Heute ertönt oft laut der Ruf nach Verfassungsände—
tung. Es wird niemand behaupten wollen, daß die neue
Reichsverfassung keine Fehler und Mängel aufweise. Die
Zeiten und die Verhältnisse haben sich seit 1919 geändert;
warum sollte man nicht prüfen, ob einzelne Ver—
fassungsbestimmungen nicht auch geändert werden
müssen? Niemals kann die Verfassung eines lebenden,
fortschreitenden Volkes etwas Starres, Unantastbares
sein. Und wenn man nach reiflicher Ueberlegung zu der
Ueberzeugung kommt, daß Aenderungen notwendig sind,
ann führe man sie durch. Aber auch dann vergesse man
richt: Die Reichsverfassung vom 141. August 1919 war dem
deutschen Volke in schlimmster Zeit Fundament und Rechts—
zrundlage zum neuen Reichsbaue; sie wies Ziele und
Wege in Tagen, als alles zu versinken drohte. Durch die
Erfüllung dieser ihrer geschichtlichen Aufgaben aber hät sie
es verdient, als wichtiger Markstein in der Geschichte des
deutschen Volkes beachtet zu werden. M.
SPRAC
Kauderwelsch.
Sie hatte eine weiße Haube auf, als sie da, weit aus dem
Fenster gelehnt, die Bahnhofstraße hinabschaute. Sie war aber
so beschäftigt, diese Haube vor dem Davonfliegen zu schützen,
daß sie den jungen Mann, den sie erwartete, übersah.
Der junge Mann war ich, daher weiß ich es so genau, daß sie
eine weiße Haube aufhatte.
„Oh, oh“, sagte sie, „die lange Reise! Von Livland, ach, du
lieber Himmel, wo ist das nur? Nun, ich hoffe, es gefällt Ihnen
in Deutschland. Ich will es Ihnen so komod wie möglich machen
Aber nun erst mal einige Tage ausruhen! In der Stadt pro—
menieren. Das Studieren pressiert ja nicht. So, da ist auch vom
Spediteur die Bagasche gekommen. Aber ich lasse Sie jetzt allein
Und nicht wahr, das Zimmer konweniert Ihnen? Die schönen
Stors und Gardinen. Und Schalusien sind auch da. Der Plafont
ist renowiert. Und dort für die müden Glieder die Schäselong
Also nun definitiv, ich lasse Sie — ja aber — da rede ich
rede ich und habe gar nicht gefragt, ob Sie auch Deutsch können?
Li, Li — das soll doch in Rußland liegen? Ich bin ganz konfus
noch so eschoffiert vom Arrangschieren des Zimmers.“
Und damit verschwand die weiße Haube, ohne die Antwor
ibgewartet zu haben.
Ich begann auszupacken. Himmel, was war das für eine
Sprache! Manches klang so französisch, und doch auch wieder
nicht. Meinen achtzehn Jahren schien das livländische Deutsch
teiner zu sein.
Aber da klopfte es. Die Tür flog auf. Die weiße Haube
latterte herein.
„Ich inkomodiere Sie nicht mehr. Nun hier noch schnell aus
der Scharküterie ein Würstchen und ein Fläschchen Bier aus
dem Restorang. Macht 30 Pfennig. Ja, die Zeiten werden
mmer teurer, und da steht man machtlos wisawi! Also, was
darf es noch sein?“
„Ich wäre Ihnen für einen Lehnstuhl sehr dankbar.“
„Lehn — ah, Sie meinen ein Fotölj.“
„Und dann möchte ich noch um eine zweite Waschschüffsel
hzitten.“
„Ha! Ein Lawohr. Gewiß. Sollen Sie haben.“
Und da ich mich für das Entgegenkommen erkenntlich erweisen
wollte, holte ich aus dem Koffer eines der kleinen Pakete her—
oor, die meine Schwester dort hineingepackt hatte, und über—
reichte es der weißen Haube. „Ich bitte, wollen Sie nicht hier
diese livländischen Süßigkeiten versuchen?“
„Sü — — ei, das sind ja Prallinées. Ich werde mich rewan—
ichieren.“ Und wieder flatterte die Haube hinaus.
Am nächsten Morgen — die weiße Haube meinte wohl, ich
chlafe noch — hörte ich nebenan folgendes Gespräch.
Eine Männerstimme: „Na, wer ist denn der neue Mieter.“
Die Haube: „Ah, nicht übel. Nur Deutsch kann er nicht. Ein
Kauderwelsch spricht er“
Die Männerstimme: „Kein Wunder! Er soll ja aus Rußland
jein“.
Die Haube: „Na ja, da hat man was zum Lachen. Was ein
Wertiko ist, weiß er überhaupt nicht. Tablett nennt er Tee—
brett, Samowar nennt er Teemaschine, und für Ohrdöwer sollen
sie in seiner Heimat Imbiß sagen. Und als ich ihm von Vaters
Hof erzählte, von den Schafen, Kühen und Pferden, und welch
schöne Schäsenremise er voriges Jahr gebaut hat, sagte er: „Bei
ins nennt man das Wagenhaus.“
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