15. November / 45. Jahrgang
Dr. ERNST SCHERT Z, Saarbrücken-Metz
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Die verarbeitende Induftric Lothringens.
Allgemeiner Ueberblick.
D ic lothringische verarbeitende Industrie ist nicht so
umfangreich und bedeutend, wie man im allgemeinen
annimmt. Sieht man von den Eisenerz-, den
Kohlengruben und den Eisenhütten ab, so bleiben ungeflähr
450 indusirielle Betriebe übrig. Aehnlich wic
der lolhringische Bauer mit vier oder sechs Pferden
scinen schweren Boden bearbeiten muß, so schaffen
auch die meisten lolhringischen Arbeiter in körperlich
schweren Berufen, im Bergbau und in der eisenschaffenden
Industrie,
Mit Ausnahme der Glas- und Keramindustrie, der
Salinen und einigen wenigen anderen Betrieben hal
die lothringische verarbeitende Industrie meist Örtllichen
Charakter, Diese bekannten Industriezweige sind
gleichzeitig die ältesten, Die übrige Industrie ist zur
Hauptsache in der Zeit des Aufschwungs Loithringens
entstanden, als die Minette verhüttel werden konnte.
Auf diesem Stande ist sie aber auch oft stehen g°-blieben,
Aenderungen und Verbesserungen sind vielleicht
noch bis zur Zeit des Welikrieges angebracht
worden. Einrichtungen und Maschinen nach dieser
Zeit sind selten.
Einige Verbrauchsgülerfabriken sind nach 1918 und
einige nach 1935 errichtet worden, um den durch
Deutschland und‘ das rückgegliederte Saarland nicht
mehr zu deckenden Bedarf zu befriedigen,
Während so einige kleinere und mitllere Belriehbe
neu entstanden, sind‘ bekannte Werke der Werkzeugbranche,
große Nagelschmieden u. a. m. eingegangen
Die Werkstälten und Hallen hal man stehen lassen,
Niemand nat sich um sie gekümmert. Ein Zeichen der
Menschenleere und des Niedergangs Frankreichs.
Standorte der Industrie.
Die weiterverarbeilende Eisen- und Metallindustrie
ist in der Hauptsache in dem Raume zwischen Metz
und Diedenhofen nach der luxemburgischen Grenze zu
konzentriert, also im Westen und Nordwesten Lothringens.
Es liegen aber auch Werke in den Kreisstädten
Saarburg, Saargemünd, Forbach, Bolchen und auch in
Busendorf. In der Milte des Landes ziehen sich vom
Saaralben über Duß nach Salzburgen die Salinen und
ein Teil der chemischen Industrie,
Im Osten Lothringens, in den nördlichen Ausläuicrn
der Vogesen, liegen die meisten Sägewerke. In
diesen Vogesentälern und in dem waldreichen Bitscher-Jand
ist die Glasindustrie beheimatet, Saargemünd ist
weit bekannt wegen seiner Steingulindustrie und der
Seidenplüschfabrikation. Im Kreise Saarburg ist die
Textil- und die Bekleidungsindustrie stärker als im
übrigen Lothringen verireten
Verschiedenheit zum Elsaß.
Dieses in geringem Maße slärkere Auflreten der
Textilindustrie im südöstlichen Lothringen deulet auf
das Elsaß hin. Sonst hat aber der Aufbau der lothringischen
Industrie trotz der jahrzchntelangen Verbundenheit
mit dem Elsaß keine Verwandtschaft mit der elsässischen
Industrie. Ihn Gegenteil die Industrie ist vollständig
verschicden, In Lothringen herrschen die Grundstoffe
vor, Kohle, Erz und Eisen. Das Schwergewicht
ler elsässischen Industrie bildel dagegen die Verfeiaerung
und Vercdelung, die Maschinenindustrie, die
Textil- und Bekleidungsindustrie und die Tolzver
arbeitung,
Auffällig ist dagegen die Gleichartigkeit des Aufjaues
mit der saarländischen Industrie. Hier wie dor!
Xohlengruben, Eisenhülten, Glas- und Keramindustrie,
\uch die übrigen verarbeitendem Industriezweige weisen
n ihrer Art, ihrer Zusammenselzung und ihrer Größe
ihnliche Züge wie die Industrie des Saarlandes auf.
Lothringen und das Saarland bildeten bis 1935 cng
miteinander verflochlene Bezugs- und Absalzländer;
Rohstoffe und Fertigwaren kamen herüber und gingen
ıinüber. Lothringen war in vielen Dingen vom Saariand
abhängig. Deshalb errichteten saarländische Emizranten,
aber auch im Saarland verbliebene Fabrisanten
in Lolnringen Verbrauchsgüterfabriken, um den
othringischen Markt fortan weiter beliefern zu können
Troizdem 20 Jahre zurück.
Gleicher Aufbau wie im Saarland.
Trotz dieser vielfachen Verflechtungen beslicht Zwischen
lolhringischer und benachbarter reichsdeutscher
[ndustrie ein großer Unterschied. Während hier die
Betricbe versuchen, mit der Technik Schritt zu halten.
liegt bei der loihringischen Industrie vieles im argen
Die Industrie Lothringens ist, wie alles in Frankreich
auf dem Stande der Nacnkriegszeit stehen geblichen
Alles ist 20 Jahre zurück trotz der günstigen Produkjijonshbedingungen,
Der tiefere Grund ist der Unterschied
zwischen deutschem und französischem Wirtschaftszeist,
zwischen deuischem und französischem Denken.
Hier Arbeit, Zucht und planmäßige Ordnung und damit
?ortschritt! und Aufbau. Dort Bequemlichkeit, CGleichzültigkeit
und sehr oft Unsauberkeit, Nicht nur die
Werkstätlen, sondern auch die Büros sehen aus, als ob
nan noch das Jahr 1920 schrichbe. Die größeren Firmen
xurden zum Teil gar nicht in Lothringen, sondern von
Daris aus verwaltet. Ihre Inhaber waren die Herren,
die nach dem Weltkriege von der Sequesterverwaltung
für billiges Geld ein Unternehmen erwarben, sich nicht
ziel darum kümmerten, aber sich von dem Verdienst
in Paris gütlich taten, Dort Irafen sich die Direktoren
zu Besprechungen, Dort wurden die Generalversammungen
abgehalten. Das Lothringer Land stellte die
Bodenschätze und die Arbeitskräfte. Die Herren abor
‚erdienten gut und lebten außer Landes
Die verarbeitende Industrie und ihre Erzeugnisse.
Von der verarbeitenden Industrie ist zuerst dioenige
zu nennen, die sich auf der Grundlage von Kohjen
und Eisen aufbaut und hiervon wieder zuerst die
GieBereiindustrie. Sie besicht aus 11 Unternehmen
von meistens kleineren Ausmaßen, Zwei GraugieBereien
sind Nebenheiriebe von Herdfabriken,
Zine andere hal zur Hälfle für eine Herdfabrik gogossen.
Die größte Grau- und MeiallgieBerei mit über
200 Gefolgschaltsmitgliedern gehört zu einem Visenwerk.