Nr 29
Eine feuer⸗ und dampflose Lokomotive
hat kürzlich M. Honigmann in Aachen konstruiert
Ind auf der dortigen Straßenbahn probeweise
in Betrieb gesetzt. Der Rektor der Aachener poly—
technischen Hochschule, Prof. Dr. Wüllner, äußerte
sich in der AÄntritisrede seines Rektorats, der „K.
Zig.“ zufolge, wie folgt: ‚„Honigmanns Lokomo—⸗
ive ist eine Dampfmaschine, welche auf den ersten
Blick allen Grundsätzen der Theorie zu wider—
sprechen scheint. Dieselbe wird geheizt durch den
arbeitenden Dampf selbst; sie braucht nur ein
mal auf einer Centralstation angeheizt zu werden,
so wie sie dann beginnt, Arbeit zu leisten, hält
fie sich selbst je nach den gewählten Verhältnissen
durch Verwendung des Dampfes, der die Maschine
treibt, kürzere oder längere Zeit auf einem nahe—
zu konstanten Spannungs;ustand. Der von Honig
mann benutzte physikalische Satz ist in den Kreisen
der Physiker seit, langen Jahren bekannt. Im
Jahre 1822 publizirte Faraday in den „Annales
de chimie et de paysique“ eine Notiz, daß ein
Thermometer, dessen Kugel mit Salz bestreut
sei, in dem Dampf von siedendem Wasser ge—
halten, eine Temperatur von mehr als 100 Grad
annehme, daß man also mit Dampf von 100
Grad eine höhere Temperatur erzeugen könne
Diese Notiz Faradays begleitete der Redacteur
der Annalen mit der Bemerkung, daß die That—
sache in Frankreich längst bekannt gewesen sei,
ja auch, daß man durch Einleiten der Dämpfe
von siedendem Wasser in Salzlösungen die letzte—
ren bis zu ihrem Siedepunkte erhitzen könne,
also bis zu Temperaturen, die weit höher sind
als diejenigen der Dämpfe Die Dämpfe werden
in der Salzlösung kondensiert und geben dabei
ihre ganze Wärme an die Salzlösung ab, sie
müssen deshalb die Salzlösung so lange weiter
erhitzen, bis diese keine Dämpfe mehr festhalten
kann, bis sie also selbst zum Sieden kommt.
Der Satz war auch keineswegs in Vergessenheit,
geraten, er ist wohl jedem Physiker bekannt und
oft genug in den physikalischen Vorlesungen
experimentell vorgeführt worden. Daß dieser
Satz aber in so eminent bedeutsamer Weise
praktisch verwertet werden könnte, das erkannte
erst der Scharfblick eines Technikers. Honigmann
konstruiert seinen Dampfkessel aus zwei Teilen,
einen inneren eisernen Cylinder und einem diesen
umhüllenden, ringförmigen Cylinder. Der innere
Raum wird mit einer gewissen Quantität konzen—
trierter Aetznatronlauge beschickt, welche bei etwa
190 Grad siedet, der äußere ringförmige Raum
erhält das Wasser, dessen Dampf die Maschine
treiben soll. Soll die Maschine in Thätigkeit
versetzt werden, so wird zunächst durch Einleiten
von gespanntem Dampf in das Wasser des
Kessels der ganze Kessel auf die Temperatur
gebracht, welche der Dampfspannung entspricht
mit welcher die Maschine arbeiten soll, somi
also, wenn ein Ueberdruck von drei Atmosphären
verlangt wird, auf etwa 145 Grad. Während
der Dampf bei den anderen Maschinen, nachdew
er den Kolben getrieben, in die Luft entweicht,
wird er jetzt durch eine Röhrenleitung in die
Natronlösung geführt und in dieser vollkommen
kondensiert. Der aufgenommene Dampf erhitz!
die Natronlösung über die Temperatur des
Wassers; eine nur wenige Grade höhere Tempe
ratur der Natronlauge genügt, um an das Wasser
die nötige Wärme abzugeben, die zur Bildung
des für die weiter zu leistende Arbeit erforder
lichen Dampfes und zur Erhaltung der Tempe
ratur des Kessels notwendig ist. Je mehr Dampf
die Maschine verbraucht, um so mehr wird auch
der Natronlösung zugeführt, um so mehr Wärmi
in derselben zur Disposition gestellt. Die Heiß
ung der Maschine reguliert sich somit selbst
Aber haben wir hier nicht das dem Prinzipe der
Erhaltung der Kraft widersprechen de erpetuum
mobile? Keineswegs, denn durch die Aufnahme
des Dampfes als Wasser verdunnt fich allmah—
lich die Salzlösung und damit sinkt ihr Siede—
punkt herab. Die Leistung der Maschine hört
deshalb auf, sobald der Siedepunkt so hief herab
gesunken ist, daß die Differenz der Temperatur
der Lösung und des Wassers nicht mehr groß
genug ist, um von der Lösung die zur Dampf
bildung nötige Wärme dem Wasser zuzuführen
Um z3. B. fuͤnf Stunden lang funf Pferdekraft
zur Verfüaung zu hahen hedarf ⸗ ⸗4iner Bo.
Saarbrücker Gewerbeblatt für Industrie, Handel und Verkehr.
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ichickuug des inneren Cylinders mit 500 Kg.
Natronlauge. Dann muß die Lauge wieder ein—
jedampft bezw. der Kessel mit neuer Lauge be
chickt werden.
Die Honigmannsche Lokomotive wird der elek
rischen das Terrain ganz gewaltig streitig machen,
a, wird sie voraussichtlich zunächst schlagen
Denn sie hat einen großen Vorzug vor jener
zei der elektrischen Lokomotive, wie sie heute ge—
daut wird, muß derselben Kraft durch eine Leit—
ing von der Centralstation zugeführt werden
die Honigmannsche Lokomotive trägt dagegen
hren Kraftvorrat in sich selbst, sie ist, einmal
angeheizt, von nichts Anderem mehr abhängig
Sie giebt aber ebensowenig wie die elektrische
Lokomotive Rauch oder Dampf ab, sie kann des
halb in Tunnels und Gruben angewandt werden,
ie kann auf den Straßen laufen, ohne daß der
ausgestoßene Dampf eine Störung des Verkehrs
serbeiführt. Sie bietet den geheimnisvollen An—
olick eines sich bewegenden Mechanismus, an
velchem keine Triebkraft zu erkennen ist.“
Die Feuchtigkeit in den Häusern und
deren Ursache.
Alle Häuser, welche auf nassem Baugrunde
tehen, also auf einem Terrain, das fortwaͤhrend
nit Wasser getränkt ist, haben in den zur ebenen
Erde gelegenen Räumlichkeiten, bisweilen auch
noch in denjenigen des ersten Stockwerkes, feuchte
Wände.
Diese Thatsache beruht auf folgender Er
cheinung. Jeder Ziegelstein ist mehr oder we
aiger porös, ebenso der ihn umgebende Mörtel;
es befinden sich also in den beiden eben ge—
tannten Körpern zwischen ihren einzelnen
Teilchen feine, dünne Kanäle. In diesen Ka—
aälen wird sich an den unteren Schichten des
Mauerwerks, welches im Erdreich liegt, fort⸗—
während Wasser befinden, da ja das Wasser,
wie jede Flüssigkeit, das Bestreben hat, in kom—
munizierenden, d. h. untereinander verbundenen
stöhren gleich hoch zu stehen.
Nun ist bei dem Wasser die Adhäsion, näm—
ich diejenige Kraft, welche verschiedene Körper
meinander hält, wenn sie sich an genügend
dielen Punkten berühren, größer, als die Cohä—
ion, d. h. die Kraft, welche die einzelnen Teil—
hen eines Körpers unter einander zusammen—
hält. Es werden daher in den vorhin erwähnten
danälchen an der Oberfläche des in ihnen be
indlichen Wassers diejenigen Wasserteilchen
velche die Kanalwände berühren, von letzteren
nehr angezogen werden, als von den benach—
barten nach der Mitte hin gelegenen Wasser—
ropfen. Sie werden demnach an den Wänden
aufsteigen. Je kleiner der Durchmesser des
danälchens ist, desto höher wird das Wasser
zehen. Diesen Vorgang nennt man Kapillar
attraktion (espilla Haar, attractio Anziehung
oder Haarröhrchenwirkung. Um nun dieselde
aufzuheben, muß man die vorhin erwähnten
Kanälchen verschließen, damit das Wasser nicht
mehr in ihnen empordringen kann. Dies ge
chieht dadurch, daß man bei einem neu zu er—
hauenden Hause sämtliche Mauern ungefähr
einen Meter über das Terrain hinaus aufführ
und dann auf dieselben eine ungefähr zwei
Centimeter starke Asphaltschicht in fluͤssiger Form
legt, auf der man daun weiter mauert. Wenn
nämlich Asphalt flüssig gemacht, wieder erstarrt,
so legen sich die einzelnen Teilchen desfelben
unmittelbar aneinander, so daß zwischen ihnen
teine Zwischenräume oder Poren entstehen. Auf
diese Weise werden die Kanälchen im Mauer
werk verschlossen und das Wasser kann nich
höher als bis zur Asphaltschicht steigen.
Die Wirkung der Kapillarattraktion kann man
auch im täglichen Leben beobachten, z. B. das
Aufsteigen des Wassers in Tüchern oder Schwäm—
men beruht auf dieser Erscheinung, denn zwi
schen den einzelnen Fäden und Fasern genannter
Stoffe befinden sich kleine Zwischenräume, welche
zusammenhängende Röhrchen mit fast unendlich
kleinem Durchmesser bilden, in denen dann in
oben beschriebener Weise das Wasser angezogen
vird. Dasselbe ist der Fall beim Auftrockner
der Tinte durch Sand oder Löschpapier. Die
nrelnen Sandtärnchen uümlich segsen Spich mi«
ihren Ecken und Kanten aneinander, so daß
zwischen denselben kleine Kanälchen bleiben,
velche die Tinte auf erwähnte Art anziehen;
beim Löschblatte sind es ebenfalls die kleinen
Zwischenräume zwischen den einzelnen Fasern.
In unserer jetzt gebräuchlichen Petroleumlampe
wird in dem Dochte das Petroleum aus dem
darunter befindlichen Bassin auf dieselbe Weise
emporgezogen. Das Aufsteigen der Tinte, der
Tusche in der Schreibfeder oder in der Zieh—
eder geschieht aus demselben Grunde, denn der
Spalt in der Schreibfeder oder die beiden an⸗—
einander geschraubten Schenkel der Ziehfeder
wirken als Kapillarröhrchen.
Auch in der Natur beobachtet man die Ka—
pillarattraktion, z. B. die Feuchtigkeit in der
Ackererde ruhrt davon her. In den Räumen
wischen den verschiedenen Kornern der Erd⸗
oberfläche geht das Wasser aus dem darunter
hefindlichen Grundwasser in die Höhe, bis es
an der Erdoberfläche von den Sonnenstrahlen
verdunstet wird. Ein weiteres Beispiel ist das
Aufsteigen der Säfte in den Bäumen und
Sträuchern; jedoch tritt hierbei zur Kapillar—
attraktion noch die Endosmose hinzu. Unter
Endosmose versteht man nämlich die allmähliche,
gegenseitige Durchdringung zweier aufeinander
geschichteten Flüssigkeiten. („Rh.⸗Westf. Ztg.“
„Was soll der Junge werden?“
Sehr alt ist die Klage, daß über eine der
wichtigsten Lebensangelegenheiten, die Wahl des
Berufs, der „Zufall“ entscheidet. Es fehlt ja
allenthalben an ensprechender Aufklärung über
die verschiedem Berufsarten, ja, in den meisten
Fällen nehmen sich Eltern und Söhne nicht ein—
mal die Mühe, umherzublicken unter den für
einen reiferen, die durchschnittliche Begabung
und Bildung besitzenden Knaben wählbaren
Fächern. Hier dürfte eine der Hauptstellen sein,
wo der Grund für das unser Zeitalter beherr—
schende Mißbehagen — abgesehen von dem zu
politischen und sozialen Parteizwecken künstlich
hervorgerufenen — zu suchen ist. In den höheren
Berufskreisen finden sich sehr häufig Menschen,
die ihr ergriffenes Fach verwünschen, ungeeignet
dafür sind oder es zu sein glauben, darum der
Besellschaft und sich selbst schlecht dienen und
das Proletariat von Gelehrten, Künstlern, Han—
delsjüngern, Amtsaspiranten ꝛc. vermehren. Um
zu einer Stellung zu gelangen, hat ihre Familie
dielleicht unverhältnismäßige, nach allen Seiten
schwer drückende Opfer gebracht. Und nun der
Erfolg nach langem, bangem Warten? — Sehr
oft winziger Anfang, langsames Aufrücken,
Mangel an amtlicher Selbststaͤndigkeit, Kümmer—
nisse. Wäre das so aufgewandte Kapital von
etwa 89000 M. erspart und dem in einem Ge—
verbe ausgelernten Sohne von 25 Jahren ge—
geben oder nur geliehen worden, so wären wahr⸗
icheinlich sämtliche Beteiligte besser dabei ge—
ahren, denn — wie es um den „aus der höheren
Bildung gezogenen sittlichen Gewinn“ in gar
ielen Fällen steht, soll hier nicht erörtert werden.
In der Regel sieht es der deutsche Vater, sehr
unähnlich dem englischen ꝛc, als Ehrensache an,
dem Sohne die größtmöglichste wissenschaftliche
Ausbildung zu geben und versäumt darüber,
den Willen desselben richtig zu erziehen, seinen
Körper zu kräftigen u. drgl. m. So führt
namentlich das akademische Studium Viele, die
nicht zu den seltenen erlesenen Geistern gehören
und deshalb doch nur höhere „lateinische“ Hand⸗
verker werden, in die bittersten Täuschungen.
Diesen Uebelständen, insbesondere weiterem Zu⸗
drang zu den höheren Berufsarten, will ein
soeben bei Wiegandt und Grieben in Berlin
erschienenes Buch entgegenarbeiten: „Der Pfad⸗
weiser. Rat für Eltern, Vormünder, heran⸗
wachsende Schüler in Hinsicht auf Berufswahl“
von W. Armknecht, Direktor der höheren Schulen
zu Varel. Es befaßt sich nicht mit hochtoͤnen⸗
den Redensarten über Rangstufe, sitilichen Ge
halt, staatliche Bedeutung, innere Befriedigung,
Befahren durch Charakterschwäche ꝛci, sondern
fordert eindringlich zu ernster Prüfung auf und
erleichtert diese durch eine Reihe nüchterner,
aber praktisch vecwertbarer Angaben über Fragen
ni-—M9M754 moschom Finkmorn Roninut