Full text : 1.1883 (0001)

16
Die Praxis der Unfallversicherungs⸗
Gesellschaften
sinden wieder einmal treffende Erläuterung in
dem Jahresbericht des Großherzoglich badischen
Ministeriums des Innern über seinen Geschäfts
kreis für die Johre 1880 und 1881. In dew
Abschnitte, welcher sich mit Industrie, Gewerbe
und Handel beschäftigt, wird zur Unfallversiche
rung der Fabrikarbeiter Folgendes ausgeführt
„Die vom Fabrikinspektor gemachten Wahr
nehmungen binsichtlich der Entschädigung der
Arbeiter bei Unfällen und der Unfallversicherung
haben die Ansicht befestigt, daß die jetzigen Zu
stände bezüglich der Entschädigung verunglückter
Arbeiter einer durchgreifenden Aenderung be—
dürfen. Die Arbeiter leiden darunter, weil es
keine klar erkennbare Grenze zwischen Haftpflicht
und Nichthaftpflicht des Unternehmers giebt und
sie, um auf Grund des Haftpflichtgesetzes ent
schädigt zu werden, in sehr vielen Fällen einen
Rechtsstreit führen müssen; die Arbeitgeber sind
der Praxis der Versicherungsgesellschaften preis
gegeben und diese sind ihrerseits wieder durch
die Konkurrenz in eine Zwangslage versetzt,
welche ihnen die Notwendigkeit auferlegt, so
wenig als möglich an Unfallentschädigungen zu
leisten.
Besonders ungünstig für eine auch nach den
jetzigen gesetzlichen Bestimmungen gerechte Ent—
schädigung der verletzten Arbeiter hat in der
Berichtsperiode die in den letzten Jahren immer
mehr in Aufnahme gekommene Verbindung der
haftpflichtigen Versicherung mit der allgemeinen
aber nur auf einen verhältnismäßig geringen Betrag
abgeschlossenen Versicherung für alle Fälle
gewirkt. Da es den Gesellschaften nun möglich
ist, bei jedem Unfalle eine kleine Entschädigung
anzubieten und sich dabei auf gewisse, hinsichtlich
der haftpflichtigen Fälle aber natürlich nicht an
wendbare Vertragsbestimmungen zu berufen, ge
lingt es ihnen in den meisten Fällen, die Frag⸗
der Haftpflicht thatsächlich zu beseitigen und den
Verunglückten oder dessen Hinterbliebene auck
im Fall des Todes oder bei gänzlicher oder
nahezu vollständiger Invalidität mit einem Ka
pital von 500 -1000 Mark, d. h. mit einen
Jahresrente von 26—50 Mk. abzufinden. Mit
unter wirken auch die Arbeitgeber zu solcher
Abmachungen mit, indem sie die durch den Ver
sicherungsvertrag übernommene Verpflichtung
das Interesse der Gesellschaft zu wahren, allzu
weit ausdehnen.
Als ein besonderer Mißstand der jetzigen Ver—
hältnisse muß es auch anerkannt werden, daf
es der Verletzte in der Hand hat, Klage zu er
heben oder nicht, bezw. sich ganz ungenügent
abfinden zu lassen, und dadurch im Stande ist
beträchtliche Lasten den nach dem Gesetze Ver
pflichteten abzunehmen und sie auf den Armen
verband zu übertragen.“
Es ist für Arbeitgeber und Arbeiter hohe
Zeit, aus diesen unglücklichen Verhältnisser
herauszukommen.

Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr.

Nr. 4

VNoltizen.
Ausftellungen im Jahre 1883. Auch im
aufenden Jahre werden wieder eine ganze Reihe
von Ausstellungen stattfinden. Man kann
internationale und nationale Ausstel—
ungen unterscheiden; bei den ersteren können
ich auch fremde Nationen beteiligen; bei den
letzteren werden nur Ausfteller aus dem Heimat⸗
ande, der betreffenden Provinz, Stadt ꝛec. zu⸗
zelassen. Pro 1883 sind nun in Aussicht:
Internationale Ausstellungen: Kalkutta,
Wien (elektrische), Madrid (Bergbau), Amster
dam (Kolonial), Tokio (Fischerei), Hamburg
Tierausstellung und landwirtschaftliche Geräte)
Berlin (Musikinstrumente), Genf (Uhren), Paris
Eisenbahnsicherheit), Breslau (Maschinen), Saaz
Hopfen), Berlin (Hygiene), Chicago (Eisenbahn)
dissabon (Landwirtschaft), Lodi (Landwirtschaft⸗
iche Maschinen), London (Fischerei), Gen
Gartenbau), Berlin (Gartenbau), München
Kunstgewerbe).
Nationale Ausstellungen: 1. Landes
ausstellungen: in Zürich, Madrid (Industrie und
Zunst), Schwerin, Christiania, Königsberg (elek
rische), London (Marine und Metail), Sevillc
Gartenbau), Berlin (Blecharbeiten), Graz (kultur
distorische), Bologna (Hanfbearbeitung), Berlir
äronautische), Wien (Jubiläums-), Wien (Bronze)
Zerlin (LSehrlings⸗), Wien (Möbel), Wien (Wagen.
Pferde- und Stall⸗-Utensilien) und im Jun in
deidelberg anläßlich des Verbandstages deutscher
Konditoren eine Fachausstellung von Roh—
produkten, Hilfsmaschinen und Fabrikaten
des Konditorgewerbes. 2. Provinzial- und Kom—
munalausstellungen: in Naumburg, Obererz—
zebirge in Sachsen (Kleinmotoren fuͤr das Ge—
werbe), Prerau (Landwirtschaft und Industrie)
Linz, ferner eine ganze Reihe von kleineren Aus
tellungen.
Poftverkehr Zouchen Deutschland und
Rordamerika. Das deutsche Reichspostamt hat
»erfügt, daß von jetzt ab die gesamte deutsche
Post nach den Vereinigten Staaten von Amerika
mit den Mittwochs und Sonntags von Bre—
men und Donnerstags und Dienstags von
Southampton abgehenden Dampfern des
Norddeutschen Lloyd zu befördern ist, sofern nich!
on dem Absender ausdrücklich anders bestimm
vird

Russischer Zoll auf Glas. Das kaiserlich
russische Zolldepartement hat mittelst Cirkular—
chreiben die Zollämter angewiesen, unter andern
Artikeln auch Glasfabrikate mit farbigen
Verzierungen, deren Farben in das Glas
eingelassen sind, anderweitig zu klassifizieren.
Darnach fallen die erwähnten Artikel unter
Art. 157 Punkt 3 des Zolltariss und bezahlen
2Rubel 20 Kopeken vom Bud- 44 Pfg. pro Kilo.

Bücher und Zeitschriften.
Allgemeine Revue für Eisenbahnen und
Hdarine. Wir sind in der eigentümlichen Lage
äber eine Zeitschrift zu berichten, nachdem sie
aufgehört hat zu erscheinen. Vielleicht könnte
man diesen eigentümlichen Umstand als einen
Vorteil für dies Blatt erklären, da man ja ge—
rade geneigt ist, die Toten mild zu beurteilen
und nicht selten sogar unverdienter Maßen zu
preisen. Aber im vorliegenden Falle beklagen
wir den Todesfall aufrichtig, denn es handelt
sich um cin Blatt, von welchem wir glaubten,
daß es berufen wäre, ein weiteres wirtschaft—
iches Band zwischen den beiden politisch bereits
verbündeten Ländern Deutschland und Italien
zu bilden. Das Blatt erschien in Florenz als
deutsche Uebersetzung der noch bestehenden „Rivista
Geéneèrale delle Ferrorie e della Marina“ und
ging hauptsächlich darauf aus, Westdeutschland
mit den Verkehrs-Verhältnissen Italiens vertraut
zu machen, weil die Herausgeber sich sagten (und
offenbar mit Recht), daß eine genaue Kennt—
ais dieser Verhältnisse die Vorbedingung für eine
zlückliche Einleitung kaufmännischer Geschäfte ist.
Sie versandten das Blatt auch in zahlreichen
Exemplaren nach Westdeutschland, müssen jedoch,
trotzdem die Artikel gut und klar, kurz und
bündig geschrieben waren, nicht den nötigen Leser—
und Absatzkreis gefunden haben. Vielleicht auch
mangelte es ihnen an den nötigen Beziehungen
zu den in Betracht kommenden kaufmännischen
Kreisen. Es wird noch manch' solcher vergeb—
licher Schritt gethan werden müssen, bevor dir
erhoffte innige Wechselverkehr zwischen Deutsch⸗
land und Jialien etabliert sein wird. Das Blatt
erscheint, wie bereits angedeutet, in italienischer
Sprache weiter; es wird nunmehr wohl aber
ein Programm modifizieren und die deutschen
Interessen mehr außer Acht lassen müssen. Es ist zu
beziehen durch J. Manieri in Florenz, Via Ginori
53, und kostet fuͤr Deutschland 24 Fr. pro Jahr.
Tarife der oberitalienischen Eisenbahnen.
Die General-Direktion der Eisenbahnen in Elsaß—
Lothringen hat eine deutsche Uebersetzung der
für die oberitalienischen Eisenbahnen gültigen
Tarife herstellen lassen, da diese Tarife für
den deutsch⸗italienischen Güter-Verkehr via Gott—
jard ein besonderes Interesse haben. Der eigent—
liche Zweck dieser Veröffentlichung ist leider nicht
erreicht worden. Es ist uns mit Bezug hierauf
ein Artikel zugegangen, welchen wir in nächster
Nummer unter den „Mitteilungen über die
Gotthard-Tarife“ veröffentlichen werden.

Ein harter Ueberzug für Holz. Um Hol—
mit steinharter Substanz zu überziehen, verfährf
man folgendermaßen: 40 Teile Kalk, 50 Teilt
Harz und 4 Teile Leinsamenöl werden gut
durcheinander gemischt; hierauf fügt man einen
Teil Kupferoryd hinzu und später einen Teil
Schwefelsäure. Dieser letzte Bestandteil muß
jedoch mit Sorgfalt zugefuͤgt werden, weil die
Mischung sich sonst stark erhitzt und selbst ins
Kochen geraten kann. Diese Mischung wird im
heißen Zustande mit einer Bürste auf das Holz
aufgetragen.

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