Interefsen, gemeinsame Ziele gab, die als Ferment wir⸗
len mußten, wie einheitliches Recht, einheitliche Besoldung
and dergleichen. Die wenigen Beamten, die solche Theo—
rien flüchtig anzudeuten wagten, wurden u. U. als Ab—
trünnige, als verstiegene Idealisten bezeichnet und mit dem
damaligen Schimpfworte „Sozialist“ belegt.
Das ging so bis in die Kriegsjahre hinein. Freilich,
in dieser Vorstufe der Entwicklung ist Vorbildliches ge—
leistet worden an organisatorischer Arbeit, einer Klein—
arbeit, die — mit unseren heutigen Augen gesehen, an
unseren heutigen Aufgaben gemessen — allzu kleinlich er—
scheint, aber dennoch als Bauftein im Fundament gewertet
verden muß. Es war Erziehungsarbeit, was zumal in
Schulungsgruppen und dergleichen geleistet wurde. Aus
diesen zum Teil recht bescheidenen Pflanzschulen ging eine
zanze Reihe heute hell leuchtender Namen hervor. Die
Beschäftigung mit Problemen, die über die engfte Vereins—
politik bhͤnausgingen, führte zur Beobachtung anderer
Volkskreise, leitete zu Vergleichen der eigenen Methode mit
derjenigen der anderen, das Wort aus dem Tell: „Vereint
sind auch die Schwachen mächtig“ demonstrierte sich z. B.
in der deutschen Arbeiterbewegung, mehr und mehr be—
faßte man fich mit der Durchdringung fremder Fragen—
fomplexe; die Fachblätter der einzelnen Fachverbände
beringen um die Jahrhundertwende herum Artikel von
Leuten, deren wissenschaftliches Format unverkennbar ist,
wirtschaftspolitische Erkenntnisse werden behandelt, allge⸗
meine Beamtenangelegenheiten, also Dinge, die dem gan—
zen Beanmtentum eigentümlich sind, Rechtsfragen, und als
von seiten der Regierung so etwa 1908 ein Versuchsballon
aufgelassen wurde, der sich mit dem Gedanken einer Re—
form des bestehenden Beamtenrechts und mit der Schaf⸗
fung eines für alle Beamten gültigen Reichs-Beamten—
rechts befaßte, als dann gar um dieselbe Zeit herum das
Besoldungsgesetz aktuell wurde, da ergab sich ganz von
selbst, daß man mehr und mehr in Gedankenaustausch kam.
Als z. B. das Verbot kam, das den Beamten die Mitglied—
schaft beim Konsumverein Hamburger Richtung untersagte,
da war ein Aufstieg wirtschaftlicher Selbsthilfe zu ver⸗
zeichnen. So trägt jede Hemmung ihre Ueberwindung in
ich. Mählich, allmählich wuchs der Standesgedanke in die
Breite, und das Streben zur Akkumulierung der Teilchen
vurde wirksamer. In Berlin gab es 1906 schon einen
Beamtenwahlverein, der, auf dem Prinzip der Einzelmit⸗
zliedschaft beruhend, schon Beamte aller Kreise umfaßte.
Später nannte er sich „Zentralorganisation der Reichs-,
Staats⸗, Kommunal- und Privatbeamten“, 1909 entstand
dann der „Bund der Festbesoldeten“, der die öffentlichen
Beamten und die Privatbeamten organisierte — wieder in
Einzelmitgliedschaften — sich politisch neutral nannte, aber
beamtenfreundliche Politiker als Abgeordnete in die Par—⸗
lamente hineinbringen wollte. Dieser Bund lenkte die
Augen der Oeffentlichkeit auf sich, man setzte sich vielfach
nit ihm auseinander. Sein Organ waren die von Fal—⸗
enberg geleiteten „Deutschen Nachrichten“. Die Glanz⸗
periode dieses Bundes liegt in seinen beiden ersten Jah—
en, er enthielt zuviel heterogene Elemente, kurz nach dem
Kriegsende war er auch offiziell erledigt. Die große ein—
heitliche Beamtenbewegung konnte und konnte nicht zu—
tandekommen, weil es dazu an dem allgemeinen Auftrieb
in den Massen fehlte. Da kam der Krieg! Daß nach ihm
eine neue Zeit so oder so anbrechen würde, fühlte man,
nan sah aber auch, daß ringsum alle Berufe, Stände,
dlassen und Schichten ihre Interessengemeinschaften hat⸗
en. Nun hatten das freilich die Beamten nicht so nötig,
ich auf rein gewerkschaftliche Ziele einzustellen, standen sie
doch, ihrer Meinung nach, außerhalb des struggle for life,
jatten sie doch keine Tarifkämpfe und derlei durchzufechten,
ahen sie doch im Reichstage ihren Volksanwalt. Aber
inige Geister erkannten doch — oder erfuhren es intuitiv,
— daß man endlich aus traditionsbefangener Enge her⸗
usmußte, gewappnet sein mußte — auf den Tag. Und so
am es noch während des Krieges zu einer „Interessen⸗
zemeinschafi deutscher Beamtenverbände“, also einem Zu—
ammenschluß nicht auf der Einzelmitgliedschaft, sondern
»urch Zusammenführung ganzer Fachorganisationen. Man
zermied auch den organisatorischen Fehler des Hineinbe—
iehens der Postbeamten, ohne damit natürlich irgendeine
Abneigung oder dergleichen gegen diese oder eine andere
»en Beamten soziologisch verwandte Gruppe ausdrücken
u wollen. Nunmehr schien die Linie klar, die Taktik ziel⸗
icher und die Entwicklung erfolgversprechend. Vier Fach—
erbände hatten 1915 die Interessengemeinschaft gegrün—
z»et. Die Initiative war von dem oben bereits erwähnten
rüheren Postassistenten Ernst Remmers, damals General⸗
ekretär des heutigen Reichsverbandes der Post- und Tele—
zraphenbeamten, ausgegangen. Es wurde eine Zeitung
geschaffen „Die Gemeinschaft“ (1917). In diesem Jahre
hestand die Interessengemeinschaft bereits aus 36 Fach—
»erbänden mit insgesamt einer halben Million Mitglie—
dern.
Dann überstürzten sich die politischen Ereignisse. Die
Weltgeschichte nahm in fünfviertel Jahren eine Entwickung,
zu der sie sonst wohl 100 Jahre gebraucht hätte,
und riß alles mit in den Strudel der Umbildung.
Die Verhandlungen einzelner Beamtenverbände unter
ich waren bisher nicht recht vorwärts gekommen, man
tritt sich noch um regionale und materielle Dinge, über
Aufgabenkreis usw. Allem diesem machten die Ereignisse
des Oktober-November 1918 ein plötzliches Ende. Am 4.
November 1918 standen unter dem Druck der Ereignisse
„Das deutsche Berufsbeamtentum wird einig sein — oder
s wird nicht sein“) die deutschen Beamten zum Deutschen
Beamtenbunde zusammen. Eine Million Mitglieder zählte
nan an diesem Tage. Der Schlußstein war gelegt. Namen
wie der obengenannte Remmers, Lange, Winters, Falken—⸗
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