Full text : 45.1940 (0045)

15. November / 45. Jahrgang

2365

Kommerzienrat Dr.h.c. Dr.-Ing. E.h. HERMANN RÖCHLING, Völklingen,
Generalbeauftragter für Eisen und Stahl in Lothringen und Meurthe et Moselle

Lothringens Sifeninduftric,

AS die Franzosen Ende 1918 in Lothringen ecinrückten,
 haben sie den Erwerb der lothringer Hütten
mitsamt ihrer Erzgrundlage als einen ganz großen Erfolg
 des gewonnenen Krieges angesehen. Als allererste
Maßnahme wurden auf allen Hüllenwerken Sequesteroffiziere,
 wie man sie nannte, d. h. Zwangsverwalter,
eingesetzt. Sämtliche Werke‘ waren damals in vollem
Betriebe. Das dauerte aber nicht lange, denn die politischen
 Methoden, die Frankreich uns gegenüber anwandte,
 führien sehr rasch dazu, daß der Minette-Koks-Tausch
 zwischen Lothringen und Rheinland-Wostlalen
 unterbrochen wurde, Man glaubte, auch aul
diesem Gebiete mit der brulalen Gewalt des Siegers
auftreten zu können, Statt die Dinge vernünftig weilerjaufen
 zu lassen, wie es der Wunsch jedes einzelnen
auf unserer Seite war, wurde die Sache auf die politische
 Ebene geschoben mit dem Erfolg, daß alles
schief ging. Ich selbst habe im Dezember 1918 an
Verhandlungen in Spaa teilgenommen, wo in der
eisigen Atmosphäre der Waffenstillstandsverhandlungen
 jedes vernünftige Wort unseren Delegierten im
Munde gefroren ist. — Die Franzosen gaben sich wie
die Rachegötter, die erbarmungslos aus dem unterlegenen
 Deutschen alles herauspressen wollten, was
sic glaublen, gebrauchen zu können, und von ‚dem sie
glaubten, daß seine Ablieferung uns auf das schwerste
schädigen würde. Der Engländer saß mit steifer Miene
dabei und wachle nur darüber, daß die Franzosen
nicht müde wurden, ihre Haßgefühle auszutoben. Der
Erfolg war natürlich auf unserer Seite der entsprechende.
 Wir lennien bei Verhandlungen von Sachverständigen
 rundweg die Zumulungen ab, die über einen
vernünftigen Erz- und Kokstausch, der beiden Teilen
gedient hätte, hinausgingen. Der Erfolg war, daß die
lothringer Eisenindustrie zunächst einmal zum Erliegen
 kam. Das geschah in einem Zeitpunkt, in dem
nach Kriegsende cin besonders großer Bedarf an Eisen
zum Wiederaufbau der zerstörlen französischen Kampfgebiete,
 aber auch zur Wiederherstellung der durch
den Krieg heruniergewirlschafteten Eisenbahnen in
ganz Europa vorhanden war. Es hat dann Monate gedauert,
 bis dieser Unsinn wieder eingerenkt war. Ja,
während der sogenannten Friedensverhandlungen in
Versailles im Mai 1919 beschäftigten wir Sachversländigen
 uns noch cinmal mit der Frage des Erz-Koks-Tausches.
 Nach sechs Monalen waren die Franzosen
vernünfliger geworden, so daß man da einig wurde
Aber inzwischen war ein halbes Jahr ins Land gegangen,
 und die Arbeit halte mehr oder weniger geruht,
 statt daß sie gerade zur Beseitigung der Kriegsschäden
 auf höchsten Touren gelaufen wäre,
Nur im ersten Jahrzehnt nach der Beendigung des
Weltkrieges hat die lothringer Eisenindustrie hinsıchtlich
 der Erz- und Roheisen-Gewinnung hie und da
einmal die Vorkriegszahlen erreichl, nach 1930 nicht
mehr. Frankreich wußte mit dem ihm unverdient in den
Schoß gefallenen Schalze nichts rechtes anzufangen,
Ueber eine 50%ige Kapazilätsausnulzung ist man bei
den Jothringer Hülten praktisch nicht hinausgekommen,
Auch in den Jahren. als in Deutschland die gesamte

Wirtschaft nach der Machtübernahme in steilem Anstieg
rasch die Grenzen der Leistungsfähigkeit erreichte und
lamit die Erweiterung der Betriebe zur unabweisharen
Nolwendigkeit wurde. diämmerle das französische Wirtschaftsleben
 müde dahin, Es zeigten sich keinerlei Anzeichen
 irgendeines kräftiger pulsierenden Lebens, Auch
ın den letzten Jahren vor Ausbruch des jetzigen Völkeringens
 war es nicht anders. Das Frankreich, das mil
ner verstiegenen Verblendung auf den Kricg zu-;teuerle,
 besaß nicht die Kraft, um sich auf die große
\useinanderseizung ernsihalt vorzubereiten. Infolgoelessen
 war auch die Eisenindustrie mit Ausnahme von
zanz kurzen Zeitspannen nie über die Hälfte ihror
Leistungsfähigkeit beschäftigt,
Dem entsprach auch der Zusland der Werke, als
wir sie übernahmen, Kurz vor dem Waffenstillstand
war eine ganze Anzahl willkürlicher Beschädigungen
 — besonders von elektrischen Eiaezichtungen
 und von gewaltigen Zerstörungen auf den
Erzgruben — von den französischen Gruben- und
Tüttenbeamlten vorgenommen worden. Abgeschen davon
 war infolge der cben geschilderten Verhältnisse
zeinerlei Vergrößerung der Leistungsfähigkeit herbeizeführl
 worden. Man findet z. B. in dem Lande die
ältesten Tnomaswerke des Konlinents, noch versehen
nit zentralen hydraulischen Gießkranen, um die zwei
ader drei Konverter herumgruppiert sind, — eine Einozichtung,
 die wir in Deutschland seit einem Menschenalter
 nicht mehr kennen. Konverter von einer Aufaahmefähigkeit
 von 13 Tonnen für die Charge, die os
n Deutschland nur noch da gibl, wo man sich mil
ajner geringen Thomasstahlerzeugung wegen allzu bezrenzter
 Erzvorkommen begnügt, sind in einem halben
Dulzend von Exemplaren vorhanden, Und dies in dem
zrößten Hültenkonzern des dortigen Gebieles, der ofl
zenug 1% Millionen Tonnen Stahl gemacht hat. Nur
auf der Carlshütte hei Diedenhofen, bei der wir schon
m Weltkriege den Bau eines Thomasstahlwerkes anzefangen
 halten, wurde dieses nach Jahren von den
Franzosen — natürlich auf Reparationskonto —- fertig
zebaut und ınit einem größeren Walzwerk und einem
Edelstahlwerk verschen. Die mit uns befreundele Longwyer
 Gruppe hatte dies Werk, das in sehr schwierige
Verhältnisse gekommen war, übernommen. Sie war
aber wegen der schwierigen Wirtschaftsverhällnisse
aicht selbst in der Lage, den Ausbau zu vollenden, so
daß ein großer Teil vor Beginn des Krieges erst halb
'ertig war. Im Mai dieses Jahres, als die Nicderlage
schon greifbar wurde, hat man dann mit bemerkenswericr
 Energie ein paar Elektroöfen, einige Walzenstraßen
 und Dampflhämmer mit zugehörigen Hallen
ıbgerissen, alles auf 400 Eisenbahnwagen verladen
ınd diese in die Gegend von Bordeaux verbracht. Dort
vollle man diese Einrichtungen zu einer ncuen Stahlarzeugung
 verwenden, Inzwischen ist der größte Teil
vieder zurückgebracht und wieder aufgestellt worden
Leider geht das Aufbauen nicht so rasch wie das Absejßch.
 Wir werden also noch eine gewisse Zeit brauchen,
 bis wir die Anlagen wieder in Betrich hahep
werden
            
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