Full text : 45.1940 (0045)

322

Saarpfälzische Wirtschaftszeitung Nr.

Dipl.«Volkswirt KARL FRÖHLIG, Saarbrücken

Die Neuordnung der Praktikantenausbildung,

Der frühere Zusliand.
Während die Grundidee des Lehrverhällnisses der
Lehrlinge aus Handwerk, Handel und Gewerbe schon
bald nach 1933 gegenüber der liberalistischen Auffassung
 eine vollkommene Wandlung erfahren hat und
der Inhalt der Lehrverträge ebenso wie der Gang der
Ausbildung der Jugendlichen in steigendem Maße durch
die grundlegenden Arbeiten des Ausschusses für Erziehung
 und Berufsausbildung in Handel und Gewerbe
‘Datsch} klärend und ordnend festgelegt wurden (Berufsbild,
 Berufseignungsanforderungen, Berufsbildungsplan
 und Prüfungsanforderungen), somit ‚also im gesamten
 Lehrlingswesen Neuausrichtung und Zielsetzung
im Sinne nationalsozialistischer Wirtschaftsführung erfolgt
 ist, blieb es bei der praktischen Ausbildung des
deutschen Hochschulingenieurs ohne zusammenfassende
und abschließende Ordnung durch den Gesetzgeber
Dies konnte für die Zeit vor der Machtergreifung
und vor der Aufwärtsentwicklung der deutschen Wirtschaft
 hingehen, da der bis dahin anfallende Bedarf an
Ingenieuren vollauf gedeckt werden konnte — war
doch eine erhebliche Anzahl von Ingenieuren aller
Berufszweige stellenlos und anscheinend ohne Hoffnung,
 zeitlebens nochmals ihrem erlernten Berule zugeführt
 zu werden; während andererseits unter den
jungen Kräften sich ein großer Teil vor dem langwierigen
 und kostspieligen Studium, das letzten Endes
im Beruf unter Berücksichtigung der darniederliegenden
 Wirtschaft doch keinen Lebenserfolg versprach,
abwandte; im ührigen konnte man bei dem immer noch
ausreichenden Nachwuchsangebot und einer scharfen
Auslese erwarten, daß diese Besten durch angespannte
Eigenenergie dennoch ihr Ausbildungsziel erreichen
würden.

Jedoch schon im Herbst 1935 errechnete der Reichsund
 Preußische Wirtschaftsminister in vorsichtiger
Schätzung einen so großen jährlichen Bedarf von
[ngenieuren, daß das Angebot von Absolventen sämtlicher
 Fachschulen diesen bei weitem nicht befriedigen
konnte, Gleichzeitig wurde dargetan, daß bei der langen
Ausbildungszeit der Ingenieure der Fehlbedarf bei einer
jetzt einseilzenden wirklich genügenden Nachwuchsziffer
 frühestens nach Jahren gedeckt sein könnte,
Zwar hat der „Ingenieurdienst‘“ im Frühjahr 1936
nachgewiesen, daß damals noch eine erhebliche Zahl
von Ingenieuren stellungslos war; ferner mag hinzugerechnet
 werden, daß ein großer Teil mit Vertreiungen
aller Art oder anderweitig, jedoch nicht nach dem
Grundsalz: der beste Mann am besten Platz beschäftigt
war: Es blieb dennoch erwiesene Tatsache.
daß aiese Kräftereserve kaum das augenblicklich
 bestehende Vakuum ausfüllen
konnie, während für die Zukunft eine
größere Nachwuchslenkung nach diesem
Beruf hin als unumgänglich erschien.
Da aber das Ingenieurstudium mit dem „Praktlikum“
 beginnt, mußte es-die erste Sorge der verantwortlichen
 Stellen sein, die genügende Anzahl von
Praktikantenausbildungsstellen in den Betrieben zu
schaffen, die ihrerseits aul eine solche Wirtschaftsausweitung
 vor allem hinsichtlich eines Aufgabenscktors
nicht eingestellt waren, der für sie ersl in der Zukunft
zu einem wirtschaftlichen Ergebnis führen konnle,
wenn überhaupt der ausbildende Betrieb jemals auf
die ihm zugemutete Ausbildungsquote angewiesen sein
sollte und andererseits holfen durfle, im Einzelfalle
nie Früchte seiner Ausbildung dadurch zu ernten. daß

der Praktikant später als ferliger Ingenieur in den. Re
‘rich zurückkehren würde
Daß diese Aufgabe nicht leicht war, beweist der
Ruf nach Schaffung von zusätzlichen
Praktikanlenstellen, der immer häufiger und
nn steigender Dringlichkeit von allen die Gesamtent:
wicklung überschauenden Stellen erhoben wurde.
Schon 1935 war das Problem vordringlich, heule
ist es brennend geworden: Eine gesamtwirtschaftliche
 Planung drängt zu einer
zrundlegenden Lösung hinsichllich der
Organisierung von Praktikantenstellen,
ler Einweisung der Praktikanten in die
Betriebe und der Durchführung und
eberwachung der Ausbildung.
Im Hinblick auf die im gesamten angestrebte Lei
stungssteigerung, zu der die Qualilät eine ebenso slarke
Komponente bildet wie die Quantlilät, war es nalurr
gegeben, mit derselben Maßnahme nicht nur den Nachwuchs
 quantilativ zu steigern, sondern auch der Qualifi
zierung der Ausbildung sein Augenmerk zu widmen.
Der Inhalt und der Gang der Ausbildung war zwar
auch schon in der Vergangenheit aus dem Zustand betrieplicher
 Versuche und der von Fall zu Fall aus
sinandergehenden Auffassung des jeweiligen Ausbil
lungsleiters zu einer durchdachten Systemtik herauszehoben;
 auch hier hat der „Deutsche Ausschuß für
iechnisches Schulwesen“ (Datsch), der jetzige „Ausschuß
 für Erziehung und Berufsausbildung in Handel
und Gewerbe“, weitschauend grundlegende Richtlinien
zeschaffen, auf Grund deren die technischem Hochschulen
 für die angehenden Diplom-Ingenieure Min-Jjestanforderungen
 für Zeit und Ausbildungsgang gestellt
 haben, deren Erfüllung Voraussetzung zur Auf
nahıne und Fortsetzung des Studiums war: Immerhip
aat es bisher noch daran gefehlt, daß alle diese Richt
linien abgerundet und als Norm gesetzt wurden.
Die neuen Richtlinien.
Aufbauend auf den bisherigen Ergebnissen und Er
lahrungen hat der Erlaß des Reichsministers für Wissenschaft,
 Erziehung und Volksbildung vom 19. Juli 1946
in Verbindung mit dem Erlaß des Reichswirtschaftsministers
 vom 11. 9. 1940 neue „Allgemeine
Richtlinien für aie praktische Ausbildung
 der Studierenden der Technische?
Hochschulen und Bergakademien‘“ gegeben.
die diesen Ueberlegungen Rechnung tragen. Der Erlaß
ist mit dem 1. 9. 1940 in Kraft getreten.
Nach diesen Richtlinien ist die praktische Ausbildung
 als eine Voraussetzung und ein wesent:
licher Bestandteil des Hochschulstudiums
 anzusehen. Demnach untersteht sie — unler
Berücksichtigung der nachstehend genannten Sonderregelungen
 — im Prinzip der Aufsicht des Reichsministers
 für Wissenschaft. Erziehunf“
und Volksbildung.
Er. bestimmt nach vorheriger Fühlungnahme mil
dem Reichswirtsenaftsminister die Organe, die für
lie Durchführung der praktischen Ausbildung verantwortlich
 sind, und das bei der Durchführung a7"
wendende Verfahren.
Ebenso gibt er die Richtlinien über den Inhalt
Stoff) der für die einzelnen: Fachgruppen zu ver
folgenden Ausbildung, und zwar im Einvernehmen mit
den fachlich zuständisen Ministerien.
            
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