Saurhrücker Gewerbeblutt
für Industrie, Handel und Verkehr.
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X 34.
1883.
W Gewerbe und Vreise.
(Nachdruck verboten.)
Das Gewerbe und die Presse sind zwei Freunde
die sich zu einander verhalten wie nur zu of!
Freunde überhaupt. Es ist zwar das Gefühl
in ihnen eingewurzelt, daß beide einander un—
entbehrlich sind, aber in gewöhnlichen Zeiten
kümmert sich trotzdem der eine wenig um den
anderen. Erst ungewöhnliche Zeiten voll No—
und Elend lassen beide einander wiederfinden
bringen sie zusammen und vereinen sie zu einem
gemeinsamen und alsdann um so kraftvolleren
Handeln. Im Grunde genommen ist dies jedock
verkehrte Welt; das Gewerbe und die Presse
sollten vielnehr dauernd Hand in Haund
gehen und dauernd einander unterstützen;
denn alsdann erreichen beide schon in gewoͤhn
lichen Zeiten das, was ihnen in der Zeit der
Bedrängnis durch ihr gemeinsames Handeln erst
unter Müh' und Not zu Teil wird, dann er—
freuen sich beide eines dauernden Blühens, wäh
rend sonst Rückgang und Gedeihen, Fallen und
Steigen in unnatürlicher und ungesunder Weist
abwechseln.
Das Gewerbe jeder Art, Großindustrie, Klein—
industrie, Handwerkertum, Handel und Verkehr
— alles sollte sich mehr als bisher der Presse
in jeder Gestalt bedienen und umgekehri sollte
die Presse auch mehr Rücksicht als bisher auf
die Interessen des Gewerbestands nehmen; denn
hier liegt, wenn man nur der Sache bis auf
den letzten Grund gehen will, schließlich doch
immer der Kern- und Ange'punkt aller und
jeder Fragen, und jede politische Frage ist nichts
anderes als eine Existenzfrage sür den einen
oder anderen gewerblichen Kreis.
Wenn der Gewerbestand aber gerecht sein
will, muß er zugestehen, daß die Einsicht von
dieser Lage der Dinge bei der Presse bereits
weit verbreiteter und längst mehr gewürdig'
worden ist, als bei dem Gewerbestande selbst
Wir von der Presse haben längst eingesehen,
daß ohne eine thatkräftige Unterstützung seitens
des Gewerbestandes unser ganzes Beginnen und
Thun ein vergebliches ist; wir sind es deshalb,
welche bei der Industrie, dem Handwerk und
dem Handelsstande werben gehen, — zum
Teil im eigenen Interesse, zum Teil aber auch
wieder im Interesse der Umworbenen selbst.
Leider war bisher, mit geringen Ausnahmen,
der Liebe Müh' uümsonst. Man verlangt zwar
von uns, daß wir die Interessen aller moͤglichen
Gewerbekreise in Schuͤtz nehmen, wo es Nol
thut; aber Niemand unterrichtet uns
darüber, wo die Not eigentlich sitzt.
Wir müßten deshalb schon das Gras wachsen hören
können, wenn wir rechtzeitig mit Wort und Feder
beispringen sollen. Trotzdem verdrießt es uns
nicht, herzuzuspringen, wo es uns notwendig
scheint, und mit all' unseren Waffen darauf los
zuschlagen. Aber wie schlecht kommen wir manch—
mal, nein nur allzu oft dabei an! Da ist ein—
mal dies und einmal jenes nicht sach⸗ und fach—⸗
gemäß. „Man merkt gleich, der Mann, der
das geschrieben hat, versteht nichis von der
Sache; er ist kein Sachverständiger!“ — heißt
es allsobald, wenn es nicht aufs Tüpfelchen
stimmt, ja selbst schon, wenn hie und da ein⸗
mal ein nicht ganz kunstgerechter Ausdruck mit
unterlauft. Darnach müßte ein echter und
rech ter Journalist eigentlich erft in Demn Ge—
werbe einen Kursus durchgemacht haben, ehe er
die Feder in die Hand nehmen darf; er müßte
eine Sohle auf den Stiefel zu setzen verstehen
und den Hobel führen, auch ein schmackhaftes
Bier brauen können; er müßte als Kommis ge—
arbeitet haben, im Warenspeicher zu Hause sein,
sich im Berg- und Hüttenwesen umgesehen haben,
womöglich als Musterreisender ducch die Wel
zezogen sein und was sonst noch alles gesehen
jethan und gelernt haben!
Nein, so kommt die Sache niemals zum be
friedigenden Austrage; so wird die Frage, wie
man die Interessen des Gewerbestandes in der
Presse öffentlich zu Worte kommen lassen kann,
ziemals gelöst, denn wir können schlechterdings nicht
in jedem Fache sachverständig sein. Wir woller
es aber auch gar nicht; wir kennen und ver
stehen gleich den anderen Gewerbtreibenden nur
ein Fach, das ist dr Journalismus, und
unstere Sachverständigkeit geht deshalb ledig
lich dahin, das journalistisch zu verarbeiten, was
uins aus den Kreisen der Interessenten heraus
m Hoffnungen, Wünschen, Klagen und Beschwer
den entgegengebracht wird. Unser Beruf ist es,
der Katze die Schelle umzuhängen und sie ins
Land hinauszujagen. Man liefere uns nur die
Schellen dazu, wir hängen sie schon um! —
Nichts Anderes und nichts Besseres kann sich
die Presse wünschen, als einen regen Verkeht
mit dem zeitun-lesenden Publikum; daraus
nimmt dieselbe immer neuen Stoff zu ihren
Erörterungen und Vorstellungen. Auf diesem
vechselseitigen Verkehr beruht auch ihre ganze
Stärke und diejenige Zeitung ist immer die
nächtigste gewesen, welche innige Fühlung mil
hrem gesamten Leserkreis hatte. Aber gerade in
diesem Umstande liegt wieder die Entschadigung
velche dem Publikum für seine thatkräftige Mit
arbeiterschaft zu Teil wird; denn die Zeitung
autzt die Macht, welche sie sich infolge ihre⸗
innigen Verkehrs mit den Lesern verschäfft hat
ja nicht nur zu ihrem eigenen Vorteil, sondern
wieder auch zu demjenigen des Publikums aus
und derjenige, welcher von einer mächtigen Zei
tung auf den Schild gehoben und unterstütz
vird, hat eine Macht auf seiner Seite, welche
venn's sein muß, ganze Institutionen über den
daufen zu werfen vermag.
So liegt es offenbar im eigensten Interesse
der Gewerbetreibenden, wenn sie diejenigen
Blätter, welche es sich glich dem unserigen ur
Aufgabe machen, den Gewerbestand in seinen
Interessen zu unterstützen, durch Kundaebung
die ser Interessen fördern.
Es wird deshalb darauf ankommen, daß uns
eitens unserer Leser nichts an Materialien
Andeutungen darüber, was sich zur Bespechung
eignet, gelegentliche Mitteilungen über lokale
Preis⸗, Absatz⸗ und Verkehrs-Verhältnisse im
Allgemeinen — Materialien, welche sich bei
edem, selbst dem kleinsten Geschäftsmann in
Fülle vorfiden und ansammeln müssen — vor
znthalten wird Für den Einzelnen haben diest
Materialien vielleicht kaum einen Wert, aber
ins Licht gezogen, kritisch durchgangen und mi
onstigen Verhaͤltnissen verglichen, bieten sie nich
elten Fundgruben für denjenigen Gewerbe
creibenden, welcher dem geschäftlichen Fortschrit!
iberhaupt ergeben ist.
Gerade die Lage, in welcher sich unser engeres
Revbier als besonderes Industriegebiet gegenüber
den vielen anderen konkurrierenden Industrie—
gebieten befindet, muß allen Vertretern unserer
Industrie die Ueberzeugung notwendig auf—
drängen, daß nur ein lebhaftes und inniges
Zusammenhalten der Interessen-Gemeinschaäft,
wie es sich hier durch ein regelmäßig und
fortgesetzt erscheinendes Organ gleich dem „Ge—
verbeblatt“ darbietet, auf die Dauer die fort—
vährend drohenden Konkurrenz Gefahren hintan—
halten kann. Wenn dazu unsere Industrie in
sich völlig einig ist und nach Außen hin in
allen wichtigen Fragen wie ein Mann zusam—
mensteht und vorgeht, wird sie sich auch den
an sich weit mächtigeren Verbindungen aunderer
Industriegebiete gegenüber halten können.
Dazu kommt das bedrückende Gefühl, daß
insere Industrie, welche vor der Hand auf dem
heute geltenden maßvollen Schutzzoll-System be—
ruht, noch fortwährend und immer wieder von
reuem von den radikalen Anschauungen des
absoluten Freihandels in ihrer soeben erst wieder
angehenden Blüte von Grund aus bedroht wird.
Auch hier kann nur sortdauernde und völlige
Finmütigkeit gegen den neuen Einfall der Ver—
derben in sich tragenden Ideen Schutz bringen.
Deshalb vergesse man über den schließlich für
die Existenz unser aller doch allein maß⸗ und
ausschlaggebenden großen Interessen die Son—
derinteressen, wo sich diese bemerkbar machen
ollten. Man stehe vielmehr fest und einig zu—
ammen, um die guten Zwecke zu fördern.
Dazu gehört aber vor Allem jene thatkräftige
Unterstützung der Presse, die heute noch mangelt.
Man verlange von uns nicht, daß wir die
mannigfachen Interessen des so weit verzweigten
GBewerbestandes gleich und ebenmäßig, stets recht⸗
zeitig, scharf und schlagfertig unterstüßen, weun
vir nicht selbst dabei unterstützt werden. Wer
so Dienste ohne Gegendienste verlangt. dem
rufen wir mit Goethe zu
Mann mit zugeknöpften Taschen,
Dir thut niemand was zu lieb;
Hand wird nur von Hand gewaschen,
Wenn du nehmen willst, so qieb!
Zweite Stückgutklasse.
Eine unzweideutige Kundgebung darüber, wie
die preußische Staatsregierung eigent—
ich üher die neu angeregte Frage der zweiten
Stückgutklasse denkt, ist unseres Wissens
noch nicht erfolgt, so wünscheuswert eine solche
väre. Unter solchen Umständen verdient umso
nehr ein Artikel in der letzten Nummer der
Zeitung des Vereins Deuͤtscher Eisenbahn⸗
Lerwaltungen“ Aufmerksamkeit, welcher sich mit
ieser Frage beschäftigt. Diese Zeitung kann
war gerade nicht als Organ der Regierung
gelten, da sie sich bisher auf dem Standpunkt
»es Privatbahn⸗Systems konsequent erhalten hat,
rcotzdem sie um sich herum dieses System in
Stuͤcke fallen sehen mußte, aber der ganze Ton,
der durch die erwähnte Auslassung geht, deutel
darauf hin, daß wenigstens in dieser Frage, wenn
nicht die Ansichten der Staatsregierung,
so doch siberlich diejenigen der Staat sEiseu—
vahn-Verwaltungen zum Ausdruck kom—
men. Wir nehmen deshalb im Nachnehenden
Bonninis uvnn der Nussafsun-