Full text : 3.1928 (0003)

Beim Streifen dieser Kapitel sollte in kurzen Strichen die über—
aus große Not bei der unteren Beamkenschaft hervorgehoben wer—
den. Diese große Nollage ist einzig und allein dem Umstande
zuzuschreiben, daß die Regierung immer zu spät kommt mit ihren
Hilfsmaßnahmen. So bedeutete es sicherlich keine Hilfsmaßnahme,
wenn die Regierung am 25. Mai die Juni-Gehälter auszahlen ließ
— doch jedenfalls in Anbetracht der großen Notlage — dagegen
aber nach 33 Tagen, am 27. und 28. Juni, erst die Juligehälker.
Es durfte seitens der Beamtenschaft ganz bestimmt erwartet wer⸗
den, daß im Laufe des Monats Juni ein Vorschuß auf die Neu—
regelung bezahlt würde. Das Herz muß jedem bluken, wenn man
sieht, wie ein kreusorgender Familienvater, der absolut keine
Pumpschulden machen will — weil er sie nicht mehr bezahlen
kann — ohne Brol zum Dienste erscheint, nur damit seine Kinder
zu Hause — vielleicht — ein Stückchen Brot haben!
Und doch verlangt man von ihm Pflichteifer. Er soll gegen die
Reisenden zuvorkbommend sein; man gibt ihm Leben und Gesund—
heit der Reisenden in die Hand; man verkraut ihm fremde Güter
an, und er darf nicht zum — Dieb — werden. Er will ja seinen
ehrlichen Namen behalten, We dann, wenn er Hunger leiden
muß. Worgen, morgen muß ja die Besserstellung kommen!
Ein anderer nimmt Lebensmittel auf das Buch. Ach, es ist so
bequem, 33 Tage lang auf das Buch zu kaufen. Der Schrecken
kommt ja erst am Zahltage bei der Addition der vielen Rubriken —
ob der Zahltag reicht? —. Ein Trost, ein Hoffnungsstrahl bleibt
immer noch; die Nachzahlung auf die Neuregelung kommt ja
bald, dann wird alles bezahlt. Auch er will ein ehrlicher Mann
sein. Aber die Vachzahlung läßt lange auf sich warklen und wie
ange noch?
Wohl ist die Forderung aufgestellt: „Reichsbesoldung mit allen
Vorteilen und allen Nachteilen“, aber auch zum vollen „Börsenkurs“
 —. Wenn aber der Börsenkurs nicht gewährt wird, dann
wehe einem großen Teile der untern Beamkenschaft. Der Brotkkorb
 wird sich nicht füllen, und in dem Büchlein bleibt sicher ein
großer Posten ungedeckt. Soziale Maßnahmen, Reichsgesundheitswoche
 und dergl. helfen nicht über diesen Uebelstand ge Es
muß vielmehr Verzweiflung einkehren, und in dumpfer Resignakion
wird ein Leben ——
Wohin muß nun eine dauernde dumpfe Resignakion führen?

Bei voller Würdigung dieser Frage dürfte die Beankworkung
erselben gar nicht schwer fallen. Eine dumpfe Resignalion muß
ur Verzweiflung führen und sich in dieser oder jener Weise Luft
nachen. Wenn ein Wensch trotz anstrengender Arbeit nicht so
iel verdient, daß er sich und die Seinen ernähren kann, wenn ein
Mensch krotz anstrengender Arbeit sich jede kleinste Freude ver—
agen muß, wenn ein Mensch trotz anstrengender Arbeit zusehen
nuß, wie andere schwelgen, während er darben muß, so braucht
nan sich nicht zu wundern, wenn auch der edelste Charakter zu⸗
ammenbricht und unwillkürlich ausruft: Gibts denn gar keinen
Weg, der mich aus dieser Not führt?

Wie weit diese dumpfe Resignakion vorgeschritken ist, wissen
boohl die berufenen Führer der Kollegenschaft am allerbesten.
Vährend früher ein großes Inkeresse bei allen wichkigen Fragen
in den Tag gelegt wurde, ist das heute nicht mehr der Fall.
Allenthalben hört man die Aeußerung: Es hat alles keinen Zweck;
die Regierung macht doch, was sie will, für uns Unkerbeamte bleibt
uichts übrig. Und gerade die berufenen Führer waren es bis jeht
jewesen, die zur Beilegung dieser Gegensätze beilvugen und die
zroße Masse zusammenhielten. Auch sie leben und leiden mit ihren
sßenossen, und wenn ihnen das Heft aus der Hand gerissen werden
ollte, so müssen sie heute schon jede Verankwortung ablehnen für
Folgen, welche durch diese lange dumpfe Resignakion hervorgerufen
vurden und ein Ende mit Schrecken herbeiführen müssen. Schon
sind Lohnabkomman gekündigt und sollten sisch
zieraus Weiterungenergeben so wirddie Unter
beamtenschaft der Eisenbahn wissen, daß auch
ste zum Proletariatgehört.

Es werden sich genügend Elementke finden, die die Siknalion
auszunützen verstehen, damit der berufenen Führerschaft der Ein—
luß genommen wird. Noch ist es Zeit, unübersehbaren Schaden
abzuwenden und die Regierung sei hiermit ausdrücklich
 gewarnt. Sie muß sorgen, daß auch dem Beamken ein
menschenwürdiges Dasein gegeben wird. Hch.

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