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ROBERT MARTIN, Saarbrücken
Saarpfälzische Wirtschaftszeitung Nr. 1-Fin
neuer Anfang!
M dem Sieg über Frankreich ist in der Geschichte
des Saarlandes eine Zeitspanne zu Ende gegangen,
die erfülll von wechselvollem Schicksal und harten Prü-{ungen
die Saarwirtschaft zeitweise bis in ihre Grundfesten
erschüttert hat. Es war die Zeit der höchsten nationalen
Bewährung eines im Lauf der Jahrhunderte vielfach
erprobten Grenzvolkes. Es war aber auch die Zeit,
die das saarländische Unternehmertum wahrhaft dazu
zwang, den Beweis für seinen Lebenswillen, für die
eigene Kraft und Zähigkeit anzutreten, Zwei Jahrzehnte
hindurch siand das Saarland zwischen zwei
Welten; 15 Jahre muß es in politischer Untersuchungshaft
Verwaltung und Druck der durch Versailles
eingesetzten und in seinem Geist tätigen Kräfte ertragen.
Mit der Heimkehr zum Reich wird es gleichzeitig
äußerste Vorpostenkompanie im Westen. Es ist
gewiß, daß keine deutsche Landschaft und kein vergleichbares
Industriegebiet in dieser Zeitspanne jeden
Wechsel im deutsch-französischen und damit europäischen
Kräftespiel unmittelbarer gespürt hat als das
Saarland
So ist es wohl verständlich und hat einen lieleren
Sinn, wenn jetzt, wo dank der genialen Führung Adolf
Hitlers und der Taten unserer Wehrmacht der endgüllige
Schlußstrich unter diese Periode gezogen ist
und wo der Saarwirtschalt ein neuer Anfang im alten
größeren Raum beschieden ist, die Etappen des zurückgelegten
Weges nochmals mit aller Eindringlichkeit
vor unserem Auge erstehen.
Lange Jahre nindurch waren es nicht allzu hoch
im Kurse stehende Gründe der wirtschaftlichen Vernunft,
mit deren alleiniger Hilfe versucht werden mußte,
aus dem durcn Versailles geschaffenen Widersinn zu
retten, was einer macht- und kraftlosen Politik unerreichbar
blıeb. Immerhin mußte nach dreijährigem
zähem Ringen die französische Regierung durch das
Saarzollabkommen vor aller Welt bekennen, daß sie
der Saarwirtschaft keine ausreichenden Lebensmöglichkeiten
im eigenen übergroßen, aber Zzurückgebliebenen
und vernachlässigten Wirtschaftsraum
zu bieten vermochte. Das war die erste offizielle
Durchbrechung des Versailler Vertrages. Als dann
das neue Deutschland erstand und die Macht des
Reiches von Jahr zu Jahr wuchs, steigerte sich der
Wirtschaftskrieg zu voller Schärfe, Dem 13. Januaı
1935 folgte aer 18. Februar 1935, an dem der längst
angcekündigie und durch sachdienliche Maßregelungen
vorbereitete „eiserne Vorhang“ fiel. Zollschikanen unlerstrienen
diesen Akt kleinlicher Rache für eine politische
Niederlage, die vermeidhar gewesen wäre, wenn man
in Paris Realpolitik betrieben hatte.
Was dann folgte, ist noch in frischer Erinnerung.
Ein zähes, durch die Rückschläge der politischen Ereignisse
immer wieder gestörtes Ringen um die Erhaltung
der deutsch-französischen Wirtschaftsbeziehungen,
der Bau des Westwalls, ein flüchtiger Augenblick des
Hoffens und Aufatmens im September 1938 und schließlich
der Krieg und die Freimachung.
Rückschauend dürfen wir bekennen: Die gesamte
politische und wirtschaftspolitische Arbeit dieser zwei
Jahrzehnte stand unter einem einzigen Zeichen:
Stets und in jedem Augenblick galt es, zusammen.
halten, verbinden und wieder zusammen.
führen, was kurzsichtige, kleinliche und rachsüchige
französische Politiker durch das Versailler Diktat
zerrissen hatten oder zu zerreißen sich bemühten,
Zwanzig Jahre lang ging es für die Saarwirtschaft darım,
im Kampf mit dem polilischen und wirtschaftlichen
Protektionismus, im Kampf mit einer Wirischaftspoliik,
der jede großzügige Regung fremd, aber die sürete
ler eigenen, allzu bequem gewordenen Wirtschaft oberster
Grundsatz war, die wirtschaftliche Verbindung mit
lem Reich und später nach der Rückgliederung mil.
lem benachbarten Westen aufrechtzuerhalten. Wie
oft ist in all’ diesen Janren von deutscher Seite auf
die unendlichen Möglichkeiten hingewiesen worden, die
sich aus den einander so ausgezeichnet ergänzenden
Nationalwirtschaften Deutschlands und Frankreichs für
ainen friedlichen Warenaustäusch hätten ergeben kön
nen. Es war alles umsonst!
Das alles gehört nun wie ein Traum der Verzangenheit
an. Die Saarapstimmung hat die Bahn zum
Reich freigemacht, Nun endlich kommt auch in der
Wesimark wieder zusammen, was zusammen gehört
Die Grenze, die hier durch die „Desannexion‘‘ von
Elsaß und Lothringen gezogen worden war, hat ja
aben: deshalb auf beiden Seiten so tiefe Wunden geschlagen,
weil ein Wirtschaftsgebiet zerschnitten wurde.
das von der Natur zu inniger Verbindung bestimmli
ist. Es wirkt neute wie eine Ironie des Schicksals, daß
‚ranzösisecne Gelehrte mit allein wissenschaftlichen
Aüstzeug vor der Saarabstimmung die wirtschaftliche
Zusammengehörigkeit Lothringens und des Saarlandes
jewiesen haben. Wir mußten diese Literatur wegen
hrer völlig abwegigen und einseilig auf Versailles aufzgebauten
Beweisführung ablehnen, obwohl wir selbst
stets aufs Tiefste davon überzeugt waren, daß Elsaß
und Lothringen des Reiches Westmark sind und nur
zu ihm gehören. Deshalb wird der Wegfall der unnatürlichen
Reichsgrenze 1918 nach Ablauf unverneidlicher,
aber in diesem Falle bestimmt nur kurzer
Jebergangsschwierigkeiten keine neuen Wunden schlazen,
sondern ganz im Gegenteil Anfang eines organisch
begründeten neuen Aufschwunges sein.
Eines ist freilich gewiß: Die Aufbauarbeit kann
ıicht einfach da fortgeführt werden, wo sie im Jahre
L914 abgebrochen werden mußte. Die zwei Jahrzehnte
arenzlandscnıcksal sind weder am Saarland noch an
„othringen spurlos vorübergegangen. Wir haben eineitend
bereits in großen Zügen das Geschick des Saarandes
umrissen, Dieses Geschick hat vor allem eine
\uswirkung gehabt, die von Fernerstehenden meist
iberschen oder doch unterschätzt wird: Es ist der
Mangel an Kapital, das zwei Jahrzehnte lang unser
zebiet aus verständlichen Gründen gemieden hat,
und als seine Folge das Zurückbleiben unserer
industriellen Rüstung. Wer hätte es auch wagen
wollen, in einem Gebiet, dessen Zukunft von einem
Spruch des Völkerbundes abhängen sollte und das
später mitten im Westwall lag, Kapitalien zu investieren
oder neue Unternehmungen ins Leben zu rufen? Auf
der anderen Seite, im lothringischen Land, ist das
Leben in zwei Jahrzehnten französischer Wirtschaft