Zeaitschrift
des Beamtenbundes
des Saargebietes
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l. Jahrgang
Regierungswechsell! — Gustemwechsel?
4
Der Präsidentschaftswechsel in der Regierungskommission
des Saargebietes vollzieht sich in den nächsten Tagen. Das
Ereignis hat die ganze Bevölkerung lange Zeit in Atem
gehalten. Herr Rault geht. Keine Träne wird ihm nach
geweint. Eine kleine Kopie zum großen Hannibal, der mi
dem Ziele der Eroberung nach Italüen kam und es nack
jahrelangem vergeblichen Abmühen verlassen mußte! Hier
wie dort im Hinkergrund bedeutsame Veränderungen in de
Geistesverfassung und politischen Einstellung des Auftrag—
gebers, der Heimatregierung. Unser Dichter Grabbe legt
Hannibal die Abschiedsworte in den Mund:
„Italia! Herrliche, um die ich siebzehn Jahre warb,
die ich geschmückt mit eigenem und mit Konsulblut, so
muß ich dich verlassen? Nichts bleibt mir von dir, die
ich mitreißen möchte übers Meer? Du, ganz anders als
die finstere Carthago und ihr heißes trübrotes Firma—
ment, du prangend mit Helden, die nur von Ruhm und
Eisen, nichts vom Golde wissen, mit dem Glanz selbst- nicht
durch Mietlinge errungener, zum Kapitol hinaufschim—
mernder Triumphe, nie erhabener, als da ich dich zu
meinen Füßen wähnte, und du dich aufrichtetest zu dem
Gewölbe deines ewig blauenden Himmels! Ha, diese
Gräser entreiß ich dir und berge sie an meinem Her—
zen ....“
Wie viele Parallelen liegen nicht in beiden Ereignissen!
Der Vergleich ist für uns mit dem Abschied abaeschlossen:
es bedarf keines Scipio Africanus.
In der Tagespresse ist vom allgemeinen Standpunkt aus
so vieles über den Präsidentschaflswechsel geschrieben wor—
den. Durch alle Darlegungen zieht sich wie ein roter Faden
der Wunsch der Bevölkerung hinduürch nach einem Sy ste m·
wechsel von Grund àauf. Die Ereignisse der hinter
uns liegenden Jahre werden kritisch betrachtet und die
Wunschzettel für die Zukunft aufgestellt. (Stellenweise sind
das Vertrauen und die Zuversicht in die Verwirklichung der
Wünsche und die Besserung der Verhältnisse so groß wie bei
unsern Kleinen, die in kindlicher Einfalt ihren Wunschzertel
dor Weihnachten an das Christkind richten. Was wird uns
bescheert werden?)
Besonders uns beurlaubten deutschen Beamten kann nur
ein Systemwechsel von Grund auf helfen. Wir fühlen uns
darin vollkommen eins mit der gesamten Bevölkerung; dies
umso mehr, als alle entrechtenden Maßnahmen immer zuerst
an der Beamtenschaft ausgeprobt worden sind. Es sei an
das Zustandekommen des Beamtenstatuts erinnert, das die
erste große Welle der Unzufriedenheit auslöste und zugleich
aber, auch der, erste Anlaß zur verschärften Gegenaktion
wurde. Die Linie vom Beschneiden der allgemeinen Rechte
der Beamtenschaft läuft ebenso gerade zur Notperordnund
zum Nachteil der gesamten Bevölkerung wie diejenige von
der Einschränkung des Koalitionsrechtes der Beamten zur
Abänderung des 8 152 der Gewerbeordnung. Der Beamten—
—DD
zugemutet, um sie nachher „Allgemeingut“ werden zu lasien.
Der sinnfälligen Beispiele ließen sich so viele dafür anführen.
Einestrategisch geschlagene Beamtenscha;st
korrespondiert immer und überall mit
einer entrechteten Bevölkerung.
Mit der Vergangenheit soll gebrochen sein. Niemandem
wollen wir etwa noch Eselstritte versetzen. Aus einzelnen
Ereignissen nur wollen wir Lehren für die Zukunft zieben
und sie in Mahnungen ausklingen lassen, die von den neuen
Männern wohl beachtet werden dürfen.
II.
Zuerst die allgemeine Frage der persönlichen Einstellung.
Es war um 1928/4; beim Präsidium nachgesuchte Audien—
zen wurden nicht anberaumt; die Beamtenschaft darbte
bitter; außergewöhnliche Verhältnisse bedingen außergewöhn—
liche Schritte; über ein Monat war seit der letzten Gehalts—
zahlung vergangen; Marschrichtung der von Verantwortung
getragenen Führer zum offiziellen Landesvater; daseibst
zwar zeremonieller Empfang, aber ablehnende Darlegun—
gen; auf die Gegenfrage, wovon die Beamten die kom—
menden Tage leben sollen, die kurze Antwort: „ça n' est
bas discutè“ (darüber wird nicht verhandelt). Welche
Beherrschung mußten sich da die Vertreter auferlegen! Das
ist einfach nicht zu vergessen! Kein Wunder, wenn zwiichen
Präsidium und Beamtenspitze eisige Kälte herrschte. Die
Beamtenschaft hat sie micht auf dem Gewissen.
Von Herrn Stephens befürchten wir zwar so etwas nicht.
Im Gegenteil! Wir wissen und hoffen zuversichtlich, daß
sich sein persönliches Verhalten nicht dadurch ändern wird.,
daß er vom 1. April ab auf einem andern Stuhle sitzt. Und
venn er in der Vergangenheit schon einigemal andeutete
die berufenen Vertreter der Beamtenschaft könnten ruhig
auch einmal öfter vorsprechen, so mag er dessen versichert
sein, daß seine kostbare Zeit nur in wirklich dringenden
Fällen in Anspruch genommen werden wird. Unmittelbare
Vorstellungen — sei es beim Präsidium oder bei den ein—
zelnen Ministerien — werden auch in Zukunft immer nur
dann erfolgen, wenn tatsächlich die Not den schriftlichen Weg
— D
zu befürchten; denn die Beamtenspitze ist sich dessen durchaus
hewußt, daß darunter der Wert der Vorstellung leiden
müßte.
Wir erkennen gerne an, daß die Herren Stephens, Lam—
bert, Veszenski und Koßmann das im Artikel 26 des Be—
amtenstatuts festgelegte Recht des unmittelbaren Anrufes
der Beamtenspitze gegenüher loyal geachtet haben. Viel—
A