zahllosen Fälschun—
zen gar nicht mehr aus. Die Reblaus hat den
Weinbau Frankreichs so schmählich zu Grunde
girichtet, daß man anstatt wie früher für etwa
700 Millionen Francs Wein auszuführen,
jetzt mehr Wein ein- als ausführt.
Das Pariser Gemeinde-Laboratorium hat im
Verlaufe eines Jahres 3361 Weinproben unter⸗
sucht, fand davon 387 (1063 pCt.) als gut,
1093 (32,50 pCt.) als mittelmäßig, den ganzen
Rest als schlecht oder schädlich, wobei aber noch
in Anschlag kommt, daß von den gesamten in
den Departements gefälschten exportierten Weinen
dem Pariser Laboratorium kein Tropfen zu Ge⸗
sichte kommt.
Nach einer Mitteilung des „Journal des
Debats“ wird der Wein schon beim Keltern mit
fremden Stoffen versetzt, um ihn klarer und
haltbarer zu machen. Beim Abziehen pflegt
man ihn mit Eiweißstoff, Gallert, Blut oder
Milch abzuklären. Diese Stoffe vermischen sich
mit der Gerbsäure und heben sie auf. Um das
Bähren zu verhindern, verwendet man ordinäre
und schädliche Alkoholsorten. Man nimmt an
deren Stelle auch Salichylsäure. Um miserablem
Gewächse die Säure zu nehmen, fälscht man
durch Beisatz von Bleiglätte oder Bleioxyd.
Man nimmt Fuchsin, selbst arsenikhaltigen Phos⸗
phor, um die Färbung zu beleben oder den
Wein herber zu machen. In dieser Weise gehts
mit Faͤlschungen durch alle erdenklichen gesund—
heitszerstörende Mittel fort. Allein dies gilt
doch wenigftens noch von Weinen, die wirklich
an einem Rebstocke gewachsen sind.
In Frankreich hat sich aber — ebenso wie in
gewissen Gegenden auch bei uns — die Nieder—
tracht eingeschlichen, Getränke als Wein zu ver⸗
kaufen, die niemals einen Weinberg gesehen,
nun und nimmermehr mit Wein etwas gemein
haben, es sei denn, daß sie einen dem Wein
aͤhnlichen Geschmack haben. Die meisten dieser
Kunstweine haben aber das für sich, daß sie
etwas weniger giftig zugerichtet sind, als die
am Weinstoch gewachsenen. Vaher soll man es
sich zweimal überlegen, ob man jetzt überhaupt
noch nach der Marke „Bordeaux“ oder sonst
nach einem französischen Wein verlangen soll.
Man bleibe beim guten deutschen
Weine!
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