Tatsache an sich feststellt, den schuldigen Beamten bestraft
und vielleicht noch auf die sinkende Moral unserer Zeit und
der IBor insbesondere hinweist. Die tieferen Ur—
sachen und die Zusammenhänge müssen aufgeklärt werden.
Wir möchten einmal die Frage stellen:
Haben nicht die verantwortlichen Stellen auch Schuld?
Ist es nicht Schuld, wenn man Menschen zumutet, jahre⸗
lang mit unzulänglichen Einkommen zu leben und ihnen
aber andererseits hohe Werte zur Verwaltung übergibt?
ß es nicht zermürbend wirken, wenn ein Beamter, dessen
Einkommen gerade für das Allernotwendigste reicht, täglich
fieht, wie anderen mühelos das Geld zufließt? Ist es nicht
eine Belastung für schwache Charaktere, zu beobachten, wie
durch Une Ahid mancher schnell reich wird und wie treue
Arbeit zu nichts führt? Entschuldigt werden durch die Er—
wägungen die Dinge nicht, aber sie lehren manches ver—
stehen. Die notwendigen Folgerungen aber muß der Staat
ziehen! Ein Staatswesen bleibt nur lebensfähig, wenn
seine Geschäfte von einer unantastbaren Beamtenschaft ge—
führt werden. Eine solche Beamtenschaft zu haben, war
Deutschlands Stolz. So wie es war, so muß es auch bleiben.
Notwendig aber dazu ist, daß der Staat seine Beamtenschaft
wirtschaftlich unabhängig macht. Nur der Beamte, der
seine wirtschaftliche Existenz gesichert weiß, der sorgenfrei
zu seinem Dienst geht, wird unantastbar sein. Die Be—
amtenschaft hat oft genug darauf hingewiesen, daß eine er—
trägliche Gestaltung der Einkommen eine Staatsnotwendig⸗
keit sei. Ob diese Erkenntnis sich doch einmal auch in Regie—
rungskreisen durchsetzt? Auskömmliche Besoldung der Ve⸗
guten ist erste Voraussetzung einer geordneten Staatsver⸗
waltung.
Und noch auf einen Punkt sei hingewiesen. Man war
während und nach dem Kriege nicht immer sehr sorgfältig
bei der Auswahl der Beamten. Es gab Kreise, denen das
Berufsbeamtentum überlebt erschien und die darum alt—
bewährte Grundsätze verließen und bei der Einstellung von
Beamten nach allen möglichen Gesichtspunkten urteilten,
nur nicht nach der jachlichen Eignung. Liegt nicht auch hier
eine Schuld? Beamtentum ist ein Vertrauensverhältnis.
Beamtentum setzt höchste Pflichtauffassung voraus. Wer
die nicht zu seinem Berufe mitbringt, ist nicht Beamter.
Darum muß von den Verwaltungen bei den Einstellungen
von Veamten sorgfältige Auswahl getroffen werden. Sicher
muß zu jedem Amte eine bestimmte Vorbildung verlangt
und vorausgesetzt werden, Wichtiger aber ist vielleicht noch
eine charakterfeste Persönlichkeit. Achtet man auch immer
genügend darauf?
Als zweite Erscheinung nennen wir die Eisenbahnunfälle.
Die Vorkommnisse der jüngsten Vergangenheit haben die
Deffentlichkeit alarmiert. Man verlangt Betriebssicherheit,
setzt Untersuchungsausschüsse ein und sucht die Ursachen zu
ergründen. Hat hier nicht auch der Zeitgeist sein Hand im
Spiel? Es soll von vornherein festgestellt werden, daß die
Entwicklung unserer Eisenbahn in den letzten Jahren keine
natürliche war. sondern daß fie gewaltsam durch inter—
rationale Abmachungen diktiert wurde. Trotzdem die
Frage: Liegt nicht auch noch sonst Schuld? War nicht der
Ruf nach einem rücksichtslosen Beamtenabbau ein beliebtes
Schlagwort geworden? Und geht die Beamtenverminderung
richt noch heute durch die bekannten Besoldungsbestim—
nungen weiter? Hat man nicht durch ein raffiniert aus—
gzeklügeltes System versucht, auch das letzte an Arbeitskraft
rus dem Menschen herauszuholen? Berechnet man nicht
chematisch jede Arbeitsverrichtung nach Sekunden? Glaubte
nan nicht, durch die ständige Drohung mit dem Abbau die
Menschen immer von neuem vorwärts peitschen zu können?
Ja, das geht alles eine gewisse Zeit! Selbst eine Maschine
ann nur eine gewisse Zeit höchste Tourenzahl laufen. Be—
imten aber sind Menschen! Menschen mit lebendigen
S5eelen. Gewaltmethoden müssen eines Tages scheitern an
der physischen Unmöglichkeit der Menschen. Die neuesten
Anordnungen der Reichsbahn zeigen, daß sie einsieht, daß
ie falsche Wege gegangen ist. Darf ein Staat aber zulassen,
aß man so weit geht, daß erst Unglückshäufungen die wahre
rage kennzeichnen müssen? Hat nicht materieller Sinn hier
jeführt? Hat man nicht den Gewinn vor die Menschen
gestellt? Auch für die Zukunft wird erste Voraussetzung
ziner zuverlässigen Eisenbahnverwaltung sein, daß sie die
dienstverhältnisse ihrer Beamtenschaft so gestaltet, daß sie
nit dem Gefühl der Sicherheit und Ruhe ihre Arbeit ver—
richten können. Menschen wollen, wenn man von ihnen
polle Hingabe an ihre Lebensaufgabe verlangt, als Men—
chen gewertet werden. Rationalisierung muß vor dem
Menschentum halt machen!
Zeiterscheinungen, auch wenn sie unerfreulich sind, sind
n sich noch keine Gefahr. Sie können aber gefährlich wer⸗
den, wenn man ihre Ursachen nicht erkennen will und
zlaubt, mit organisatorischen Aenderungen Mißstände be—
eitigen zu können, die im Wesen der Dinge liegen. Die Be—
imtenschaft erfüllt nur ihre Pflicht, wenn sie öffentlich auf
z„chäden, die sie erkannt hat, hinweist und Abstellung ver—
angt. Aenderungen durchzuführen, ist Sache der Regie—
zungen und der Volksvertretungen. Hoffentlich wissen sie,
was sie der Volksgemeinschaft gegenüber zu tun schuldig
sind. Wir ziehen aus den jüngsten Ereignissen die notwen—
digen Folgerungen und verlangen:
Unbedingte wirtschaftliche Unabhängigleit der Be⸗
amtenschaft.
Sorgfüältige Auswahl der Beamtenanwärter durch
die Behörden unter Beachtung nur sachlicher Gesichts⸗
punkte.
Einstellung jedes schematischen Beamtenabbaues.
Gestaltung der Dienstverhältnifse, daß die Beamten⸗
schaft ihre Arbeit in Ruhe und Sicherheit verrichten
kann. M
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