120
Wie viel Witwen leben im Deutschen
Reich?
Seltsame Frage! Interessanter freilich und
auch ein besserer Apell an das männliche Ge—
schlecht wäre die andere: Wie viele Mädchen
gibt es in Deutschland, die über die Wahrschein—
lichkeit des Heiratens hinaus sind? Aber mit
diesem Problem hat sich die Berufsstatistik nicht
beschäftigt; auf Wahrscheinlichkeiten läßt sie sich
bekanntlich nicht ein, sondern nur auf That—
sachen, und so müssen wir uns denn auch hier
mit der Thatsache begnügen, daß die Zahl der
Witwen im Deutschen Reiche vor einem Jahre
auf 1909540 festgestellt worden war, so daß
wir gegenwärtig in unserem deutschen Vater—
lande rund zwei Millionen Witwen zählen dürfen
Gewiß eine staͤttliche Zahl, wenn man erwägt
das die Zahl der verheirateten Frauen in Deutsch
land durch die Beruiszählung als 78193682 sich
ergeben hatte, so daß auf je vier verheiratete
Frauen eine Witwe kommt. welcher Umstand sich
in anderer Weise auch dahin fassen läßt, daß
von je vier Frauen immer eine die Wahrschein
lichkeit hat, Witwe zu werden.
Auch auf das Thun und Treiben der Witwen
geht die Statistik insofern ein, als sie konstatiert,
daß unter den zwei Millionen sich nur 8öb 925
erwerbsthätige, d. h. in einem bestimmten Ge—
werbe ausschließlich thätige befinden, während
sich die Anzal der unbeschäftigten oder nur neben—
sächlich und unbestimmt erwerbsthätigen auf
ungefähr eine Million und fünfzig Tausend be—
läuft. Solche Witwen, welche von eigenem Ver
mögen, von Renten oder Pensionen leben, waren
nur 8648 zu verzeichnen.
So nüchtern diese Zahlen erscheinen, gewähren
sie doch einen Einblick in die Verhält—
nisse unserer deutschen Witwen. Nehmen wir
die Ziffern zu Hilfe, welche die Einkommen—
steuer⸗ und die Klassensteuerlisten in Preußen
über die Vermögenslage der preußischen Bevöl—
kerung uns an die Hand geben, und übertragen
wir diese Verhältnisse auf die anderen Landes—
teile, so dürfen wir annehmen, daß mindestens
80 Prozent aller Witwen ein Leben voll Not
und Jammer führen und von der Hand in den
Mund leben. Diese Verhältnisziffer enthält zu—
gleich eine ernste Mahnung für alle Eheleute,
die Zukunft von Frau und Kindern durch eine
Lebensversicherung, durch Einkauf in eine Wit—
wen⸗Pensionskasse sicherzustellen. Oder aber
wenigstens dazu, daß jede Haushaltung, welche
auf dem Verdienst des Ernährers beruht, von
vornherein und dauernd die größte Sparnis
übt, um mit der Zeit ein größeres oder kleineres
Kapital anzusammeln. Jedem Hausvater sollte
die Möglichkeit, daß sein Weib Witwe und seine
Kinder Waisen werden können, dauernd vor
Augen schweben. Mancher sonst unnötig aus—
gegebener Groschen blieb' dann im Sack.
Wenn die Berufsstatistik mit ihren trockenen
Zahlen hierzu einen neuen und nachhaltigen
Äntrieb gäbe, so hätte sie auf diesem Gebiete
ihre Kosten reichlich aufgewogen.
Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr.
Nr. 30
richtung zerstört und dadurch ein Entgleisen des
Fördergerippes hecbeigeführt wurde. Das Ge
ippe blieb in Folge dessen alsbald im Schachtt
stecken. Zwar wurde dasselbe stark verbogen
und wenn sich Menschen auf ihm befunden hätten,
so dürfte es denselben schlecht ergangen sein.
Begenwärtig nun hat Ingenieur Pelzer eine
Fangvorrichtung konstruiert, welche auch bei
Seilbrüchen, die bei niedergehendem Förderge—
rippe stattfinden, eine vollkommene Sicherheit
nicht allein gegen das Hinabstürzen, sondern auch
gegen jede Beschädigung der fahrenden Personen
Jewährt. Auch ist gleichzeitig der schädliche Ein—
luß des Unterhängseiles in Bezug auf die Er
jöhung der Gesahr bei Seilbrüchen vollständig
beseitigt, indem mit der Fangvorrichtung eineé
Einrichtung verbunden ist, welche im Momente
»es Fangens derselben das Unterhängeseil ahwirft
RNotizen.
Glasdruckerei. Nach mannigfachen Ver—
uchen ist es dem Chemiker Wilhelm Grüne
in Berlin gelungen, ein zuverlässiges Verfahren
zu erfinden, vermittels dessen der bisher nur
zum Buchdruck verwendete Typensatz auch für
das spröde und widerwillige Material des Glases
benutzt werden kann. Es ist dadurch möglich
geworden, die jetzt noch auf dem Wege müh—
'amer Handarbeit durch Malerei hergestellten
Glasschilder ungleich schneller und billiger auf
mechanischem Wege nicht nur zu erzeugen, son—
dern zu vervielfältigen, was einen Fortfschritt in
der auf den Bedarf feinerer Geschäftsbranchen
berechneten Technik bedeutet, wie er vor kurzem
noch nicht für erreichbar galt. Die zu Jeder—
manns Einsicht verfügbaren Proben des durch
Patentanmeldung geschützten Verfahrens liefern
den Beweis, daß hier in seiner Art Vollkom—
menes geleistet wird, und zwar zu einem im
Vergleich mit der bisher gebräuchlichen Herstel—
ungsart verschwindend geringen Preise. Die
nach dem Grüneschen Verfahren mittels Typen—
drucks hergestellten Glasschilder eignen sich für
die mannigfaltigsten gewerblichen Zwecke, nicht
nur als Ersatz der gemalten Namen- resp. Firma—
childer, sondern auch für zahlreiche andere Massen—
artikel, da der Druck wie auf Papier beliebiq oft
vervielfältigt werden kann.
Tabak und Nikotin. Im Jahrgange 1882
wurden in Elsaß-Lothringen von 3848 Pflanzern
auf 946,89 Ares 2455 349 Kilogramm Tabak
geerntet, zu 2595 Kilogr. auf den Hektar und
im Mittelpreis von 38 Mkefür 100 Kilogr.
Der Tabak aus dem Elsaß und aus der Pfalz
enthält 3 bis 4 Prozent Nikotingift, während
der Tabak aus Havanna nur 2 Prozent enthält
und der griechische Tabak fatt nikotinfrei ist.
Dr. Butze in Altona hat ein Verfahren erfun—
den, dem Tabak einen Teil seines Nikotingehaltes
durch Fermentation zu entziehen. Besondere
Tigarrenspitzen tragen das ihrige dazu bei, das
Nikotin unschädlicher zu machen.
Russische Eisen⸗ und Kohlenzölle. In
den letzten Jahren haben bekanntlich an ver—
schiedenen Orten Rußlands Kongresse der Besitzer
oon Hüttenwerken und Kohlenbergwerken stattzefunden
und die Verhandlungen endeten regel—
mäßig damit, daß an die Regierung Petitionen
zerichtet wurden, in denen es als dringendste
Notwendigkeit hingestellt wurde, daß der Ein—
zangszoll auf Gußeisen bis auf 15 Kopeken für
das Pud erhöht und jedes Pud Kohlen, das
über das Baltische oder das Schwarze Meer
oder über die trockene Landesgrenze eingeführt
wird, mit einem Zoll von 2 bis 3 Kopeken be—
legt werde. Die Regierung hat, wie russische
Blätter melden, nunmehr eine aus Beamten der
Ministerien der Finanzen, der Reichsdomänen
und der Wegebauten bestehende Kommission ein—
gesetzt, um die Sachlage zu untersuchen. Der—⸗
elben Kommission liegt auch die Frage vor, ob
der Zoll auf Zink, Zinkerz, Zinkweiß, Eisenerz
ind feuerfeste Ziegel eine Äbaͤnderung resp. Er—
yöhung erfahren soll.
Die Trauben vor den Wespen zu
schützen. Die Straßburger „Landwirtschaft—
iche Zeitschrift“ empfiehlt ein Mittel, die reifen
Trauben vor den Wespen zu schützen. Man
füllt Arzneiflaschen halb mit gezuckertem Bier
ind hängt sie an die Rebstöcke. Ein Korrespon⸗
dent fügt ergänzend hinzu, er fülle Flaschen
aller Art und bestreiche die innere Flaͤche des
Flaschenhalses mit Honig oder Fruchtsaft. Wes—
den, schädliche Frosstspanner und Schnaken wer—
den in Menge gefangen.
Verfahren, Tusche flüssig zu erhalten.
Wenn man längere Zeit mit Tusche zu arbeiten
jat, so löst man ein Stückchen in warmem
Wasser auf und setzt den zehnten Teil Glycerin
hinzu, welches sich nach kurzem Schütteln mit
der, Tusche innig vermengt. So zubereitete
Tusche hält sich in einem verkorkten Fläschchen
ehr gut, und sollte sich bei Kälte eine schwarze
Ballerte bilden, so wird dieselbe durch Erwärmen
gelöst. Die Tusche fließt gut aus der Feder
und verwischt sich nicht
Von der großen Gefährlichkeit des
bergmännischen Berufes
und von der Wahrheit des Sprichwortes: „Der
Bergmann trägt täglich sein Totenhemd,“ geben
die folgenden statistischen Daten Zeugnis, welche
wir dem ‚Westf. Merkur“ entnehmen: Im
Jahre 1882 sind bei den annähernd 89 000
Bergleuten des Westfälischen Steinkohlenbeckens
377 Personen tötlich verunglückt, 1058 so schwer
zerletzt, daß länger als 4 Wochen andauernde
Arbeitsunfähigkeit die Folge war. Es kommen
demnach auf 1000 westfälische Steinkohlenberg—
leute in einem Jahre mehr als 4 tötlich verun—
zlückte und nahezu 12 erheblich Verletzte. Von
den Mitgliedern des Märkischen Knappschafts
dereins allein (in dem westfälischen Steinkohlen
becken bestehen 4 Knappschaftsvereine, nämlick
derjenige von Zeche „Rheinpreußen“, der Mül—
heimer, Essener und Märkische d. i. Bochumer,
iind in den letzten 5 Jahren nicht weniger als
346 Bergleute derart verunglückt, daß der Tod
nnerhalb 24 Stunden nach erfolgter Verun—
zlückung eintrat. Es verunglückten 1878 von
18 201 Mitgliedern 144, 1880 von 652 326 Mit
zliedern 166. Die Zahl derjenigen, die später
als 24 Stunden nach erfolgter Verunglückung
sestorben, läßt sich nicht genau feststellen. Ueber
saupt verletzt, so daß ärztliche Behandlung ein
reten mußte, wurden von den Mitgliedern ge—
nannten Knappschaftsvereins in dem angeführten
Zeitraum der letzten 5 Jahre etwa 25 000. Von
den im Jahre 1881 vorhandenen 4431 Invaliden
hatten 1019 ihre Invalidität in Folge Ver
ietzung bei der Arbeit beantragt, von 3279 Wit
wen hatten 780 ihre Männer durch Verunglück
ung verloren, und nach diesen Zahlen läßt sich
auch der Prozentsatz leicht ermessen, welcher von
den 12966 auf die erwähnten Witwen entfal⸗
lenden Kindern des Vaters und Ernährers durch
dessen Verunglückung beraubt worden ist. Es
ergiebt sich hieraus zur Genüge, daß es wohl
kaum eine zweite Industrie geben dürfte, welche
derartige Opfer an Menschenleben fordert wie
der Bergbau, und im ganzen preußischen Staate
sjat der Oberbergamtsbezirk Dortmund die größtt
Zahl von Verunglückungen beim Bergbau auf
uweisen, was zum Teil allerdings auch darau“
zurückgeführt werden muß, daß es der ausge—
dehnteste Bezirk ist. Die sogenannten Massen—
anglücksfälle haben in der Regel in der Explo—
ion schlagender Wetter ihren Ursprung, und sei
n dieser Beziehung auf folgende Fälle, welche
ich in dem westfälischen Steinkohlenbecken zu—
getragen, beispielsweise hingewiesen: Durch Ex
olosion schlagender Wetter verunglückten 1861t
nuf Zeche „Neu⸗Iserlohn“ bei Langendreer 89
1870, auf „Massen“ bei Unna 10, 1877 au
„Borussia“ bei Marten 15, 1879 auf „Neu—
Iserlohn“ wiederum 22, 1881 auf ‚Louise“ bei
Barop 17, in demselben Jahre auf „Zollern“
bei Marten 10, 1882 auf „Pluto“ bei Wanne
6b, am 16. Februar d. J. auf „Borussia“ wieder⸗
um 6, am 13. September auf „General Blumen—
hal“ bei Recklinghausen 9 und am 19. Sep—
ember auf „Massen“ bei Unna wiederum 16
Beraleute
Ueber Fangvorrichtungen.
Dortmund, den 8. Oktober 1883.
Auf der in der Nähe der Stadt Dortmund
gelegenen Zeche Tremonia ist vor mehreren
ZJahren eine daselbst in Anwendung gewesent
Fangvorrichtung, nachdem dieselbe bei einem Seil⸗
bruche bei aufwaͤrtsgehendem Fördergerippe ihren
Zweck nicht erfüllt hatte, von dem Cipilingenieur
Pelzer hierselbst revidiert und entsprechend ab
geändert worden. Seitdem sind eine größere
Anzahl Seilbrüche auf der genannten Zeche vor
gekommen und hat sich die Fangvorrichtung
sedesmal aufs beste bewährt. Selbst bei dem
kürzlich erfolgten Bruche der Königsstange bei
niedergehendem Fördergerippe wurde das⸗
selbe durch diesen Apparat vor dem Sturze in
die Tiefe bewahrt, indem der Stoß, welcher
durch das plötzliche Arretieren des mit großer
Geschwindigkeit niedergehenden und mit vier
leeren Wagen besetzten Gerippes erfolgte, die
Schachtleitung (Spurlatten) non der Fanqpor⸗
34 Ma Ma —ͤA— 2465 irk Und Moersar 2*