Full text : 45.1940 (0045)

15. November / 45. Jahrgang

praklisch stillgestanden. Gewiß auch dort Grenzlandschicksal,
 aber darüber hinaus war eben Lothringen
ebenso wie das Elsaß doch nur das vernachlässigte
Anhängsel einer saturieriten Wirtschaft, die mit den
Bodenschätzen und industriellen Kapazitäten nichts Vernünfliges
 anzufangen wußte. Nirgends eine zielbhewußte
Planung oder großzügige Modernisierung der Werke,
Beispiele hierfür liefern die Eisenindustrie, der KErzbergbau,
 die Glas- oder Keramindustrie in Fülle.
So ist der gemeinsame neue Anfang nicht leicht;
Aber Saarländer und Lothringer sind zäh und arbeit-355



sam. Beiden ist das Leben vom Schicksal niemals leicht
zemacht worden. Die Bodenschälze ihrer Heimat müssen
 in schwerer Arbeit gewonnen werden, Hochofen
ınd Walzwerk fordern ebenso einen harl zupackenden
Arbeiter, wie die Bestellung des lolhringischen Bodens
lüchtige Bauern. Unternehmer, denen die Erfahrungen
der Vergangenheit Kraft und Wissen verliehen haben.
stehen bereit, die vor ihnen liegende Aufgabe zu
meistern. „Zu neuen Ufern lockt ein neuer Tag‘. Ziel
bewußt und von neuen Kräfien erfüllt gehen wir West
Märker gemeinsam in diesen ncuen Tag!

Dr. habil. FRITZ HELLWIG . Metz-Saarbrücken

Grundlagen und Enttvuicklung des Wirtichaftsichbens in Lothringen.

eisenindustrie und des Bergbaus sind heute in der
Lage, Für den Bevölkerungsaufbau, für die Krisenfestigseit
 und damit für das Volkseinkommen den gesunden
\usgleich herzustellen (Abb. 2); so treten in Lothringen
lie Probleme, die wir etwa aus dem Saarland schon
zsennen, noch wesentlich deutlicher auf, sei es nun beim
Arbeitseinsatz, bei der Beschäftigungslage oder bei der
Entwicklung des gesamten Volkseinkommens.
Der Vergleich mit der Saar liegt noch mehrfach
ıaahe; auch dort stehen neben dem Werken der Kohle
und des Eisens die Glas- und Keramindustrie und die
jüngeren Unternehmungen der Verbrauchsgüterindustrien
 zur Versorgung der dichten Bevölkerung mit
Vahrungs- und Genußmitteln und der großen Werke
nit tecanischem Bedarf. Aber cs wird gerade bei
liesem Aufbau immer wieder der Vorsprung deutlich
len die Saar vor Lolhringen einmal zeitlich, zum
zweiten auch durch die gleichmäßigere, weniger sprunghafte
 und vor sozialen Auswüchsen bewahrte Entwick
‚ung hat, Man braucht nur die einheitlich deutsche,
odenständige Arbeiterschaft der Saar der lotlhrinzischen
 Gruben- und Hüttenarbeiterschaft, in der das
odenständıge Element gegenüber starkem ausländischen
aruppen siellenweise sogar in der Minderheit ist, gegenüiberzustellen
 und man erkennt den Wert, den die auszeglichenere
 industrielle Entwicklung, wie sie der Saar
lurch die Initiative des Preußischen Staates als Besitzer
 der Kohlengruben und durch die Einsicht ihrer
Unternenmer zuteil wurde. für ein modernes Induslrie
gebiet darstellt.
* Die Abbildungen stammen von dem Institut für Wirtschaftsbeobachtune
Jar deutschen Fertiogwaren in Nürnberg.

Innerer Aufbau und äußere Stellung,
Kos und Eisen bestimmen heute in Lothringen das
wirtschaflliche Geschehen. Diesem Uebergewicht
steht ein gleichwertiger Zweig in der gewerblichen
Wirtschaft nicht gegenüber; lediglich die Landwirtschaft
 prägt in einigen scharf von den großindustriellen
Bezirken sich abhebenden Landesteilen das Gesicht
der Landschaft und des Erwerbslebens. Alte, klangvolle
 Wirtschaftszweige sind hinter Kohle und Eisen
an Bedeutung zurückgetreten. Wer denkt bei der
Nennung Lothringens nicht zuerst an die Schätze des
Bodens, an den Weg vom Erz zum Eisen! Wer aber
erinnert sich daneben wohl noch der lothringischen
Glasindustrie, der Steingutindustrie, der Salinen, um
nur die Zweige zu nennen, die auf eine lange und
berühmte Vergangenheit zurückblicken können? Obgleich
 Kohle, Erz und Eisen dem gewerblichen Leben
des Landes zu größerer Vielfalt verholfen haben, haben
 sie doch den wirtschaftlichen Charakter einseitiger
 werden lassen. Ihr Uebergewicht nach der Zahl
der schaffenden Hände, nach der Masse der bewegten
Stoffe und nach der Größe der industriellen Anlagen
ist so stark geworden, daß dem industriellen Leben
Lothringens heute die ausgleichende Ergänzung gegenüber
 der schwerindustriellen Einseitigkeit fehlt (Abb. 1).
Weder die historisch überkommenen Industrien wie die
des Glases und des Steinguts, noch die auf den anderen
Bodenschätzen (Salz, Kalk) ‚oder Landeserzeugnissen
(Nahrungs- und Genußmittel) aufbauenden Zweige, aber
auch nicht die HiHNs- und Nebenindustrien der Groß-77

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Abb. 1
Verteilung der Erwerbstätigen und
der Zahl der Betriebe auf die Industriegruppen
 (in v. H.)
            
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