Nr.7
Saarbrücker Gewerbeblatt für Induftrie, Handel und Verkehr.
Es bleibt den besseren Preisverhältnissen an⸗
derer Läunder gegenüber kaum eine andere Er
klärung übrig, als daß die unzureichenden Um
aufsmittel Deutschlands Schuld sind, an den
eit zwei bis drei Jahren obwaltenden Mißver
hjältnis zwischen Nachfrage und Preis. Wi'
saben in Deutschland ca. 1 Milliarde Silber
geld, vielleicht 400 Millionen ungedeckter Noten
and Papiergeld. Wenn es gut geht, eine Mil
iarde Gold — das macht wenig mehr als 50
Mk. per Kopf. Amerika und England haben
das zweieinhalbfache, Frankreich, Belgien, Hol
sand und die Schweiz das Dreieinhalbfach
dieses Umlaufs.
Es ist wohl gnut zu verstehen, daß bei so ab
tormen Umlaufsverhältnissen die Preise in
Deutschland leiden müssen, nicht nur die Preist
für die Produkte und Waren, sondern vor allem
auch für den wertvollsten Besitz unseres Landes
und den einzigen der größeren Hälfte unseren
Volksgenossen — für die menschliche Arbeit.
27
O
Deutsche in England.
Londoner Blätter machen auf die wachsende
Zunahme der deutschen Einwanderung nach
England aufmerksam, und zwar in einer für
unsere Landsleute durchaus schmeichelhaften
Weise. Es stimmt dies zu dem im englischen
Publikum herrschenden Urteil, welches von der
deutschen Einwänderung im allgemeinen eine
hohe Meinung hegt, wobei es sich auf das Fak—
ium stützt, daß in allen englischen Welthandels—
plätzen das deutsche Element siark vertreten ist
und zahlreiche der angesehensten Firmen sich in
deutschen Händen befinden. Nächst den Eng—
ländern kommen die Deutschen in der Fremdte
unstreitig am besten fort, was sie, nach dem
Dafürhalten des englischen Kritikers, ihrer über
legenen Erziehung, ihrer Arbeitsamkeit und
größeren Genügsamkeit verdanken. Letztere
Eigenschaft insbesondere beinge es zuwege, daß
Deutsche in Großbritannien relativ leicht Stel
lungen finden, indes die Söhne des eigenen
Landes leer ausgehen und ihr Heil in irgend
einer der über den ganzen Erdball zerstreuten
englischen Kölonien versuchen. Damit soll indes
keineswegs gesagt sein, daß in England den
Deutschen die gebratenen Tauben in den Mund
fliegen, Die oftmals wiederholten Warnungen
der heimischen und der deutschen Presse in Eng—
land vor unüberlegter Auswanderung nach dort
behalten nach wie vor ihre volle Geltung. Wer
über gediegene kaufmännische oder technische
Fachkenntnisse, sowie über einige Mittel verfügt,
mit der Sprache des Landes schon hier intime
Bekanntschaft gemacht hat, kann mit Aussicht
auf Erfolg an die Gründung einer Existenz auch
in England gehen, wenn ihn Neigung oder Ver—
hältnisse zum Verlassen des vaterländischen
Bodens treiben. Wer diese Bedingungen indes
nicht erfüllt, möge sich in seinem eigenen wohl—⸗
verstandenen Interesse hüten, die Reihen des
geistigen Proletariats deutscher Nation vermehren
zu helfen, welches London und andere englische
Großstädte überschwemmt und so gut wie gär
keine Chancen auf Erringung einer nach eng—
— Begriffen auskömmlichen Lebensstellung
esitzt.
die Grundströmung, welche jetzt zu Gunsten eines
sreieren Handels aufzutreten beginne, sehr schnell
steigen werde. Die Zahl der Industrien, welche
für den Schutzzoll eintreten, sei bei weitem nicht
so bedeutend, als man gewöhnlich annehme;
viele Industrielle fingen an einzusehen, daß ihnen
durch die Last des Schutzzollsystem die Teilnahme
am Geschäft der Welt unmöglich gemacht werde,
und daher werde die Aufhebung der schweren
Zölle sogar von vielen der geschicktesten Textil—
fabrikanten befürwortet.
Diese Auseinandersetzungen sind um so be—
merkenswerter, als hervorragende deutiche In—
dustrielle, welche ein großes Exportgeschäft nach
Amerika machen und die dortigen Verhältnisse
sowohl aus ihren umfangreichen Geschäftsbezie—
hungen, als auch durch einen längeren Aufent—
halt im Lande selbst kennen gelernt haben, über
die zollpolitische Lage in den Vereinigten Staaten
ein ganz ähnliches Urteil fällen. Auch sie sind
der Ansicht, daß die jüngst beschlossenen Aende—
rungen des Tarifs nur den Beginn viel weiter
zehender zollpolitischer Reformen bezeichnen.
Zugleich aber teilen sie die in jenem Bostoner
Schreiben ausgesprochene Ueberzeugung, daß die
amerikanische Industrie, sobald der Druck des
herrschenden Schutzzollsystems von ihr genommen,
der europäischen Industrie, die vielleicht bei
Herabsetzung der Zoͤlle zunächst ihren Absatz in
den Vereinigten Staaten werde erweitern können,
doch auf die Dauer im eigenen Lande wie auf
dem Weltmarkte weit kräftiger und konkurrenz—
fähiger als jetzt gegenübertreten werde. Für
die nächste Zeit wird freilich auch nach ihrem
Urteil die Unsicherheit bezüglich der Zariffragen
lähmend auf das Geschäft einwirken, und dieser
Umstand wird vielleicht einen Grund mehr für
die baldige Wiederaufnahme der vorerst so un—
fertig gelassenen Reform des Tarifs abgeben.
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Deutscher Kolonialverein.
Abgesehen von der bedeutenden Verstärkung,
welche dem Verein durch die Aufnahme des
Westdeutschen Vereins als Zweigverein gewor—
den, wodurch die Gesamtzahl der Mitglieder
auf über 2400 gestiegen ist, zählt der deutsche
Kolonialverein heute 1976 Mitglieder Die Be—
teiligung ist im Westen stärker als im Osten.
Die Thatsache der Entstehung des Vereins in
Frankfurt a. M. erklärt allein diese Erscheinung
nicht, vielmehr muß die größere Entwicklung
der Industrie, lebhaftere Ruͤhrigkeit und der seit
Jahren bestehende Verkehr mit dem Ausland
als bestimmend erscheinen, sind es ja doch wie—
der unter den östlichen Gebieten Industrieländer
wie das Königreich Sachsen, die Provinzen
Schlesien und Sachsen, Thüringen, welche dem
Verein die meisten Mitglieder zugesandt haben.
Voran stehen die Provinzen Hessen-Nassau und
Rheinland, die Großherzogtümer Baden und
Hessen und das Königreich Württemberg und
zwar, wenn wir sie ihrer numerischen Stärke
nach ordnen, mit 439 resp. 259, 280, 274 und
128 Mitgliedern. Diese 5 Gebiete beanspruchen
somit 1220 Mitglieder, d. i. drei Fünftel der
Gesamtzahl. Zwar weit schwächer, aber immer—
din noch ansehnlich vertreten sind Brandenburg
Berlin), Hannover, Westfalen, Schlesien und
das Königreich Sachsen mit einem weiteren
Fünftel der Mitglieder. Für alle anderen deut⸗
chen Gebiete bleiben nur 400 Mitglieder übrig.
Nach jenen folgen dann in schon weitem Ao—
tande Bayern und Thüringen, die Provinz
Sachsen, dann Braunschweig und Elsaß-Lothrin—
gen, weiter die Hansestädte, bis endlich im Osten
die Ziffern ihren tiefsten Stand erreichen. Von
den Städten kommen auf Frankfurt a. M. 343,
Offenbach 136, Mannheim 135 und Barmen
112 Mitglieder, auf Berlin 713, Stuttgart 67,
Wiesbaden 44, Elberfeld 43, Braunschweig 43,
arlsruhe 33, Köln 25 und Ulm 28, zwischen
20 und 10 stellen Hamburg, Mainz, Marburg,
Dresden, Bremen, Ronneburg, Harburg, Wuͤ—
helmshaven, Lauban, Siegen, Straßburg, Pforz⸗
hzeim, München, Altona und Hilchenbach. Im
janzen haben fsich aus 385 Staͤdten Miiglieder
zum Verein gemeldet. Unter diesen Städten
gehören nicht weniger als 23 fremden Ländern an
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Die Entwickelung des Roheisen⸗
Geschäfts in Deutschland in den letzten
drei Jahren.
Die nachstehende Tabelle giebt ein buntiges
Bild von der Entwickelung des Roheisengeschäfts
in Deutschland in den letzten drei Jahren.
Produktion und Konsum haben sich seit der
Reform unserer Zölle um 67 pCt. gehoben und
der derzeitige Verbrauch von Roheisen läßt den!
des Jahres 1878 um volle 25 pCt. hinter sich
zurück. Dabei ist die technische Leistung der
Hochöfen enorm gestiegen von 100 Tonnen per
Arbeiter und Jahr in 1877 hob sich dieseibe
auf 131 in 1881 und wird sich 1882 noch er⸗
heblich höher stellen, wahrscheinlich nahe an 150
Tonnen. Trotzdem hob sich die Arbeiterzahl
von 15000 in 1878 auf mehr als 20000 in
1882 und diese 20000 leisteten ziemlich genau
die doppelte Produktion als die ca. 22 000 in
1874.
Die Ausfuhr, welche 1880 um 150 000 Tonnen
größer war als die Einfuhr, ist 1882 wieder
ierm 45 000 Tonnen geringer gewesen als jene
und zeigt dadurch deutlich, daß von einer „Ueber⸗
produktion“ absolut nicht die Rede sein kann
dieser beliebte Begriff also auch nicht zur Er—
klärung der befremdlichen und bedauerlichen
Thatsache dienen kann, daß die Preise sich zwar
etwas gebessert, aber doch noch nicht dasjenige
Verhältnis zu den Produktionskosten wieder er
reicht haben, welches bei einer Fabrikation na
türlich ist, die trotz aller Anstrengung den Be
darf des Landes quantitativ nicht zu decken ver
mag. Der trotz des Zolles noch 300000 Tons
betragende Import aus England beweist, daß
die Ueberproduktion dieses Landes ihren Anteul
hat an dem niedrigen Preisniveau unseres Roh
eisens, aber aus ihr allein ist diese Erscheinung
nicht zu erklären, dazu ist doch die eigene Pro
duktion Deutschlands zu groß, und die Gedrückt
dit, der Preise bei gar zu vielen Waren vor
anden.
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Die handelspolitischen Aussichten der
Vereinigten Staaten.
Der Londoner , Economist“ veröffentlichte kürz
ich ein ihm aus Boston zugegangenes Schreiben
Der Verfasser geht davon aus, daß die Zoll
ragen in engsier Verbindung mit der finan
ziellen Situation der Vereinigten Staaten stehen
die bei der gegenwärtigen Besteuerung an ge
wvaltigen Ueberschüssen laborieren. In der näch
sten Zukunft würden nun auf der einen Seite
die Anhänger eines hohen Zollschutzes darauf
sinarbeiten, daß alle inneren Steuern ohnt
Ausnahme aufgehoben würden, weil sie der Än—
icht seien, daß alsdann die Beibehallung eines
johen Zolltarifs notwendig werde. Anderer
eits werde aber das Land immer aufmerksamer
auf die Uebelstände im bestehenden Zollsysten
werden, und es sei nicht unwährscheinlich, daß