Full text : 1.1926 (0001)

Zeitschrift
des Beamtenbundes
des Saargebietes

Berantwortlich: E. Pallmann, Saarbrücken 8, Dudweilerstraße 77, Fernsprecher 4334.
Geschäftsst. des Beamtenbundes des Saargebietes: Saarbrücken 2, St. Johannerstr. 55, Fernspr. 3055, Postscheckkonto 1700 Saarbrücker
Druck und Verlag: Saarbrücker Druckerei und Verlag A.“., Saarbrücken 3, Rathausplatz 5, Fernsprecher Nr. 460— 462.
Nummer 4

J. Jahrgang

Die Besoldungsneuregelung
bunlichst bald nach Stabilisierung der maroden Währung
im Saargebiet die nicht örtlich abgestuften Teile der Be—
soldung den deutschen Sätzen angeglichen werden sollen.
Und bis dahin? Die Regierungskommission ist großmütig
und verspricht eine Neuregelung bereits zum 1. Januar.,
nachdem abermals gegenüber dem Monat März 10925 im
Dezember eine 15prozentige Teuerung nach den inzwischen
reformierten Indexziffern und börsenmäßig eine Geldwert—
minderung von über 3386 Prozent eingetreten ist. Rach
festem Gesetz folgt die Indexziffer den Börsenkursen, genau
wie der Schatten dem Körper. Fast allen Arbeitnehmer—
chichten sind Zuwendungen bewilligt worden; nur die
Regierungskommission entäußert sich aller verantwort—
lichen Regungen und vergiftet die von den Beamten er—
trebte Gleichstellung mit ihren deutschen Kollegen durch
reinen geradezu beleidigenden Umrechnungsfaktor. Soll das
etwa die Quittung auf den Appell an den Völkerbundsrat
sein? Oder sind es die letzten Zuckungen eines absterbenden
Systems?
Noch ist zur Stunde das letzte Wort nicht gesprochen!
Wenn diese Zeilen unsere Mitglieder erreichen, wird sich
die Regierungskommission bereits entschieden haben. Und
auch sie wird, wie jeder andere, nur nach ihrem Werke be—
Urteilt werden. Möge in letzter Stunde wenigstens ein
Funke klaren Sehens sie erkennen lassen, daß auch die ge—
duldigste Beamtenschaft nicht leichtfertig gereizt werden
darf.

Quousque tandem?
An vieles schon sind wir im Saargebiet gewöhnt worden:
an weniger Recht, an weniger Brot, an weniger Urlaub
usw. Die Besoldungsfrage steht im Brennpunkt des
Kampfes, weil die Bezüge nicht zum Leben ausreichen.
Lange wurde die Bewegung mit dem Hinweis auf die
Wirtschaftsverhältnisse des Saargebietes, mit der zuneh—
menden Teuerung begründet. Auch noch nach der Stabili—
sierung der deutschen Währung stand die „VBerücksich—
tigung der besonderen Verhältnisse des
Saargebietes“ im Vordergrund. Die Regierung trieb
durch ihr mangelndes Verständnis die Beamtenschaft zum
Rechtsstreit, der sicherlich ihrem Ansehen nicht zuträglich
war. In Baden-Baden versprach sie eine Besoldungs—
neuregelung mit Wirkung vom 1. Januar 1926 nach ge—
rechten Gesichtspunkten und nun setzt sie allem bisherigen
— wie zum Hohne — die Krone auf und sagt: Ihr habrt
zuviel! Doch: ultra posse nemo tenetur oder „Unmögliches
kann nicht verlangt werden“; und so beläßt sie denen, für
die sie ein Zuviel errechnet hat, gnädiglich das Bisherige
Fasching in Sicht? Doch dafür ist es zu ernst! Wenn der
Beamte 4.33 (vier Komma drei) Franken für eine ihm zu—
stehende Goldmark erhält, dann bildet sich die Regierungs—
kommission ein, das Ihre getan zu haben! Eine Begrün—
dung für 4,3 — wir schreiben Ende Januar 1926 — ist ja
nicht notwendig. Ebenso wenig notwendig, wie seiner Zei
für die ominöse 3,3, welche sich, wie nachträglich durchge
sickert ist, auf ein Gutachten des Statistischen Amtes der
Regierungskommission stützte, das von grundfalschen Vor
aussetzungen ausgegangen war. Macht sich eine Behörde
eine Regierung nicht lächerlich, wenn sie den Boden der
Obiektivität verläßt? Im Oktober 1924 hat die Regierungs—
kommission hoch und heilig beteuert, den damaligen Be—
zügen die Reichssätze zu Grunde gelegt zu haben. Drei—
piertel Jahr später träat sie einer 15prozentigen Entwer—
tung nach den Indexziffern durch eine Bewilligung von
nicht ganz 5 Prozent in den unteren Gruppen Rechnung.
Sie hat ja den Prozeß gewonnen und fühlt nicht einmal
den ekelhaften Geschmack, daß es nur ein Pyrrhussieg war.
Aber den Sieg kostet sie und wertet ihn grimmig aus. Die
Beamtenschaft appelliert an den Völkerbundsrat! Der Herr
Präsident läßt die Denkschriften der Beamten von einer
eigenen bealeiten. Und er sieat wieder; denn die Ange—
legenheit kommt nicht auf die Tagesordnung; der General—
sekretär des Völkerbundes überweist die beiderseitigen
Denkschriften den Mitgliedern des Rates und den Ver—
tretern der Nationen als Mateérial. Das Verbalten ist
wirklich korrekt; unterdessen hungert zwar die Beamten—
schaft, aber sie erfüllt treu ihre Pflicht. Sie wartet auf
Paden-Roden maöon winkt ihr ab mit einer Abrede. nach der

II.
Der Verlauf der Besprechungen
vom 15. und 16. Januar 1926

A.
Die Einladung war fernmündlich am 11. Januar für Freitag
den 15. nachmittags 4 Uhr, im Generalsekretariat ergangen. Am
Regierungstisch die Herren: Generalsekretär Morice, Ministerial—
rat Leibrandt und Regierungsrat Lang als Berichterstatter. Die
Verbände waren wie bisher, iedoch in sich mit stärkerer Ver—
tretung erschienen. J
Herr Generalsekretär Morice leitete die Besprechuna etwo
folgendermaßen ein:
„Wir haben Ihnen in Baden-Baden bei unserem leszten
Zusammentreffen gesagt, daß noch besondere Verhandlungn
in Saarbrücken folgen werden und daß eine neue Besol—
dungsordnung vom 1. Januar ab in Krait gesetzt werden
soll. Um diesen letzten Punkt mit Ihnen zu erörtern. haben
wir Sie heute hierher gebeten. Ueber die anderen schweben—
den Punkte werden die Verhandlungen erst später stattfinden
können; insbesondere muß einer Besprechung über die Ab—
rede von Baden-Baden vom 11. Dezember 1925 notwendiger—
weise die Bestätigung durch die beiderseit'gen Regierungen
vorangehen. Diese Urkunden sind bis jetzt noch nicht aus—
zetauscht. Demnach haben wir uns heute hier nur über die
Pesotßdungsreform zu unterhalten.
            
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