In der Tat, die Frage der geistigen Vertiefung unserer
Bewegung, ihre Lösung aus sich teilweise bemerkbar ma—
chender „Erstarrung“ muß die größte Sorge aller dazu Be—
rufenen sein. Dabei darf nicht verkannt werden, daß, so
notwendig die Förderung aller Bildungs-, sozialen und
wirtschaftlichen Bestrebungen ist, so unabweisbar es ist, hier—
für geeignete Kräfte zu gewinnen oder zu erziehen, es doch
bor allem darauf ankommt, das eigentliche Organisationsleben
zu pflegen, den gewerkschaftlichen, die ganze Persön—
lichkeit des Beamten erfassenden Charakter unserer Bewe—
gung herauszuarbeiten oder, anders ausgedrückt, die Beam—
tenschaft zu einer wahren, im Tenken und Fühlen wenig—
stens in den großen Grundlinien einigen Berufsgemeinschaft
zu erziehen. Zur Bewältigung dieser hohen Aufgabe bedarsf
es zähester unermüdlicher und aufopfernder Arbeit in allen
örtlichen und Fachorganisationen. Das Ziel wird nicht von
heute auf morgen, es mag erst in Jahrzehnten erreicht wer—
den, aber es wäre auch kein erhabenes Ziel, wenn es ohnt
Mühe, ohne Kampf erreicht werden könnte!
Der erste Schritt auf dem Wege zu diesem Ziel muß sein:
Mündlicher Gedankenaustausch! Nur dort, wo ernste Per—
sönlichkeiten vertrauensvoll über sie bewegende Probleme
mündlichen Cedankenaustausch pflegen, kann sich eine geistige
Gemeinschaft bilden. Nicht umsonst bezeichnet man die
Sprache als die Grundlage aller menschlichen Kultur. Ge—
wiß haben wir schon mannigfaltige Möglichkeiten, unsere
Gedanken auszutauschen, aber sie genügen nicht. In Ver—
sammlungen, so notwendig und unentbehrlich sie sind, wird
zuviel aneinander vorbeigeredet, ganz davon abgesehen, daß
in Beamtenversammlungen zahlreiche Mitglieder in alter,
traditioneller Zurückhaltung verharren. Im kleineren
Kreise erst wird man auftauen, wird man sagen, wie einem
ums Herz ist. Was in solchem Kreise im gegenseitigen
Austausch der Gedanken erarbeitet wird, verbindet stärker
als die hinreißendste Versammlungsrede, als der über—
zeugendste Aufsatz, als das glänzendste Buch. Gewiß, über
bestehende innere Hemmungen, über äußere Schwierigkeiten
wird man sich klar sein müssen, wenn man solche Vereini—
gungen ins Leben rufen will, aber unüberwindlich erschei—
nen ste nicht. Wo nur erst einige Wenige, für unsere
Sache Begeisterte und zu ständiger Arbeit Bereite sich zu—
sammengefunden haben, wird bald der Grundstein gelegt
sein, auf dem das Gebäude geistiger Gemeinschaft fest und
sicher errichtet werden kann. Die praktische Lösung der
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Frage erscheint dabei verhältnismäßig einfach. In Orten
nit größerer Beamtenzahl werden sich in den Vorständen
der Organisationen immer Persoönlichkeiten finden, die zur
deitung solcher Diskussionsabende geeignet find. Ob man
zu solchen Veranstaltungen besondere Einladungen ergehen
läßt oder den Besuch jedem Mitglied freistellt, wird nach
rtlichen Gesichtspunkten zu entscheiden sein. Beweglichken
st allerdings zu fordern, Bildung starrer, abgeschlossener
Zirkel muß vermieden werden. Der Abend koͤnnte durh
ein kurzes Referat über eine aktuelle Frage, eine Buchbe⸗
prechung oder dagl. eingeleitet werden. Im Vordergrunde
Jaben natürlich beamtenpolitische, staatspolitische und wirt—
chaftliche Fragen zu stehen, doch erscheint es durchaus ange⸗
zracht, auch kulturelle Fragen zu erörtern. Das Wefentliche
»es Abends muß die Aussprache sein. Je verschiedenartiger
ie Teilnehmer des Abends nach sozialer, fachlicher und po—
itischer Herkunft sind, um so farbiger, anregender wird die
Leranstaltung sein. Im übrigen wird die Debaätte selbst—
zerständlich, wie man es von Beamten erwarten kann.— sach⸗
ich zu führen sein. Ferner wird es Sache geschickter Lei—
ung sein, die Aussprache in angemessenen Grenzen zu hal—⸗
en. Es mag weiter daran erinnert werden, daß besonders
die Lehrerschaft einen solchen Gedankemaustausch ühber ihre
Berufsprobleme seit Jahrzehnten mit großem Eifer und Er—
folg pflegt. Es wäre daber mit Dank zu begrüßen, wenn
gerade Lehrerkreise quf diesem Gebiet die Inikiative ergrei⸗
fen und versuchen würden, ähnliche Einrichtungen auf brei—
ter gewerkschaftlicher Basis zu schaffen. Schon aus der
ureigensten Domäne der Lehrerschaft würden manche, Fra
gen allgemeinem Interesse begegnen und sich vorzüglich zum
Gegenstand einer Diskussion auf breiterer Grundlage ma
chen lassen. Ein solches Verfahren wäre überdies geeignet.
das gegenseitige Verständnis für die Forderungen der, ver—
chiedenen Berufsgruppen der Beamtenschaft zu fördern.
Selbstverständlich müssen auch alle Teilnehmer an diesen
Beranstaltungen den aufgeworfenen Problemen Interesse
entgegenbringen und au ernster Arbeit und Fortbildung
bereit sein. Auch werden sie, sofern sie dazu geeignet sind,
elber Vorträge auszuarbeiten und zu halten haben. Es
kann in dieser Beziehung auch noch auf die großen Erfolge
zingewiesen werden, die die Arbeiterschaft mit der Pflege
des Diskutier- und Vortragswesens erzielt hat. Jedenfalls
würden ganze Ströme geistiger Anregung von solchen Aben⸗
den für die Beamtenschaft ausgehen können.
Mögen auch diese Zeilen dazu beitragen, das Problem
der Vertiefung unserer Bewegung seiner Lösung näherzu⸗
bringen, mögen sich bald, namentlich in den größeren Be—
amtenstädten durch die Initiative der Organisationsleitungen
die besprochenen Zirkel bilden. Sie werden im Falle
ihres Erfolges sicherlich überall Nachahmer finden. Auf
diese Weise könnte im ganzen Reiche ein geistiges Fluidum
geschaffen werden, dessen belebende umd anregende Wirkung
auf die praktisch⸗gewerkschaftliche Arbeit zum Segen der gan
zen deutschen Berufsbeamtenschaft nicht ausblesben könnte