15. November / 45, Jahrgang
Bedeutung des Handels und der einheimischen Banken
in Lothringen gering.
11T
Eisen und Kohle.
Das Wendejahr in Lothringens wirtschaftlicher Entwicklung
ist das Jahr 1879. Seine einschncidende Bedeutung
liegt noch über der des Jahres. 1871, als
Lothringen wirfschaftlich und politisch wieder mit dem
Reich verbunden wurde. (Es sei hier daran erinnert,
daß trotz der politischen Zugehörigkeit zu Frankreich
Lothringen und Elsaß bis zur französischen Revolution
zollpolitisch Frankreich noch nicht angehört halten,
sondern außerhalb der Iranzösischen Zollgrenze im
freien Handelsverkehr mit dem „Ausland“, d. h. mit
dem Reich standen.) Das Jahr 1871 stellte mit der
Eingliederung in das Zollgebiet des jungen Deutschen
Reiches zweifellos Umstellung s aufgaben, die aber
dadurch erleichtert wurden, daß die lothringische Industrie
in eine aufstrebende, aufnahmefähige Volkswirtschaft
hineingestellt wurde. Die Uebergangsschwierigkeiten
konnten dadurch erleichlert werden, daß der
Eisen- und Textilindustrie vorübergehend noch die
Liefermöglichkeit nach beiden Seiten verblieb. Erst das
Krisenjahr 1873 leitete die schwierigen Jahre für die
lothringische Eisenindustrie ein. Die Krise — an erster
Stelle infolge der Aufhebung der deutschen Eisenzölle
eine Krise der Eisenindustrie — traf Loihringen und
auch die Saareisenindustrie deswegen besonders stark,
weil sich in der gesamten Eisenindustrie gleichzeitig
ein technischer Wandel vollzog, in dem die auf der
Minette aufbauenden Werke ausgeschaltet zu werden
drohten. Man war zur Massenerzeugung von Flußstahl
mit Hilfe des neu eingeführten Bessemer-Verfahrens
geschritten, durch das das alte Puddelverfahren zur
Erzeugung von Schweißeisen mehr und mehr abgelöst
wurde. Der Flußstanl war dem alten Schweißeisen
nach Güte und Preis überlegen und eroberte sich einen
Eisenverbraucher nach dem andern. Lothringen und
die Saar mußten beim Schweißeisen stehen bleiben,
weil der Phosphorgehalt der Minette ein phosphorhaltiges
Roheisen lieferte, das für das neue Verfahren ungeeignet
war. Die Wende brachte das Jahr 1879. Im
Vorjahre war in England von Thomas und Gilchrist
das basische Bessemer-Verfahren erfunden worden,
welches durcn Verbrennung des Phosphors die Stahlgewinnung
auch aus dem Minette-Roheisen erlaubte.
1879 fand das neue Thomasverfahren — in
England wenig beachtet — Eingang in der deutschen
Eisenindustrie; unter Führung des nachmaligen Freiherrn
C. F. von Stumm -Halberg waren die Saarwerke
mit die ersten, die es in der Praxis übernahmen.
Fortan konnten auch in Lothringen und an der Saar
neue Stahlwerke entstehen, die dem Minettebezirk den
Anschluß an die stürmische Entwicklung der deutschen
Eiserindustrie gestatteten. Im gleichen Jahr trat auch
der Umschwung in Bismarcks Zollpolitik ein, mäßige
Eisenzölle sicherten die deulsche Eisenindustrie in der
Zukunft vor der übermächtigen englischen Konkurrenz
Seitdem entwickelte das Minettegebiet eine erhebliche
Anziehungskraft zunächst auf die Saarwerke und
auf Luxemburg, dann aber auch auf rheinisch-westfälische
Werke. Neben den alteingesessenen Werken
der Gruppe de Wendel und kleineren Unternehmunger
an der luxemburgischen Grenze (Oetingen, Deutsch-Oih,
erwarben saarländische rheinische und luzemburgische
359
Hülten zunächst Erzkonzessionen. Für die Saar
wurde die Mineite nach der Erschöpfung der allen
4eimischen Rot- und Brauneisensleine schließlich die
wichtigste Erzgrundlage. Den älteren Eisenwerken in
Dst-Lothringen gelang die Umstellung auf die Minctle
ıaicht wie den Saarwerken; sie gaben die Verhüttung
allmählich auf und beschränkten sich auf die Verırbeitung.
Dem Erwerb von Konzessionen folgte die
zründung von Tochterwerken, die für die Saarwerke
einen Teil der Roheisengewinnung übernahmen
3ei der verhältnismäßig niedrigen Ergiebigkeit der
Minette war es nämlich wirtschaftlicher, die Kohle zum
zum Erz zu fahren, nicht umgekehrt, wie es bei höherwertigen
Erzen der Fall ist. Diese reinen Roheisenwerke
in Redingen, Ueckingen und Diedenhofen (Carlshütte)
gingen in inrer Bedeutung jedoch wieder zuzück,
als mit weiterer Vervollkommnung des Hültenrozesses
und der Einführung des Roheisenmischers
lie Saarwerke das Haupigewicht ihrer Roheisengewinıung
wieder in die Mutterwerke verlagerten; es wurde
’ortan „in einer Hitze‘ gearbeitet, d. h. das Roheisen
wurde flüssig, wie es aus dem Hochofen kam, in den
Mischer und danach in das Thomasstahlwerk gefahren
'mmerhin blieben die lolhringischen Tochterwerke der
3aar nach wie vor als ein Teil ihrer Roheisengrund
lage von Bedeutung. a
Stärker noch als die Saar siedeıten sich einige
-heinische Unternehmungen im Minettegebiet an. Ihre
‚othringischen Werke wurden von vornherein zu Sclbständigen,
geschlossenen Betricbseinheiten entwickelt.
lie‘ wie die de-Wendel - Werke in „gemischten Betrieben“
Hochöfen, Stanlwerke und Walzwerke umfaßten,
Zu dieser Gruppe gehören die Werke in Rombach und
in Kneuttingen; als letztes und größtes Werk dieser
Art baute 1911 Thyssen das Stahlwerk in Hagendingen.
Jjas modernste Hüttenwerk seiner Zeit., Auch im Ver-'auf
der Zusammenschlußbewegung in der deulschen
Zisenindustrie wurden weitere Verbindungen mil
othringischen Werken geknüpfl und z. B. Octingen
and Deutsch-Oth in einen engeren Zusammenhang mil
der Saar und Luxemburg bzw. Rheinland-Westfalen
zebracht. Außerhalb der zur Saar und nach Rheinland
and Westfalen bestehenden Verbindungen standen fasl
ıur noch die Werke von de Wendel. Von dem abbauwürdigen
Erzfelderbesitz in Lothringen befanden sich
ıicht weniger als 21 000 ha in deutschem oder deutsch-‚uxemburgischem
Besitz. Auch in Französisch-Lothringen
hatten deutsche Werke bereits Minettekonzessionen
erworben oder über französische Beauftragte erwerben
lassen; vom gesamten Minettevorkommen diesseitls und
jenseits der Grenze waren rund 60 v.H. in deulschem
Besitz. Die Förderung an Minette-Erzen hatte 1913
‚und 21 Millionen Tonnen in Lolhringen, rund 20 Milionen
Tonnen in Französisch-Lothringen erreicht, Die
Roheisenerzeugung, die in manchen Jahren (einschließ-.
ich Saar und Luxemburg) selbst die des niederrheiaisch-westfälischen
Industriegebietes überstiegen hatte,
erreichte 1913 3,9 Millionen Tonnen, die Zahl der
Hochöfen in Lolihringen 58. Die Rohstahlerzeugung
blieb allerdings daninter zurück (2,3 Millionen Tonnen ,
weil Lothringen einen erheblichen Teil seiner Roheisengewinnung
noch nach auswärts verkaufte oder
wie bei den Tochterwerken der Saar an die Muller
werke zur Weiterverarbeitung lieferte
Ein besonderes Problem der lolhringischen Eisen
industrie war die Versorgung mil Kohle und