Dew eomtenbund
Zeitschrift
des Beamtenbundes
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Saarbrücken, den Onli 1926
Jahrgang
Mnrr 28
Re Aufgahen des Vegmtentums innerhalh der zukünftigen stuutl. Entwickelung
Mit der Aenderung der Staatsform hat der Ausgang
»es Weltkrieges in unserem Vaterlande eine in außer—
ordentlichem Maße gesteigerte Anteilnahme am politischen
deben wachgerufen. Doch stehen wir hinsichtlich dieses Vor—⸗
gangs nicht vereinzelt; vielmehr ist in den kriegführenden
und neutralen Staaten ganz allgemein eine erhöhte Be—
ätigung auf politischem Gebiete festzustellen. Nach den
zewaltigen Opfern, die die breiten Schichten während der
triegszeit in allen Ländern gebracht haben, muß diese
Teilnahme als rechtmäßige Forderung am Verlauf stagt-—
lichen Lebens und im besonderen als eine weitgehendere
Kontrolle innen- und außenpolitischen Lebens mit dem
ziele der Verhütung einer ähnlichen Weltkatastrophe ge—
wertet werden. Man hat diese Vorgänge vielfach unker
)em Begriff fortschreitender Demokratisierung des öffent—
ichen Lebens zusammengefaßt, und in diesem größeren Zu—
ammenhang will die Bewegung als eine geistige Strömung
ungesehen werden. Eben darum heißt es, die Zeichen der
zeit verkennen und die Erfahrungen der Geschichte ver—
eugnen, wollte man sich den berechtigten Auswirkungen
ihrer Lebensäußerungen von Staats wegen versagen oder
gar sie mit Gewalt bekämpfen. Lehren geschichtlichen Ver—
laufs bieten uns Deutschen die Freiheitskriege, aber auch
- die dunklen Jahre der Regktionszeit. Möchten ihre
Auswirkungen das deutsche Volt zukünftig vor neuen ge—
chichtlichen Katastrophen bewahren!
Wohl kaum hat ein Volk durch seine Leistungen während
ꝛes Weltkrieges in derartigem Maße moralisch und historisch
ich das Recht auf Bestimmung seiner Geschichte erworben,
wie das deutsche. Es darf an dieser Stelle indessen nicht
unerwähnt bleiben, daß, um aus diesem Recht fruchi—
bringende und segensreiche Taten zu zeugen, es zuvor gilt,
den jungen Trieb geistiger Erneuerung uͤnseres Volikes
kräftig zu fördern. Denn täuschen wir uns nicht darüber,
daß nach den Jahren machtpolitischer Auseinandersetzung
)en geistigen Kräften in Zuͤkunft steigende Bedeutung bei⸗
umessen sein wird, wenn dieser Vorgang oft einem jeden
auch nicht sichtbar zutage treten wird.
Außenpolitisch drängt der Zug der Entwicklung unver⸗
ennbar auf eine Verdrängung des Macht- duͤrch das
Rechtsprinzip, innerpolitisch uf“eine stärkere Veteitigung
der verhältnismäßig die größeren Lasten tragenden breiten
— an dem politischen und wirtschaftlichen Ausbau des
iches.
Durch die Verflechtung staatlicher und wirtschaftlicher
Fragen mit den Interessen des geringsten Privathaushalts
Ten einer Weise, wie man sie sich ehemals kaum vorzu—⸗
tellen vermochte — muß die Erweckung und Pflege des
volitischen Masseninstinkis zukünftig als eine der bedeutjamsten
Aufgaben der Staatsregierung angesehen werden,
da dieser sie päterhin in die Lage versetzen kann, den Zie—
len ihrer Außenpolitik den Druck des Voltswillens zu
leihen. Ein klässisches Beispiel einer solchen staatlichen Er—
siehung bietet die Führung der äußeren Politik Englands.
Wie ist Deutschland für ein derartiges Ziel reif zu machen?
Die Antwort kdann letzten Endes nur wnuten: Durch eine
olit ische und wirtschastliche Durchdringung des Beamten⸗
ums, die es befähigt, den völlig veranderten staatlichen
Bedürfnissen gerecht zu werden.
Als Voraussetzungen für die Lösung der in diesem Zu—
ammenhang erwachsenden Aufgaben müssen wir die ge—
chichtlichen Lehren der Vergangenheit erkennen lernen. Es
ann leider nicht geleugnet werden, daß die Schichten
inseres Volkes, die in der Vergangenheit berufen waren,
die Geschicke des Vaterlandes zu lenken, sich dieser Not⸗
vendigkeit in hohem Grade verschlossen haben und auch
jeute noch unbeachtet lassen, daß die fortschreitende Demo—
kratisierung des Volkes eine unbedingte historische Folge
des Weltkrieges — auch in den Siegerstaaten — war. Der
Tlassengeist der Monarchie ließ in den Regierenden nur
ereinzelt ein Verständnis der Volkspsyche wachwerden und
»erhinderte, die tiefgehenden Strömungen der Volksseele
m Sinne historischen Werdens zu werten und zu benutzen.
So gingen diese elementaren Kräfte der völkischen Entwick—
ung dem staatlichen Organismus verloren, der es nicht
derstand, die gesunden Keime dem Gangen fruchtbar zu
nachen. Die Schulung der regierenden Kreise läßt es ver—
vunderlich erscheinen, daß ihnen die Bedeutung der gei—
tigen Strömungen im Volke verborgen blieb und sie ver—
uchten, ihrer durch retardierende Machtwirkungen Herr zu
verden. So kann einzig die Besorgnis um das Entschwin⸗
den der Macht die noch vorherrschende Einstellung erklären.
Diesem Beweggrunde muß als uͤnbedingt maßgebend auch
insererseits beigetreten werden, denn in dem innerhalb
des monarchischen Staats so einseitig sich auswirkenden
Kastenwesen lag die Stärke der Führerkteise begründet.
Mag diese Stellung in vergangener Zeit unzweifelhaft
zistorische Berechtigung gehabt haben, so muß sie in einer
Zeit sich umgestaltender demokratischet Weltanschauung als
demmnis wahrer Entwicklung des Volksganzen bezgeichnet
verden. Die führenden Schichten des alten Staates ver—
nochten ihre bevorzugte Stellung innerhalb eines modernen
Wirtschaftslebens nur dadurch aufrecht zu erhalten, daß sie
olanmäßig, schon durch den Aufbau des Schul- und Hoch—
chulwesens, praktisch eine Rationierung der geistigen Kräfte
»es Volkes durchgesetzt haben. Damit muß als primäre
Loraussetzung einer freien Entwicklung aller geistigen
dräfte unseres Vaterlandes der zeitgemäße Ausbau der
5chule und Hochschule trotz aller entgegenstehenden Wider—
tände wieder und immer wieder gefordert werden; dieser
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