Full text : 2.1927 (0002)

LUVUR GESCHICHIE
DERMODERNENBEAMTENBEWVEGUNG
Von Dipl. rer. pol. M. Gerdes-Köln, Generalsekretär des Landesverbandes Rheinland im Deutschen Beamtenbund
Die Geschichte der modernen Beamtenbewegung ist noch
erhältnismäßig jung. Die Vorläufer der Bewegung lie—
gen, so weit man diese als Bewegung ansprechen darf,
in lokalen, höchstens regionalen Berufsvereinigungen, die
wohl mehr der Pflege der Geselligkeit dienten, jedenfalls
aber — im Banne der Zeit — niemals und nirgends sich
gewerkschaftliche Kampfziele gesetzt hatten. Erst um die
reunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts herum ver—
aichtete sich diese sporadische Sammlung Gleichgerichteter
u Fachverbänden, voran der Verband deutscher Post- und
Telegraphenassistenten, dessen Geschichte die Geschichte der
deutschen Beamtenorganisationen ist, sowohl nach Tendenz
wie Entwicklung. (Fritz Winters: Geschichte des Verban—
des mittlerer Reichs-, Post- und Telegraphen-Beamten
Berlin 1915.) Diese Bewegung ist ein Kind ihrer Zeit, des
abklingenden Wirtschaftsliberalismus, ihre Prinzipien
lassen sich auf eine einfache Formel bringen: Achtung des
Persönlichkeitswertes im Schematismus, Ueberwindung
der Kaste in der Beamtenhierarchie, Freie Bahn dem Tüch—
tigen, damit zusammenhängend sozialer Aufstieg. Also die
Prinzipien der Evolution. — Diese Fachverbände trieben
zunächft strenge pro-domo-Politik, die allerengsten Berufs—
zenosfen schlossen sich zusammen, wie z. B. die Postassi—
flenten. Irgendwelche Tendenzen, sich innerhalb der ein—
zelnen Berufsart, im vorliegenden Beispiele Postdienst
vertikal) oder innerhalb der gesellschaftlichen Schicht (hori—
zontal) Stand oder Klasse zusammenzuschließen, sind nicht
erkennbar, wohl aber das Gegenteil. Denn die in etwa
dreihundert Verbänden vereinsmäßig auseinanderorgani—
sierten Beamtengruppen setzten ihre Kraft nicht einbeitlich
in einer Richtung an, sondern sie gefielen sich vorwiegend
darin, ihr vereinsverbandliches Gruppenziel herauszu—
stellen, ohne Rücksicht auf den Klassen- oder Standesge—
nossen links und rechts von sich aus gesehen, geschweige
denn, daß es etwa für angebracht gehalten wurde, Bin—
dungen nach oben oder unten einzugehen. Es war also
eine strenge Scheidung nach engsten Berufsgruppen; Be—
ziehungen etwa der Post⸗-, Zoll⸗, Eisenbahn- usw. Beam—
ien untereinander und zueinander bestanden nicht, außer
auf der Grundlage der Herkunft (Militär-Anwärter, Su—
pernumerare, Akademiker oder ähnliche). Das ist begreif⸗—
lich aus der Zeit heraus, war doch allein schon der hart⸗
näckige Kampf um die Vereinigungsfreiheit überhaupt ein
Kampf, den die Beamten mit den Behörden zu führen
hatten in einer Schärfe, die uns heute unfaßbar ist, war
doch dieser Kampf allein schon — an der Psyche des da—
maligen Beamtentyps gemessen — eine Großtat, die unsre
heutige Generation nicht mehr zu würdigen versteht, kaum
daß sie sich heute der zahlreichen Märtyrer noch erinnert.
Namen wie Funk, Hubrich, Zollitsch, Remmers und andere
sind Fanale jener Zeit. Verwaltungswillkür, hoher Un—
verstaud, Unfehlbarkeitsdünkel, Schikanen, Mißbrauch der
Dienstgewalt'griff derart um sich, daß das Varlament ein—

greifen mußte, und die Stimmung im deutschen Volke sich
lebhaft für die kämpfenden Beamten einsetzte. Zumal
varen es unsere politischen und unpolitischen Zeitschriften.
Witzblätter und dergleichen, die für die „vom Geist der
ieuen Zeit angekränkelten Staatsdiener“ stritten auf ihre
Weise, und die die Gesinnungsschnüffeleien in Poesie und
Prosa anprangerten. Interessant ist es, die einschlägige
Lriteratur jener Zeit und zumal die Reichstagsberichte zum
Bostetat zu lesen.
Man erkennt daraus unschwer, wie Dinge, welche uns
seute eine Selbstverständlichkeit bedeuten, erlämpft wer—
»en mußten. Die Situation wuchs sich zu einer inner—
jolitisch prekären aus, so war die Oeffentlichkeit davon be—
rührt worden. In den vorhergehenden Jahren hatte die
Bismarcksche Innenpolitik zweimal Fiasko gemacht, beim
tulturkampf und beim Sozialistengesetz, sollte jetzt ein
veiterer Mißerfolg kommen? Das wäre bedentklich ge—
vorden. Da schloß der Husarengeneral von Podbielski als
Ztaatssekretär des Reichspostamts formal Frieden mit sei—
ien Postbeamten, die alle ihre Kampfziele erreicht hatten,
ind es begann die Blütezeit der Beamtenfachvereine. Ein
Blick über den Zaun der eigenen Kategorie hinüber zur
achbarkategorie war freilich den Massen noch nicht ge—
ietm, man hielt sich für sich und sah im Nachbarn den
stivalen. Das ist wiederum verständlich aus der Mentali—
ät des damaligen Beamten heraus, der Kollege und Art—
jzenosse steckte eben nur in der gleichen Uniform, mit den
lleichen Abzeichen, Achselstücken, Sternen oder Litzen.
Wenn man damals einem solchen Beamten gesagt hätte,
daß nicht nur sämtliche deutschen Reichs-, Staats- und
dommunalbeamten und Lehner in eine Front treten, son—
dern sogar internationale Bindungen eingegangen werden
vürden, er hätte es nicht fassen, nicht glauben können.
Noch nach dem Kriege war der Solidaritätsgedanke nicht
Allgemeingut geworden, oder glaubte doch wenigstens ein
zroßer Teil auch der organisatiorisch Erfaßten nicht an
eine Durchschlagskraft. Ich entsinne mich, daß ich im
Zommer 1919 in Krefeld vor Kommunalbeamten einen
ßortrag gehalten habe, in dem ich die Politik des Deut—
chen Beamtenbundes darlegte und u. a. auch die Forde—
ung nach einheitlicher, gesetzlicher Regelung der Besol—
ung für alle Reichs-, Staats- und Kommunalbeamten
ind Lehrer vertrat. Damals ging ein ungläubiges Lächeln
»zurch die Versammlung, und eine prominente Persönlich—
cit fragte mich in der Aussprache, ob ich wirklich glaube,
zaß derartiges wirklich einmal kommen könne, daß die
dommunalbeamten wirklich einmal den Reichsbeamten ge—
haltlich gleichgestellt werden könnten. Man empfand solche
Forderung als Utopie, im Jahre darauf war sie verwirk—
icht und die machtvolle Organisation Koniba hat unstreitig
Erfolge erzielt, an die damals in der Versammlung kaum
emand geglaubt hatte. Die Menge konnte eben in den
Anfängen nicht klar erkennen, daß es große, gemeinsame

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