drohen, auf andere Art gefunden werden muß, als die Redner
erster Garnitur aller Parteien ihre Wähler gerne glauben
machen möchten. Gerade wir, in unserem leinen, übersicht⸗
licheren Staatswesen, vermögen mit einiger Leichtigkeit zu er⸗
kennen, daß das, was wir Politik nennen, zwar durchaus unent⸗
behrlich und notwendig ist, daß es aber keineswegs das Letzte
ist. Diese Politik ist eine solche des Tages für den Tag, die
dem Gebaren des verschuldeten Bankrotteurs, der immer neuen
Pump aufnimmt, um alte, dringende Gläubiger zu befriedigen,
verzweijelt ähnlich sieht. Es ist eine Politik, die ein Loch stopft,
während sie ein anderes aufreißt, die nichts Vorbeugendes tut,
sondern alle ihre Kräfte darauf richtet und richten muß. Ge⸗
schehenes irgendwie wieder gutzumachen und ängstlich davor
zurückschreckt, den Blick allzusehr ins Weite zu richten, wo es
dann leicht geschehen könnte, daß man vor der dunklen Unbe—
grenztheit eines unbeschtänkten Horizontes Hersklopfen und
Angstzustände bekommt.
Neben dieser Politik aber, die von Parteigrößen, Interessen⸗
tengruppen und Gewerkschaftssekretären gemacht wird, neben
dieser lauten und aufdringlichen Politik schreitet eine andere,
sebr viel unauffälligere und leisere, eine Politik für Morgen und
Uebermorgen, die ihr Augenmerk auf den Kern der Sache richtet
und nicht von Fraktionsgrundsätzen und knöchernen Richtlinien,
sondern von Weltanschauungen geleitet wird. Politik jener, die
sich nicht um öffentliche Ehtungen und Anerkennungen kümmern,
aber züh und zielbewußt ihren Wes verfolgen, an kein anderes
Gesetz gebunden als an ihre Ueberzeugung und keinem anderen
Dogma unterworfen als ihrem Gewissen.
Auch eine solche Politik freilich kann heute nicht mehr um eine
Voraussetzung herum, die bereits die Allgemeingültigkeit einer
unumstößlichen Wahrheit errungen hat: daß nämlich alle Politik
der hochkultivietten Gegenwart im Letzten Wirtschafts—
politikssei. Der geringste Zweifel an der bindenden Wahrheit
dieser Behauptung, das glaube ich ohne weiteres feststellen zu
können, schließt jede Diskussion politischer Fragen und jede
positive Kritik politischer Vorgänge völlig aus.
Ist aber Politik immer und in jiedem Falle in ihren letzten
Auswirkungen Wirtschaftspolitik, so wird man es verständlich
finden, daß nachdenkliche und grüblerische Menschen sich seit
langem bemühen, den stabilsten Begriff der gesamten Wirtschaft
das Geld, einer eingehenden Beleuchtung, gleichsam einer Revi—
sion zu unterziehen, mit dem Endsiele, hier durch Ausschaltung
überkommener Vorurteile und veralteter Anschauungen die
Plattform zu finden, von der aus das Wirtschafisleben der mo—
dernen Staaten in einer neuartigen und gesünderen Richtung sich
entwickeln kann.
Tatsächlich gilt der ganze Kampf der interessierten Kreise
einer solchen Umwertung. Der peinliche Anschauungsunterricht
der Inflationsjahre mag das Seine dazu beigetragen haben,
diese Frage, dieses ganz und gar grundlegende Problem in den
Brennpunlt des Interesses all jener zu rücken, die ernsthaft um
eine Reformierung der sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse
besorat sind und nach einer Rettung aus den Noͤten der Gegen—⸗
wart ausspähen.
Wenn diese Bestrebungen in der Oeffentlichkeit noch nicht jene
Aufmerlsamkeit etfahren haben, die sie um ihrer ungeheuren
Wichtigkeit willen unbedingt verdient hätten, so liegt dies zum
arotzen Teil an der Trägheit der Massen, die ungern solchen
einstweilen theoretischen Erwägungen, bei denen man eben noti—⸗
gedrungen denken muß, folgen und lieber nach leichteren und
billigeren Sensationen haschen, deren angenehm prickeinde Span—
nung fie von dem Zwange eigenen Denkens entbindet. Dennoch
9 * 9
Gesundheit ist Reichtum'
Der tägliche Genuß von
Seelig's kand. Kornkaffee
hdilft Ihre Gesundheit
xhalten.
αααν
J
Zum Schutze des Kindes
gegen die versch edenen Schädigungen der Haut verwendet
nan Vasenol⸗ Wund⸗ und Kinder⸗Paste, um die Einwirkung
des nächtlichen Nässens auf die Haut unwirksam zu machen.
Hierauf pudert man mit Vasenol⸗Wund⸗ und Kinder⸗
Paste ein. Die Vasenol⸗Präparate kann man in allen
Apotheken und Drogerien kaufen. —191
αιπιαα
wäre es wohl an der Zeit, diese schwierige Materie jest ein—
gehend zu verfolgen, denn es sind die Belange der gesamten ar—
zeitenden Schichten aller Völker, um die es geht, es ist das
Wohl und Wehe iedes Einzelnen, um das hier gekämpft wird.
Auch das des Beamten, ja, seines fast in erster Linie. Denn sein
ꝛigentümliches Verhältnis zum Staat, die Besonderheit seiner
Stellung und der Entschädigung für die geleistete Arbeit wird
n allen Lagen immer wieder beleuchtet, kritisiert und behandelt,
ei es, um eigene Anschauungen zu erhärten, sei es, um die der
vissenschaftlichen Gener zu bekämpfen und zu entkräften. Dies
zu beweisen, sei nur eine einzige Aeußerung eines unserer ein—
lußreichsten, wenn auch voraussichtlich von vollkommen irrigen
Boraussetzungen ausgehenden Geld-Theoretikers, Knapp-Straß⸗
purg angeführt. Knapp hatte also die Kühnheit, noch inmitten
der schlimmsten Inflationskrise, die Behauptung auizustellen:
„Wo sieht geschrieben, daß die Lebenshaltung des Beamten die
zleiche bleiben muß? Sein Vertrag lautet auf eine feste Summe
des jährlichen Einkommens in Geld, er ist verstimmt über die
Teuerung, aber daran ist nicht die Verfassung des Geldes Schuld,
ondern die allgemeine Beschaffenheit des wirtschaftlichen Ver—
kehrs, denn: der Staat kennt keine Veränderlichkeit des Geld—
wertes und die juristische Geltung der Stücke ändert sich nicht.“
Wohlgemerkt und nochmals betont: diese Meinung wurde aus—
gesprochen mitten in der Inflation, als vielleicht ein Brot mehr
kostete, als das ganze Jahresgehalt des Beamten in Friedens⸗
zeiten ausmachte. Die praktischen Geschehnisse haben Knapp be—
teits in allernächster Zeit nicht nur in tatsächlicher Beziehung,
ondern auch wirtschaftlich und juristisch wenigstens in diesem
»inen Punkte Unrecht gegeben. Aber die Beamtenschaft dürfte
zereits aus der einen oben zitierten Stelle entnehmen, um wie
chwere und einschneidende Fragen es sich bei dieser einstweilen
ioch theoretischen Diskussion handelt. Diese Diskussion kann
rüher oder später ins Praktische abgleiten und gerade wir in
Danzig haben ja eben erleben müssen, daß die Frage der Be—
imtengehälter mit der Gesamtwirtschaft und Staatswirtschafi
zei den parteipolitischen Erörterungen in sehr enge Zusammen—
Ȋnge gebracht worden ist.
Worum geht es nun überhaupt bei diesem Kampf um die
Umwertung aller Werte“, um mit Nietzsche zu sprechen? Wenn
vir diese Frage näher ins Auge fassen wollen, müssen wir eine
indere Voraussetzung einschalten, nämlich die, daß wir einen
ulturellen Aufistieg der gesamten Volkheit ermöglichen, daß wir
dem Klassenhabß den Boden entziehen und das Proletariat als
ein Seiendes und als bleibende Anklage ausstreichen und ver—
tichten wollen. Wollen wir dies, so können wir an einer radi⸗
'alen Umschmelzung des heutigen Wirischafts- und damit des
zeutigen Geldsustems nicht vorüber kommen. Wollen wir dies
ticht, wollen wir weiter mit dem Vorhandensein von Herren
ind Sklaven als mit etwas Gegebenem und Unveränderlichem
nechnen, dann freilich wäre jede Bemühung, wie sie oben ange—
»eutet wurde, zwecklos, ja absurd. Dann dürfen wir sagen, daß
aAnser heutiges Geldsystem einer Aenderung nicht bedarf, dab es
die logische Auswirkung des Wirtschaftssystems darstellt und des—
jalb die sinngemäßeste Ausbeutung einer kapitalistisch regierten
ind gelenkten Welt, die ohne Serrentum und Sklaventum nicht
hestehen kann.
Wollen wir dies aber nicht, wollen wir — wie ich bereits in
neinem vorigen Aufsatz an eben dieser Stelle andeutete — eine
kntwicklung nach oben, sowohl für den Staat wie für den Einsel—
menschen, so müssen wir, ohne genötigt zu sein, das Eigentum als
Begriff aufzuheben und zu vernichten, die heutige Wirischafts⸗
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