Full text : 2.1927 (0002)

„Meine sehr verehrten Gäste, liebe Kollegen! Ich erkläre«
hiermit unseren diesjährigen Verbandstasg für eröffnet. Es
freut mich, feststellen zu können, daß die Ortsgruppen dem
Rufe der Verbandsleitung Rechnung getragen und ihre Ver—
treter in dieser stattlichen Zahl entsandt haben, um teilzu—
nehmen an dem Werke der Erledigung der uns drückenden
Fragen. Ich entbiete Ihnen allen im Namen des Vorstandes
herzlichsten Willkommengruß. Insbesondere habe ich die Ehre,
als Gäste in unseren Reihen begrüßen zu dürfen, die Kollegen
Schäfer-Reustadt. Vertreter unserer Muttetorganisation des
Reichsvperbandes Deutscher Post- und Telegraphen-Beamten,
Heinen, Vorsitzender des Bezirksvereins Trier, Bers, Vor—
standsmitglied des Bezirks Trier und Götten, Vorsitzender des
Bezirksvereins Koblenz. Ihnen, meine werten Güäste, gilt
mein besonderer Gruß und ich hoffe, daß Sie in den Mauern
Saarbrückens Stunden erbaulicher Verbandsarbeit erleben
werden und mit den besten Eindrücken auf die Tagung zurück
schauen können.
Bevor wir nun in die Tagesordnung eintreten, laßt uns
derer gedenken, denen es nicht vergönnt war, den heutigen
Verbandstag zu erleben, der Kollegen, die der unerbittliche
Tod aus unseren Reihen gerissen und dem ewigen Ruhestande
zugejührt hat. (Die Anwesenden haben sich von ihren Sitzen
»rhoben.) Ich danke Ihnen für die Ehrenbezeugung.
Somit treten wir nun in die Tagesordnung ein. Umfang—
reich ist die Arbeit und schwer die Verantwortung, die dieser
Arbeit entwächst. Ich bitte Sie deshalb zu ernster intensiver
Mitarbeit“

Kollege Schäfer-Neustadt übermittelte die Grüße des
Reichsverbandes, der der Tagung gedeihlichen Verlauf wünscht.
Kollege Götten-Koblenz und Heinen-Trier bringen die
Grüße und Wünsche der Besirksverein Koblens und Trier zum
Ausdruck und entwerfen in kurzen Zügen ein Bild über den
Stand des seit Monaten währenden Besoldungskampfes.

In der Feststellung der Anwesenheitsliste spiegelte sich ein Bild
straffer Organisationsdisziplin. Es waren sämtliche Ortsgruvpen
des Saargebietes durch ihre Führer und Abgeordneten vertreten,
ein Zeichen, daß die wirtschaftliche Lage in den unteren Gruppen
der Postbeamtenschaft doch nicht so rosig ist, wie sie gewisse Kreise
so gerne hinzustellen versuchen; ein Zeichen, daß die Postbeamten—
schaft keineswegs gewillt ist, die Unbilden, die Existenz und Lauf⸗
bahn dämonisch bedrohen, kampflos über sich hereinbrechen zu
lassen. Doch nicht allein auf der Linie der Abwehr von Schäden
will die untere Postbeamtenschaft sich bewegen. Nein, auch im
Dffensivykampf wird sie im Heere des Beamtenbundes ihren
Mann stellen und die Stoßkraft stärken. Der Führung einen

‚uten Resonansboden zu geben, das ließ der Geist erkennen, der
nie Tagung behorrichte.
Dem umfangreichen Geschäftsbericht des ersten Vorsitzenden
velcher kedem Tagungsteilnehmer in Drucksache vorlag war zu
entnehmen, daß der seit Jahren auf dem sich aus dem Baden—
Badener Abkommen ergsebenden Rechtsboden geführte Kampf
unentwegt weiter geführt wurde. Wenn auch nur Bruchteile
»on Erfolg zu verzeichnen waren, so ist doch nicht zu verkennen,
daß sich manche Angelegenheit infolge der uünermüdlichen Orga—
nisationsarbeit bis zur Reife entwickelt hat und vor der Erledi—
zung steht. Es ist eben schwer, gegen eine Regierung anzu—
ämpfen, die sich auf die Abrede von Baden-Baden beruft, so—
jald es gilt, Verschlechterungen einzuführen, auf der anderen
Zeite aber nach recht eigenartigen Methoden verfährt, wenn
»er Beamtenschaft in der Ferne eine Verbesserung winkt. Ein
ypisches Beispiel hierzu ist ihre Plethode der Errechnung des
Imrechnungsfaktors. Bezüglich der Etats- und Beförderungs—
ragen ist auch der Postverwaltung der Ausdruck der Miß—
dilligung nicht zu ersparen. Weshalb läßt sie nicht Beamten—
»ertreter an der Aufstellung des Haushaltsplanes teilnehmen,
vie dies bei anderen Verwaltungen der Fall ist? Beamten—
russchüsse, Kleiderkasse, Erholungsurlaub sind alles Fragen, die
ioch immer nicht in allen Teilen den Wünschen der Kollegen
entsprechen, obwohl die Fühkiing kein Mittel unversucht ließ, die
erechtigten Forderungen restlos zur Erfüllung zu bringen. Wenn
ioch manche Frage offen und mancher Wunsch unerfüllt blieb,
venn manche Härte unabwendbar aufgetreten ist, so lag dies
dielfach in den Verhältnissen begründet die den stärkeren Pol
zildeten. Es muß anerkannt werden, daß die Verbandsleitung
äüber ihre Pflicht hinaus riesige Arbeit aufopfjernd geleistet und
tets den richtigen Kurs eingeschlagen hat. Manche Verbesserun—
gen auf organisatorischem Geblet sind nun doch zu verseichnen.
Es wäre eine völlige Verkennung der Sachlage, wollte man nicht
darin die Grundlage zur Sammlung und Ausnutzung der ganzen
Kräfte für die bevorstehenden Kämpie der Saarbeamten er—
»licken. Die Aussprache über den Geschäftsbericht brachte sodann
em geschäftsführenden Vorstand größste Anerkennung und vollstes
hertrauen der Anwesenden ein.
Nach erfolgtem Kassenbericht, der ebenfalls in Druckform vor⸗
ag, und anschließender Entlastungserteilung des Gesamtvorstan—
des, trat die Sitzung in die Beratung der eingebrachten Anträge
ein. Schon die Menge der eingegangenen Anträge ließ erkennen,
velche Fülle von Arbeit ihrer Erledigung harrte. Neben so—
ialen und Arbeitsscitirggen nahmen Besoldungs- und Per—
onalfragen einen großen Raum der Beratung ein, die mit tiefem
Ernst und großber Sachlichkeit geführt wurde. Zu umsangreich
var das Maß der Arbeit, um alle Anträge am ersten Tag zu
rledigen. Nach östündiger Sitzung vertagte sich die Versamm—
ung auf den nächsten Vormittag.
Am Samstag abend gab die Ortsgruppe Saarbrücken zu Ehren
»er Abgeordneten und Gäste einen Unterhaltungsabend, der,
verschönt durch die gejaänglichen Darbietungen des rührigen Post—
gesangvereins, die Anwesenden ihre Sorgen für einige Stunden
m Kreise der großen Postfamilie vergessen ließ.

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