Full text : 1.1926 (0001)

Soziale Probleme

In Preußzen ist der Streit dahin entschieden, daß der
Stoat die Einlagen der Sparkassen zum größten Teil für
fich in Anspruch genommen hat, indem er bestimmt hat, daß
die öffentlichen Sparkassen wieder 80 v. H. ihres Einlage—
bestandes in öffentlichen mündelsicheren Anleihen anlegen
müssen.
Wenn wir die Entwicklungstendenz unserer Gesetzgebung
und Verwaltung auf, einen Nenner bringen wollen, so
können wir sagen, daß sie darauf hinausläuft, den Besitz—
losen Groletarier) zu züchten, der zeitlebens von der Hand
in den Mund lebt, durch jeden Schicksalsschlag (Krankheit,
Arbeitslosigkeit usw.) an den Rand des wirtschaftlichen Ab—
grunds agebracht wird, im Alter der Fürsorge für Hilfsbe⸗
dürftige anheimfällt und nach rein äußerlichen Gesichts—
punkten in eine der vier Gruppen der sozialen Fürsorge, die
sich innerlich in keiner Weise unterscheiden, untergebracht
wird. Es ist ein großer Irrtum, etwa anzunehmen, daß
unter dem Besitzlosen lediglich der Arbeiter anzusehen ist.
Professor v. Wiese (Köln) hat in seiner Einführung in die
Sozialpolitik darauf hingewiesen, daß ein autbezahlter
qualifizierter Arbeiter, der ein von den Eltern ererbtes
Häuschen, etwas Gartenland, Vieh, vielleicht eine zu ver—
mietende Wohnung, Dipidenden aus dem Konsumverein
usw. hat, sich vielleicht wirtschaftlich besser, auf jeden Fall
wirtschaftlich unabhängiger, als der allmächtige General—
direktor seines Werkes steht, dessen Gehalt hoch, dessen An—
forderungen der Repräsentation und des Verkehrs vielleicht
noch höher sind, und der im Ungewissen lebt, ob sein dem—
nächst ablaufender Vertrag auch wieder erneuert, oder ob
ein einflußreicherer Bewerber an seine Stelle treten wird.
Weite Kreise der Beamtenschaft sind durch die Kriegs—
und Nachkriegsgesetzgebung, insbesondere durch die Besol—⸗
dungspolitik der verschiedenen Regierungen, in eine prole—
tarisch⸗besitzlose Existenz herabgedrückt worden. Lebensver—
sicherungen usw., die für die Erziehung der Kinder oder als
Fürsorge für das Alter und für die Hinterbliebenen abge⸗
schlossen sind, sind dank unserer Geseßgebung wertlos ge—
worden. Die Bestände an Wäsche, Kleidung, Hausrat uso.
sind verschlissen. An Neuanschaffungen ist nicht zu denken,
denn durch Vorenthaltung der vierteljährlichen Gehalts—
zahlung bekommt der Beamte niemals soviel Geld in die
Hand, um sich ein größeres Stück anschaffen zu können.
Während der Handel über Absatzlosigkeit klagt, schießen die
Abzahlungsgeschäfte, die minderwertige Ware (Kleidungs—
ftücke uswe) zu teueren Preisen absetzen, wie Pilze aus der
Erde. Ein Gegengewicht bieten allerdings die Selbsthilfe—
einrichtungen der Beamtenschaft (Beamtenbanken, Beamten⸗
wirtschaftsbereine usw.), deren Tätigkeit für die Erhaltung
eines wirtschaftlich gefunden und unabhängigen Beamten⸗
standes nicht hoch genug anzuschlagen ist.
Unser Naturleben ebenso wie unser Kultur- und Geistes.
leben wird von dem Kausalitätsgesetz beherrscht. Jedes
Ding und jedes Geschehen hat seine Ursache, und jedes
Ding und GSeschehnis hat wieder seine Wirkung. Unsere
gegenwartige schwere Wirtschaftskrise hat mancherlei zu⸗
sammenwinkende Ursachen. Es wäre verfehlt, ihre Er—
scheinungen auf eine einzige Ursache zurückzuführen. Aber
genau so wie in der Politik rächen sich auch begangene
Sünden der Gefetzgebung im Wirtschaftsleben. Eine nicht
gevinge Ursache unserer gegenwärtigen Wirtschaftskrise, die
Kredů. und Kopitalnot, rührt zum größten Teile davon her,
daß man durch unsere Währungs- und Aufwertungsgesetz⸗
gebung die kleinen Sparer entrechtet hat. Es heißt Vogel
straußpolitik treiben, wenn man annimmt, daß die Er⸗
fahrungen der Inflation in einigen Jahren vergessen sein
verden. Die Assignatenwirtschaft der französischen Revo
sulion ist noch nach über hundert Jahren Gegenstand des
deuischen Geichichisunterrichts gewesen. Unser Börsen ;

Jeschaft ist oerbdet, das Effektengeschäft in Aktienwerten ist
rahezu eingeschlafen. Die Ursache davon sind in der Haupt⸗
ache die schlechten Erfahrungen, welche die Kleinaktionäre
dei der Goldmarkumstellung gemacht haben. Auch nach den
Bründerjahren der siebziger Jahre, bei der viele kleine Leute
hr Vermögen durch Aktienkauf eingebüßt haben, war das
Emissionsgeschäft für mehrere Jahre erstorben. Von den
Lerhältnissen der damaligen Zeit kann man ein anschauliches
Bild gewinnen, wenn man bei Rudolf von Ihering (Der
Zweck im Recht, Bd. J1, 1877, S. W) liest: „Unter den
—D
in organisierte Raub- und Betrugsanstalten verwandelt,
deren geheime Geschichte mehr Niederträchtigkeit, Ehrlosigteit,
 Schurkerei in sich birgt, als gar manches Zuchthaus,
rur daß die Räuber und Betrüger hier statt in Eisen in
Bold sitzen“, und S, 227 ff, heißt es weiter: „Die Aktienzesellschaft
 in ihrer jetzigen Gestalt ist eine der verhängnis-»ollsten
 Einrichtungen unserer Gesellschaft.... Die Ver—
heerungen, die sie im Privatbesitz angestiftet haben, sind
irger, als wenn Feuers- und Wassersnot, Mißwuchs, Erd⸗
heben, Krieg und feindliche Okkupation sich verschworen
jätten, den Nationalwohlstand zu ruinieren. Das vernich—
ende Urteil, welches eine Kursliste aus der Zeit seit der
etzten Katastrophe (1873), verglichen mit einer aus der
Periode der Gründungen über unser ganzes Aktienwesen
usspricht, läßt sich durch nichts, gar nichts, beschönigen
Sie führt uns das Bild eines Schlachtfeldes oder eines
Kirchhofs vor Augen — Blutlachen, Leichen, Gräber, Maro—
deure, Totengräber — nur letztere sind wohlauf, denn nur
ie allein haben gewonnen.“ Auch in unserem heutigen
Aktienwesen wird es wohl noch einiger Jahre bedürfen, bis
die Enttäuschungen der Kleinaktionäre vergessen worden
sind, bis dahin wird es wohl selbst gut fundierten Aktienzesellschaften
 nicht möglich sein, Geld im Inland aufzu⸗
nehmen. Aktienerwerb ist Teilhaberschaft an einem Unternehmen,
 bei dem einige Großaktionäre und viele Kleingaktionäre
 beteiligt sind. Wenn die Großaktionäre ihre Macht
zu rücksichtslos ausnutzen, bleiben die Kleinaktionäre eben
weg.
Eine stärkere Prüfung unserer Gesetzgebung, Verwaltung
und Wirtschaft auf ihren sozialen Gehalt liegt daher nicht
aur im Interesse einer sozialen Politik, sondern auch unserer
Wirtschaft und unseres Volkstums: „Was ist das deutsche
Volk? Sind es die paar Tausende, welche als Nachkommen
»hemaliger Feudalherren oder als deren Ausläufer und
Zypothekengläubiger die Besitztitel an großen Stücken deut⸗
chen Bodens inne haben? Sind es die paar Hunderttau—⸗
ende, welche als Erbe des alten Wohlstandes der Städte
»der durch Glück und eigene Tatkraft begünstigt durch die
bisherigen Wirtschaftseinrichtungen zu mehr oder minder
großem Reichtume gelangt sind? Die richtige Antwort kann
nur lauten: Weder die einen noch die anderen, sondern mit
beiden zusammen auch noch von den 50 Miillonen die 49
die der weitaus größten Zahl nach in täglicher strenger
Arbeit ihr Dasein vollbringen mit meist ganz geringem
versönlichen Anteil an den Gütern einer erhöhten Kultur
ind die, jeder einzelne von ihnen bedeutungslos wie der
Tropfen im Meere, doch in ihrer Gesamtheit das große
Reserdvoir abgeben, aus welchem alle wirtschaftliche und
geistige Aktion des deutschen Volkes nicht minder, wie die
Verteidigung des Bodens in letzter Reihe ihre Kraft schöpft
— die breilen Schichten der namenlosen Geschlechter, zu
velchen die oberen Stände, die Träger von Bildung und
Wohlstand sich nur verhalten wie Blüten und Früchte des
Haumes zum Stamm und Wurzel, aus denen Blüte und
Frucht ihre Nahrung ziehen. Und damit ist gesagt, daß
unter dem Gesichtspunkte des allgemeinen, alle Stände gleichnaäßig
 umfassenden Volkswohls kein Staatswesen eine wichcigere
 Aufgabe haben kann, als die Sorge, Wurzel und
Slamm seines Volkstums dauernd gesund und kräftig zu
erhalten.“ (Ernst Abbe.)
Postinspektor Dr. DLangheim, HKHannover.
            
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