Full text : 1.1926 (0001)

Aus den Grinnerungen eines Ruhestands—
beamten
Von X. D.

F. G. war endlich am Ziele seiner bescheidenen Wünsche
ingelangt: er hatte eine vorläufig probeweise Beschästigung
als Magistratsbeamter in einem schlesischen Badeorte ge—
zunden, mit Aussicht auf dauernde Anstellung. Einem all—
gemeinen Brauche folgend, gründete er jetzt einen eigenen
hausstand. Wohl war sein Gehalt klein, aber er wie seine
Frau hofften, durch sparsames Haushalten damit auszu—
fommen; sie durften ja auch mit späterer Erhöhung des
Finkommens rechnen.
Wie es nun im menschlichen Leben ist, auch unser junges
Ehepaar lernte bald die Schwere des Daseins kennep.
30 Mk. Monatsgehalt war auch zu bescheiden. Als sich gar
ein Kleines einstellte, erwies sich vollends das Einkommer
des Mannes als zu gering. Es ist begreiflich, daß unter
olchen Umständen bei den jungen Ehegatten leise Verstin—
nungen sich einzustellen begannen. Da entschloß sich G. beim
Bbürgermeister wegen Gehaltserhöhung vorstellig zu werden.
Der Bürgermeister Sch, der im Nebenamt Mitglied der
zurdirektion war, befand sich gerade auf einer Nordland—
reise. Frau G. bemerkte zu ihrem Manne, um ihn zu er—
nuntern, der Bürgermeister werde nach der Rückkehr von
einer interessanten Reise sich gewiß in guter Stimmung
definden und dem Anliegen seines Untergebenen wohl,
vollend gegenüberstehen.
G. begab sich nach der Rückkehr des Bürgermeisters in
dessen Amtszimmer und trug sein Anliegen vor.
„Wieviel haben Sie jetzt monatlich?“ fragte der Bürger⸗
neister.
„Dreißig Mark.“
Der Bürgermeister lehnte sich in seinen Sessel zurück:
zu sagen Sie mal, was machen Sie denn mit dem vielen
heldeꝰ“
G. wurde so verwirrt, daß er keine Antwort fand. Die
entstehende Pause füllte der Bürgermeister aus, indem er
agte:
„Sie müssen Ihr Geld einteilen, richtig einteilen!“ Jetzt
ermannte sich G. und schilderte dem Bürgermeister, daß er
mläßlich der Geburt seines Kindes große Ausgaben gehaöt
— —8 — ——

zabe, die er beim besten Willen vom Gehalt nicht bezahlen
fönne.
„Ach ja, Sie haben die Geburt doch angezeigt. — Na.
nachen Sie ein schriftliches Gesuch — wir werden sehen.“
Mit schwachen Hoffnungen kehrte G. heim. Mit grim—
nigem Humor erzählte er seiner Frau von der Unterredung
nit dem Bürgermeister; da seine Frau herzensgut wat.
auchte er nicht zu befürchten, daß sie heftig werden würde
Sie meinte:
„Soso, richtig einteilen sollen wir unser Geld. Es könnte
»em Bürgermeister schwer fallen, uns das vorzumachen. —
Hit billigen Redensarten ist uns nicht geholfen.“
„Diese Leute reden so oft von der Heiligkeit der Ehe und
der Familie“, bemerkte der Mann, „doch sie tun so gut wie
nichts, um das Familienleben in den sogenannten vreiten
VBolksmassen kulturgemäß zu gestatten, obgleich sie für da—
Volkswohl verantwortlich zu sein vorgebeñn.“
„Wundern kann ich mich über die Denkweise des Bürger—
aers und der Kreise, denen er angehört, nicht“, sagte di⸗
Frau.
Auf sein schriftliches Gesuch Lerhielt G. einige Wochen
päter 3 Mk. Gehaltszulage.
Heute ist unser Ehepaar alt und grau. Das Ruhegehalt
des Mannes ist zwar gering, die beiden sind aber äußerst
genügsam; sie haben entbehren gelernt. Wenn es aber ein—
mal vorkommt, daß am 20. des Monats die Frau dem
Manne andeutet, die Pension gehe zu Ende, dann droht e—
hr scherzhaft mit dem Finger und spricht:
gen sag' bloß, was machst du denn mit dem vielen
eld?“

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