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Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr
Nr. 38
ten sind eng mit dem Namen Vanderbilt ver⸗
tnüpft. Allein es war nicht das Bestreben,
dem Lande Eisenbahnen zu verschaffen, den Ver—
kehr und die Produktionsfähigkeit zu verbessern,
nur Hausse und Bässe waren seine Triebfedern;
die Eisenbahn-Aktien und -Obligationen waren
nur das Mittel, um seine großartige Speku—
kulation in Szene setzen zu können.
Vanderbilts Sohn ist dessen würdiger Nach—
folger, nur übertrifft er diesen an Reichtum
und Unternehmungsgeist. So kam es, daß dieser
Eisenbahn- und Börsenkönig nach und nach in den
Besitz von sechs großen Eisenbahnnetzen gelangte.
Vanderbilt und die von ihm abhängige Börsen—
klique hatten die Mehrzahl der Aktien der großen
Fisenbahngesellschaften in ihrem Besitz und
chalteten nun nach ihrer Willkür. Ansänglich
träubten sich die bis jetzt unabhängigen Gesell—
chaften, sich dem Machtgebot Vanderbilts zu
interwerfen, allein die allmächtige Konkurrenz
verstand es, die renitenten Bahnen mürbe zu
mnachen. Der Tarifkampf wurde eröffnet und
die Frachten und die Personentaxen so herab—
gedrückt, daß Güter und Personen faktisch um—
sonst transportiert wurden. Man konnte eine
Strecke von 1200 englischen Meilen in einem
Kourpé 1. Klasse mit Kourierzügen für zwanzig
Mark zurücklegen. Das Resultat war voraus—
zusehen: die von Vanderbilt und Konsorten
gemaßregelte Bahngesellschaft erlitt an den Ein—
nahmen eine erschreckende Einbuße, die Aktien,
unterstützt durch die Börsenmanipulationen, san—
ken rasch und nun kam der Moment, wo der
Bahnkönig Vanderbilt die Aktien zu billigen
Preisen massenhaft ankaufen ließ. Eines Tags
zeigte es sich, daß die renitente Bahn, wie man
in Amerika sagt, unter die Kontrolle Vander—
bilts gestellt war; die Direktion und Verwaltung
vurden mit seinen Leuten besetzt nund die ehe—
nals unabhängige Bahn war an Händen und
Füßen gebunden in den Dienst Vanderbilts ge—
stellt. Durch diese großartigen Operationen
flossen Millionen um Millionen in die Taschen
des Eisenbahn- und Börsenfürsten und Länder—
istrecken von der Ausdehnung Deutschlands waren
mit ihrem gesamten Eisenbahnwesen in die
hand eines Mannes gegeben, von dem man
wußte, daß er keine anderen Interessen als die—⸗
lenigen der Börse kannte. Unter den dadurch
veranlaßten enormen Schwankungen in den
Frachten und Taxen hatten diese Gegenden,
namentlich aber der Handel furchtbar zu leiden;
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zu stürzen, allein alles zerschellte an dieser un—
bezwinglichen Geldmacht; auch verstand es
Banderbilt in geschickter Weise, herannahende
Stürme durch das Opfer von einigen Millionen,
aber wahrscheinlich nicht aus seiner Tasche, son—
dern aus derjenigen der von ihm kontrolierten
Bahngesellschaften zu beschwören. Auch kam es
ihm nicht darauf an, um sich Anhänger zu er—
verben und drohenden Agitationen auszuweichen,
neue ganz unrentable Strecken zu bauen.
Fragen wir, wie es in einem Lande mit den
reiesten Institutionen, wo die öffentliche Mei
aung in der Presse sich so rückhaltslos kund
ziebt, soweit kommen konnte, daß das materielle
Interesse von Millionen Menschen, das Wohl
don ganzen Ländergebieten von dem Willen eines
Börsenmannes abhängig gemocht werden konnte?
Es würde zu weit führen, alle die Gründe für
diese eigenartige Erscheinung hier zu erörtern.
Nur zwei derselben seien erwähnt: erstens war
es nur durch die Hilfe der gefürchtetsten Groß—
macht des Kapitals möglich, Vanderbilts Pläne
zu verwirklichen; gegen die hunderte von Mil—
lionen, in einer Hand angesammelt, konnten alle
die tausende von kleinen Kapitalien nicht auf—
kommen und da dieses formidable Kapital in
einer Hand war, welche sich durch Gewissens—
strupeln nicht irritieren ließ und mit Rücksichts—
losigkeit ohne Gleichen nur seine eigenen Inte—
ressen versolgte, ohne auf das Wohl und Wehe
anderer auch nur im entferntesten zu achten, so
var es möglich, daß die tausendköpfige Börse
ich blind der Macht Vanderbilts unterordnete.
Zweitens war der größte Verbündete Vander—
bilts immer die Zwietracht unter den einzelnen
Städten seines ungeheuren Eisenbahngebietes;
diese Zwietracht und die Sonderinteressen jeder
einzelnen Handelsstadt gaben Vanderbilt die Er hat zu diesem Zweck einige dreißig Häuser
Handhabe, um bald auf die bald auf jene Seite erworben, in zwöls Küchen werden die Mahl—
zu treten, und nach dem alten Sprichworte: wenn zeiten bereitet und den Angestellten in zwanzig
ich Zwei streiten, freut sich der Dritte, war großen Speisesälen serviert. Eine eigene Bib—
Vanderbilt gewöhnlich dieser Dritte. Daß Van- vothek, Spielzimmer, Theater, Boot-⸗ und
derbilt nicht vergessen und auch die Nachwelt Schwimmklubs sorgen für ihr Amüsement. In
an ihn erinnert wird, dafür hat er gesorgt den beiden Büreau der Firma arbeiten gegen—
In dem Riesengebäude der New-Yorker Central- wärtig 280 Kontoristen. Zum Ausfahren der
dahn befindet sich über dem Hauptportal eine zekauften Waren sind 180 Pferde nötig, das
ünfzig Fuß hohe Nische; in dieser Nische steht Stallpersonal inklusive der Kutscher besteht aus
eine zwanzig Fuß hohe Statue aus blendendem 200 Personen. Das Beschlagen der Pferde er⸗
'arrarischen Marmor; eine moderne Statue mit dordert allein zwei eigené Schmieden, elegante
Hehrock, Stock und Cylinder — es ist Mr. Van Fquipagen sind dazu bestimmt, die Mädchen,
derbilt, der sich zu Lebzeiten das Vergnüger welche die Kleider anprobieren, in der Stadi
nachte, sich in Stein hauen zu lassen. umherzufahren. Ueber das Whiteley'sche Eta—
Wir können es nun wohl begreifen, daß die blissement existiert eine förmliche Litieratur.
sesamte Geschäftswelt Amerikas sich durch die Dutzende von Gedichten, Brochüren und Novellen,
Abreise des Eisenbahnkönigs erleichtert fühlt teilweise von renomierten Schriftstellern verfaßt
ind daß die Presse dem teuern Reisenden eine beschäftigen sich mit ihm und seinem Ruhm.
recht lange und angenehme Reise wüunscht. Dies
vird die Zeit lehren. J
Vielleicht werden bessere Zustände kommer
ind man wird die bitteren Erfahrungen be
serzigen.
Wir in Deutschland können uns eines starken
Befühls des Behagens nicht erwehren, wenn
vir diese Zustände jenseits des Ozeans vor
insern Augen vorüberziehen lassen. Denn auch
ins drohten derartige ungesunde Eisenbahn-Zgn
tände, aber der rührige Wille unseres großen
Staatsmanns Bismarck hat dem die rechte Zeit
urch die Unterstützung des Staatsbahnsystems
ür immer vorgebeugt.
Ueber Eisenstein⸗Lager in Lappland
derichtet im „Daily Telegraph“ der Ingenieur
Wilkinson, welcher von der North of Europe
Railway Company den Auftrag erhielt die
Begenden zu untersuchen, durch welche die Linie
von Lulea nach dem Ofotenfjord in Norwegen
führen soll, Folgendes:
Lulea ist eine Stadt von 4000 Einwohnern,
liegt an dem nordwestlichen Ende des bottnischen
Meerbusens und treibt einen bedeutenden Hau—
del mit Holz. Sie hat eine freundliche Lage
und einen guten Naturhafen, in welchem Fahr⸗
— ven ersachaherihe ankern
Infolge der starken Sommerwärme und des
Das bedeutendste Kaufhaus der Welt 8 Polartags ist der Pflanzenwuchs der
cheint das Warenmagazin von Whiteley in der Begend reich zu nennen. Am 27. Juli ver—⸗
ashionablen Londoner Vorstadt Bayswater zu ließen wir Lulea und kamen denselben Abend
ein. Aus kleinen Anfängen ist es mit Hilfe nach dem etwa 35 (englische) Meilen entfernten
ines Kapitalisten deutscher Abstammung ent- Ljusne, von wo wir dem Lule-Elf bis Boden
tanden. Es ist natürlich den Gewohnheiten folgten. Von da geht der Weg in nördlicher
der Engländer entsprechend eingerichtet, die Richtung und endigt bei Holmfors, achtzig
Ruhe und Ordnung, die in den Hunderten von Meilen von Lulea. Nach einem forcierten
»einzelnen Departements herrscht, welche räumlich Marsche erreichten wir am 3. August um 2 Uhr
jon einander getrennt sind, bietet einen wohl- nachts Gellivara. Auf der ganzen Strecke von
huenden Gegensatz gegen die Art und Weise, Lulea bis Gellivara finden sich große Sand—⸗
nit der in Paris (Louvre, Printemps, Bon und Kieslager, hier und da mit Steinbügeln
Marchs ꝛc.) die teuersten Stoffe und kostbarsten abwechselnd, weshalb die Anlage einer Eisenbahn
Roben achtlos auf einen Haufen geworfen und durch diese Gegenden keine Schwierigkeiten hat.
vieder auseinander gezerrt werden. Eine Das Kirchspiel Gellivara hat 4000 Einwohner,
dieblingsbeschäftigung der Engländerinnen ist eine hübsche neue Kirche und einen sehr guten
„shopping“, d. h. in die Läden zu gehen, und Gasthof. Der Gellivaraberg besteht ausschließ—
ich dort anzusehen, was man später einmal lich aus einem sehr reichen Eisenerz, welches
aufen will, und wo könnten sie dies besser thun, Hunderte von Fuß hoch über dem Erdboden
als in einem Etablissement, in welchem alles liegt und sich über eine Fläche von mehreren
zu haben ist, wessen man überhaupt bedarf Quadratmeilen erstreckt. Eine geringe Menge
Zo wunderbar es auch klingen mag, es ist that desselben wurde während des Winters zum
ächlich wahr, Whiteley ist im stande, den bottnischen Meerbusen hinab geschafft. Die
Menschen von der Geburt an bis an sein Lebens- Eisenbahn wird rund um den Berg gehen, den
ende zu versorgen, ja darüber hinaus bis ins man mit leichter Mühe abtragen und in die
Zrab kann sich seine Fürsorge erstrecken. Er Wagen laden kann. Am 4. August kamen wir
jat Wiegen und Wäsche für Säuglinge, Lehn⸗ zu dem Landsee Tjantjas, dessen Ufer von Finnen
tühle und Krankenwagen für den Greis; Anzüge bewohnt werden und der ganz vortreffliche
ür den Arbeiter und die elegante Ballrobe fuͤr Forellen enthält. Unser nächstes Ziel war der
zie Dame; er verkauft ebensowohl Blumen und große Eisenberg Kirunavara, dessen Metallspitze
Bänder, als Zucker und Kaffee. Die Hausfrau in einem Abstande von 40 Meilen gesehen
ann alle Requisiten für ihre Küche und der werden kann; im Sonnenlichte glänzt sie wie
Musikliebhaber jedes denkbare Instrument von Bußstahl. Gegen Mittag des 17. August stan⸗
der großen Kirchenorgel bis zur Okarina finden den wir auf der Spitze dieser gewaltigen Magnet—
Fleisch und Fische, lebendige Affen und Hunde eisenmasse 880 Fuß über der Fläche des Sees.
zrächtige Equipagen und exotische Pflanzen, Der Berg hat eine Ausdehnung von mehreren
urzum alles, was überhaupt denkbar, wird Meilen und man nimmt an, daß er über dem
nan dort nicht vergeblich suchen. Aber alles, Niveau des Sees ungefähr 280 Millionen
vas da zu kaufen ist, ist auch zu mieten, und Tonnen Erz enthält. Es bedarf keines Gruben—
rnicht nur Ausstattung eines Diners, auch das daues, um das Eisen zu gewinnen; man soll es
Diner selbst wird von Whiteley geliefert. Er iür 2 Shillinge die Tonne verladen lassen
»aut Häuser auf Bestellung und richtet sie voll- können. Der Berg liegt etwa 85 Meilen von
tändig ein, mietet Dienstleute und verschafff dem Ofotenfjorde. Fünf Meilen nordwestlich
Theaterbillets, giebt seinen Kunden Akkreditive von Kirunavara erhebt sich, ebenfalls 889 Fuß
iuf alle Plätze der Welt, und besorgt ihnen über die Oberfläche des Sees, der Berg Luosa⸗
Wohnungen in Pecking so gut wie in Paris vara; derselbe besteht ebenfalls aus dem reichsten
Er ist Bankier, Leichenbestatter, Bäcker Schlächter, Eisenerze. Die Berge sind durch ein tiefes Thal
ind Waschanstaltsbesitzer, Spediteur, Färber und getrennt, durch welches die Eisenbahn gelegt
Friseur, Kohlen- und Getreidehändler, Restau werden soll. Nach einem höchst inieressanten
rateur, Drucker, Verleger und Buchhändler. Marsche längs der projektierten Bahnstrecke zum
Diesen ungeheuren Anforderungen entsprechend atlantischen Meer langten die Reisenden am
ind die Magazine und Vorratsräume einge 13. August am Ofotenfjorde an. Das wenig
richtet. Ueber 4500 Personen sind in ihnen bevölkerte Land kann nach ihrer Aussage eine
zeschäftigt, von denen der bei weitem größere zahlreiche Einwohnerschaft ernähren und wird
Teil Wohnung und Kost von Whiteley erhält. durch die Eisenbahn sehr gehoben werden.
Für die Redaktion verantwortlich: C. Hofer. Druck und Verlaga von Gebr. Hofe⸗—