15. November / 45. Jahrgang
des Fernverkehrs und an der großen Ost-West-Straße
Paris—Metz—Saarbrücken—Mainz mit ihren Trabanten
teilzuhaben. Beide Räume haben auch an den Grundlagen
der großindustriellen Entwicklung Anteil: Der
westliche durch seine Erzlager, der östliche durch die
Fortsetzung des Saarkohlenvorkommens.
Der gleichmäßige geologische und .landschaftliche
Aufbau des lothringischen Stufenlandes bestimmt
im Verein mit den Tälern der Saar und der
Mosel die günstige Verkchrssiellung des Landes. Bei
der gleichmäßigen Oberllächengestallung wird wirtschaftlich
neben den Bodenschälzen von größerer Bedeutung
die von Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper
bestimmte Oberflächenbedeckung; die starke Bewaldung
des ösllichen Buhtsandsteingebietes liefert der
älteren Eisen- und Glasindustrie den Brennstoff, während
die schweren Böden der offenen Muschelkalkund
Keuperzonen Hauptgebiete der lolhringischen Landund
Vichwirtschaft sind. Die günstigen klimatischen
Verhältnisse im Moseltal lassen dabei auch eine hochentwickelte
Obstwirtschaft zu, die bis in die Nahrungsmittelindustrie
(Konserven!) vorgedrungen ist.
In der Gestaltung der modernen Verkehrswege,
Eisenbahn und künstliche Wassersiraßen, hat
Lothringen .zweifellos von seiner umkämpften politischen
Lage Nutzen gehabt. Solange es von der Saar
durch eine politische Grenze gelrennt war, wurdem im
Wettlauf zwischen Frankreich und Preußen beiderseits
der Grenze Eisenbahnlinien für den großen Durchgangsverkehr
gebaut, die im ganzen gesehen eine Zersplitterung
bedeutetien, für Lothringen jedoch nicht
ohne Vorteil waren. Sie fanden ihre Ergänzung, als
dann in deutscher Zeit das westliche Lothringen durch
weitere Eisenbannbauten enger mit der Saar verbunden
wurde (Erzbahnen!). Der zentralistischen französischen
Wasserstraßenpolitik verdankte das Land den
Anschluß an das französische Wasserstraßennetz über
den Rhein-Marne-Kanal und seine Anschlüsse an Mosel
und Saar und die Teilkanalisierung dieser Flüsse bis
Metz bzw. Ensdorf. Im weiteren Verfolg dieses Anschlusses
des lothringischen Erzbeckens wurde nach
dem Weltkrieg der Moselkanal von Metz bis Diedenhofen
gebaut, während für die Saar der Anschluß an
das deulsche Wasserstraßennetz noch immer ungeklärt
geblieben ist. Die Lösung wird heute selbstverständlich
Lothringen miteinheziehen müssen, um den
„Sackgassen‘‘, die die Wassersiraßen der Mosel und der
Saar heute darstellen, die sinnvolle Fortsetzung und
Verbindung mit dem deutschen Wasserstraßennetz zu
geben, d. h. für beide den kürzesten Anschluß zum
Rhein zu schaffen.
Trotz dieser Gleichförmigkeit des geologischen
Aufbaus verfügt Lothringen über recht mannigfaltige
Bodenschätze. Das Eisenerz der Juraschichten
im Westen (Minette}) steht im Wert obenan; es hat als
Rohstoff der lothringischen Eisenindustrie die seit langem
erschöpften kleineren, an der Oberfläche liegenden
Vorkommen der alluvialen Bohnerze abgelöst, von
denen immerhin Werke wie Hayingen, Oelingen und
Deutsch-Oth ihren Ausgang genommen haben. Das
Gesamtvorkommen der Minette wird durch die politischen
Grenzen zerrissen; die alte Grenze Deulsch-Lothringens
und die Grenze gegen Luxemburg und
Belgien liegen so, daß die größeren Reserven in Französisch-Lothringen
ruhen, während Luxemburg und
Belsien nur am nördlichsten Ausläufer des Vorkom-357
nens beteiligt sind. Die Vorräte in Deutsch- und Französisch-Lothringen
wurden vor dem Weltkrieg zusammen
auf rund fünf Milliarden Tonnen geschätzt;
rotz des seitherigen Abbaus besteht Veranlassung, sie
heute nicht geringer anzusetzen, denn der Begriff der
‚Abbauwürdigkeil‘‘ hat inzwischen cine erhebliche Ver-;chiebung
erfahren: Die Notwendigkeit der sparsamen
‚enkung des Erzverbrauchs hat dazu geführt, daß
ı1eute und in Zukunft Erze mit geringerem Eisengehalt
der mit ungünstiger Zusammensetzung auch noch als
verhüttbar und abbauwürdig gelten. Der frühere durch-;chnittliche
Eisengehalt der geförderten Minette von
3200 wird in Zukunft wohl kaum noch die Regel sein.
Der einheitlichen Planung von Abbau und Förderung
wird allerdings das gesamte Minette-Vorkommen zu
ınterwerfen sein, sollen Schonung und möglichst lange
Zrhaltung der Reserven gewährleistet sein.
Auch im östlichen Lothringen kamen die Bohnerze
‚or, daneben auch — wie an der Saar — die Gangerze
Braun- und Roteisenstein) im Buntsandstein; mit ihrer
Erschöpfung gingen die Roheisenwerke, die auf ihnen
zufbauten /u. a. Kreutzwald, Mutterhausen, Bärenthal), ein
Das Saarkohlenvorkommen reicht — allerlings
in großen Teufen — mit seinen Ausläufern bis
aach Pont-a-Mousson und damit in die Nähe der Mi-1ette.
Von Bedeutung ist diese Fortsetzung wegen der
\bbauschwierigkeiten erst in der Nähe der Grenze des
Saarlandes, wo im Warndtgebicet unter dem Deckgedirge
des Buntsandsteins seit 1857 der Abbau auch
auf lothringischer Seite eingesetzt hat. Immerhin wurlen
die Vorräte in diesem Teil auf rund drei bis vier
Milliarden Tonnen, d.h. ein Drittel bis ein Viertel des
zesamtkohlenvorrats im Saarbecken, geschätzt.
Metallische Rohstoffe ‚außer dem Eisenerz sind
>hne Bedeutung. Der Bleiglanz, der in Zwischenschichten
des Buntsandsteins auftritt und im Bleiberg
jei St. Avold bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts gewonnen
wurde, mag hier genannt werden. Zahlreich
;ind/ dagegen die Verwendungsmöglichkeiten für die
Steine und Erden der Buntsandstein- und Muschelzalkschichten,
die als Baustoffe aller Art, als Rohstoffe
{ür die Keram- und Ziegelindustrie, aber auch für die
;hemische Industrie gewonnen werden. Im mittleren
Muschelkalk und: im sog. Salz- und Gipskeuper treien
3ips und Steinsalz auf. Das Steinsalz wird in den
Salinen zwischen Saaralben und Salzburgen gewonnen.
Der Kalkstein schließlich ist als Zuschlag für die Eisenıütten
ebenso wichtig wie als Ausgangsstoff für die
zZewinnung von Zement, gebranntem Kalk und Soda
geworden.
Veberblickt man die Bodenschätze und die In-Justriezweige
Lothringens, so fällt auf, daß die indu-;trielle
Betätigung fast ausschließlich von den vorkom:
nenden Bodenschätzen bestimmt wird, ihnen ihre Entstehung
verdankt und nicht etwa einer besonderen
Jnternehmerinitiative oder einem großen
Verbraucherinteresse. Darin unterscheidet sich die
industrielle Entwicklung Lolhringens beispielsweise von
ler des Elsaß, wo die Textilindustrie durch eine auszesprochene
Unlernehmerleistung entstanden ist. In
Lothringen sind auch nicht wie im Elsaß die Städla
ler Ausgangspunkt der neueren wirtschaftlichen Entwicklung
geworden. Lolhringen ist kein altes Städteland
wie das Elsaß, wo die wirischaftliche Führung
vom Mittelalter an in den slädtischen Miltlelpunkten
Straßburg, Colmar oder Mülhausen liegt. Lothringens