Full text : 1.1926 (0001)

sorm aus ihrem falschen und eingefahrenen Gleise herausheben
müssen den Kapitalismus von dem ihm anhaftenden Fluche be—
jreien mit der gleichzeitigen Bemühung, die Segnungen der
Kapitalsbildung und der Ansammlung von Ersparnissen beizu⸗
behalten. Wir müssen den Versuch machen, etwas in die Tat
umszusetzen, was auf den ersten Blick überaus parador erscheint:
die Schaffung einer ausbeutungslosen Kapitalswirtschaft.
Die Bemühungen nach dieser Richtung gehen schon viele
Jahre zurück. Daß sie einstweilen lediglich theoretischen Charak—
ter tragen, ist ja selbstverständlich. Denn ein Problem von so
immenser Trasweite darf natürlich nicht in die Praxis umge⸗
setzt werden, solange nicht alle nur möglichen Folgen aufs sors⸗
fältiaste durchdacht und erwogen worden sind. Umwälzungen
dieser Art erfolgen nicht von heute auf morgen. Daß sie aber
einmal geschehen, ist eine trostreiche Vorstellung für alle jene
die an eine Entwicklung der Menschheit glauben, daß das leben⸗—
dige Prinzip des Fortschritts schließblich doch stärker ist als
tötende Beharrlichkeit und Trägheit.
Es ist eine alte Volksweisheit, daß auch die traurigsten und
erbitterndsten Geschehnisse zumeist noch irgend eine erfreuliche
Seite haben. Und so ist es auch der Periode der Inflation mit
ihrem ganzen Gefolge von Entnervung, Armut, Verwirrung und
Unruhe zu danken, daß den theoretischen Bemühungen um eine
Umwertung des Geldbegriffs ein starker und neuer Impuls ge—
geben wurde. Die Goldwährung als solche, gegründet auf der
Tatsache einer relativ sehr großen Seltenheit des Materials,
hat ihren Nimbus verloren. An ihre Stelle dürfte nach det über—
zeugenden Klarlegung der bedeutendsten Vertreter der Frei—
geldbewegung — wie man diese Werte-Theorie nennt — früher
oder später etwas anderes treten, was man schon jetzt in seiner
Auswirkung auf die Wirtschaft bei Betrachtung des Handels—
leiles der Zeitungen immer mehr sich ankündigen sieht: der
Warenpreisinder.
Wir haben den Begriff „Inder“ nicht in sehr angenehmer
Frinnerung aus einer Epoche, wo der Beamte mit entwertetem
Papiergeld bezahlt wurde, während der auf seinen Vorteil be—
dachte Kaufsmann seinen Waren den Dollarwert zu Grunde
legie, der dann jeweilig mit der Kurssiffer mullipliziert wurde.
Aber man soll sich durch Vorurteile nicht in seinem nüchternen
Denken beeinflussen bassen, zumal in dem augenblicklichen Zu—
sammenhange etwas gänslich anderes gemeint ist. In der Tat
handelt es sich bei der neuen Theorie der Währung darum, zu⸗
nächst einmal festzustellen, daß die absolute Kaufkraft des Geldes
für die Wirischaft gleichgültig und unbeachtlich ist. Denn ob
mein Geld hoch- oder geringwertig ist, interessiert mich ja eigent⸗
lich so lange gar nicht, so lange ich von dem geringwertigen
Gelde mit veränderter Tauschkraft eine um so viel größere
Summe besitze, als das frühere hochwertige Geld an Tauschkraft
eingebüßt hat. Da nun aber die Praris zeigt, daß bei einer
Aenderung der absoluten Tauschkraft des Geldes, die in unserem
Besitz befindliche ziffernmäßige Summe, die eine solche Aende—
rung ausgleichen könnte, nicht in demselben Maße anschwillt
bezw. abnimmt, daß sie immer irgendwie nachhinkt und den
Pendelschlag nicht genau registriert, daß des weiteren eine sehr
starke Minderung der Tauschkraft den Staat in ein technisch doch
nicht unbegrenztes Sostem der Geldvermehrung hineinzwingt, so
muß ein solcher Vorgang sich schließlich verheerend auf die ge⸗
samten wirischaftlichen Wechselbeziehungen der Menschheit aus—

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wirken. Dies um so mehr, als der Mechanismus des Geldum—
aufs sich wohl ohne allzu grobe Schwierigkeiten ziemlich schnell
ünstlich Mufbläbhen läßt, eine ebenso rasche und systematische
Abdrofsselung aber positiv unmöglich ist.
Die Schaffung stabiler Verhältnisse mit auf ein Minimum
zerabgedrückten Schwankungen ist deshalb jenes Ziel, auf das
die moderne, von einem freieren Geist beseelte Währungstheorie
ihr Hauptaugenmerk richtet. Feste Warenpreise, so behauptet
man mit Recht, bilden eine unbedingte Voraussetzung für die
Beseitigung aller soztalen Mißstände und ẽiöte, schwankende
Warenpreise sind die Klippen, an denen alle solche Vemühungen
mmer wieder scheitern müssen.
Wir sehen heute, gerade heute, mit besonderer Deutlichkeit,
pie sehr auch Geld gleich allen anderen Waren den Auswirkun—
zen von Angebot und Nachfrage unterworijen ist. Geld ist heute
ein vielgeiragter Artikel, die Nachfrage erheblich größer als das
Angebot. Deshalb ist Geld heute so ungeheuer teuer und wer es
hraucht, muß seine Not durch riesige Zinsenlasten vergrößern.
Die Ware sinkt im Preise, weil das Geld knapp ist — aber weil
dem so ist, bietet der gesunkene Warenpreis nur den Wenigen
zinen Vorteil, die in hinreichendem Mabe über Geldmittel ver—
ügen. Der groben Masse hilft dieser Zustand ducchaus nicht
Zorgfältigeres Hineindenken in die komplizierten Zusammen—
zänge der Wirtschaft wird aber auch den Fernerstebenden als—
hald belehren, daß neuen Angebot und Nachfrage, neben der an
ich vorhandenen Geldmenge vor allem die sogenannte Um—
aufgeschwindigkeit des Geldes eine grobe, fast aus—
chlaagebende Rolle spielt. Aus diesem sehr durchsichtigen Grunde
ann in einer Zeit wie der unsrigen, wo grobe Kapitalien in den
zänden Weniger gesammelt sind, der Markt nach deren Be—
ieben gestaltet werden, sie können durch plötzliche Ueberschwem⸗
nung des Marktes mit ihrem Gelde die Waren in die Söbe
reiben oder aber durch Aufspeicherung des Geldes die Waren—
‚reise senken, jedoch das Geld selbst unerschwinglich machen, je
rach dem, wie es ihnen gerade in ihren Kram paßt. Es ist ein
ihnlicher Vorgang, wie er sich eben auf dem Spezialgebiet des
diamantenmarktes abspielt, wo auch die Edelsteine nicht durch
hre Seltenheit, sondern durch ihre Zurückbehaltung im Preise
9 hoch gehalten werden. Die Kapitalisten haben also bei der

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diæ boslæ
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