Full text : 1.1926 (0001)

Mitgliedes Rault herausgebildeten Verhältnisse. Die
Beamtenschaft, d. h. die Führer der in der Arbeitsgemein—
schaft vereinigten Organssationen, haben daher auch nichts
versäumt, um mit der neuen Regierungskommission einen
gemeinsamen Boden zu schaffen, auf dem in der Folgezeit
aͤlle Wünsche der Saarbeamtenschaft geklärt und erledigt
werden sollten. Besprechungen der Beamtenschaft fanden
statt bei dem neuen Präsidenten Stephens und bei den
Ministern Koßmann, Lambert und Veszensky. Das franzö⸗
sische Mitglied der Regierungskommission, Minister Morizt
dagegen hat bis heute der Beamtenschaft auch auf ihr Er—
fuchen hin, eine Besprechung nicht ermöglicht. Die Hinaus
schiebung der Besprechung begründet Herr Morize damit.
daß er infolge der Uebernahme des neuen Postens mit Ar—
beit überlgstet sei. Die Beamtenschaft legt wohl keinen be—
sonderen Wert mehr auf diese Besprechung, da inzwischen
die Besoldungsaktion den bereits bekannten Verlauf ge—
nommen hat.
Herr Präsident Stephens wünschte selbst ein anderes
Verhältnis zwischen sich und der Beamtenschaft herzustel⸗
len. Trotzdem die Beamtenschaft an den Verhältnissen zur
Zeit der Präsidentenschaft Raults kein Verschulden trifft,
haben die Vertreter sich bereit erklärt, der Regierungs—
kommission bei der Herbeiführung eines besseren Verhält:
nisses behilflich zu sein. Es wurde der Beamtenvertretung
zugesagt, daß es künftig in schwebenden Beamtenfragen
kein Diktat mehr geben könne, sondern, daß die berufenen
Beamtenvertretungen zur Mitarbeit herangezogen werden
sollten. Eine kleine Kommission wünschte sich Herr Präsi—
dent Stephens, die alle Fragen und Verhandlungen mit
der Regierungskommission besprechen und ihrer Lösung
entgegenführen sollte.
In Verfolg dieser ersten Besprechungen mit dem Präsi—
denten und den 3 genannten Ministern der Regierungs—
kommission fand sodann am 22. April eine Besprechung mit
dem Vertreter der Regierungskommission, Ministerial—⸗
direktor Courtilet von der Abteilung für Oeffentliche Ar—
beiten, statt. Vorausschicken möchte ich, daß Herr Cour—
tilet der deutschen Sprache nicht mächtig ist, sodaß die Ver
handlungen hier durch Uebersetzungen erschwer‘ wurden.
Die deutsche Beamtenschaft könnte eigentlich von der Re—
gierungskommission verlangen, daß in einem rein deutschen
 Gebiete, in welchem die Amtssprache deu tich ist,
auch als Verhandlungsleiter der Regierungskommission
in allen Beamtenfragen ein deutscher Beamter einge—
setzt werden müßte. Ueber den Verlauf der Verhandlungen
nit Herrn Courtilet haben die Verbände in ihren Zeit—
chriften und durch Rundschreiben eingehend berichtet. Ich
pill daher nur noch kurz den Verhandlungsgang an diese
Stelle wiederholen. Herr Courtilet gab der Beamtenschaft
bekannt, nach welcher Methode die Regierungskommission
die Gehälter der Sgargebietsbeamten im Verhältnis zu
den deutschen Reichsbeamten errechne. Der Umtechnungs—
faktor, früher 44, jetzt seit 1. April 477, sei zu errechnen
durch die Division der Teuerungszahl des Reiches in die
des Saargebietes. Im Dezember habe die Division 4.338
und im März 4,67 ergeben.
Herr Courtilet teilte ferner mit, daß er auf dieser
Grundlage im Auftrage der Regierungskommission berech—
tigt sei, die Wünsche der Beamtenschaft entgegen zu
tehmen. Es könne jedoch nicht anders entschieden werden
»a der Umrechnungskurs nicht anders angewandt werde
wie er sich aus den Teuerungszahlen des Reiches und des
Saargebietes ergebe. Vorausgesetzt, daß heute eine Eini
gung zwischen Beamtenvertretern und den Vertretern der
Regierungskommission stattfände, könne sofort das neut
Gehalt bezw. der Unterschiedsbetrag ab Montag zur Aus—
zahlung kommen. Die Beamtenvertreter behielten sich nach
diesen Ausführungen f* Stunde Zeit zur internen Bera
hung vor. Außerordentlich schwer war es, zu dem Zeitpunkte
bei der Notlage, in welcher sich die Beamtenschaft be—
fand, auf die geringen Vorteile, welche die vorgelegte Ta—
belle bot, zu verzichten. Es wurde daher abgewogen, ob
man gegen die neue Tabelle protestieren solle, oder ob sie

vorläufig hingenommen werde und ihre Unrichtigkeit durch
Zahlen etc. zu begründen bleibe. Der Entschluß, der gefaß
wurde, war in der Erwartung, daß regierungsseitig die
gegebenen Versprechen eingelöst werden, einstimmig. Er
lautete folgendermaßen:
Wenn die Regierungskommission sich bereit erklärt, nach
dem Nachweis der Unrichtigkeit der Tabelle bezw. der Er—
rechnungsmethode sowie auch bei jeder veränderten Situa—
tion in der Lebenshaltung, sofort wieder Verhandlungen
aufzunehmen und das Mehr der neuen Tabelle am Mon—
rag, also 3 Tage später, auszuzahlen, werden wir der vor—
äufigen Durchführung der neuen Tabelle zustimmen.
Nach Wiederaufnahme der Verhandlungen mit Heren
Lourtilet wurde der Entschluß der Vertreker bekannt ge—
geben, dabei gleichzeitig darauf hingewiesen, daß bei einem
Kurs des Franken von 7,10—7,20 eine Umrechnungszah'
pon 4,7 unvorständlich sei. Herr Courtilet gab die Erklaͤ—
rung ab, daß bei dem Eintritt von Veränderungen in der
Lebenshaltung sofort neue Verhandlungen von uns ver—
angt werden können. So sei der Anlaß zur sofortigen Ver—
zanlung bereits gegeben, wenn die Teuerungszahlen für
April einen höheren Umrechnungsfaktor ergeben sollten.
Bei jeder neuen Situation könnten sofort neue Verhand—
lungen angebahnt werden.
Nun noch einiges zu dieser neuen, ab 1. April ds. Irs.
geltenden Besoldumgstabelle.
Der Regelung der Gehälter ab 1. 1. 26 wurde ein Um—
rechnungsfaktor von 44, derjenigen ab 1. 4. 26 ein solcher
oon 4,7 zu Grunde gelegt. Steigerung der Teuerung De—
zember/April 8,5 Prozent, Ma 15,5 Prozent, Gehalts—
ufbesferung Februar und März „Null“. April7
Prozent, Mai und Juni „Null“.
Ab 1. Januar betrug beispielsweise das Gehalt in
Gruppe VII 956 bis 1388 Franken. Das endtspricht be—
einem Umrechnungskurs von 6 — 159,3 bis 223,30 RM
Aprilbesoldung in der gleichen Gruppe 10603 bis 1400 Frs.
umgerechnet in Reichsmark — 138 bezw. 193,70. Verminde—
rung des Einkommens Reichsmark 31,30 bezw. 38,20
Schlußfolgerung nach 5 Besoldungsreformen — Nullpunktt
Diese Zahlen beweisen, daß es in der Besoldung der Saar—
»eamtenschaft anstatt bergauf ständig bergab geht.
Nun aber weiter zu den Verhandlungen, die im Verfolg
»er von Herrn Courtilet gemachten Zugeständnisse ange—
»ahnt worden sind. In einer Eingabe vom 11. Mai 1926
zat die Arbeitsgemeinschaft die Gelegenheit wahrgenom—
men, der Regierungskommission ihre Stellungnahme zu der
RKechnungsmethode klar zu legen. Es wurde insbesondere
zervorgehoben, daß die Reichsteuerungszahl ein gewogenes
Mittel aus den Teuerungszahlen von 72 Eildienstgemein—
den sei und daß selbst die Teuerungszahlen dieser Gemein—
den bis zu 25 Prozent voneinander abweichen. Dagegen
viesen die Teuerungsverhältnisse des Saargebietes wegen
der Einheitlichkeit dieses Gebietes wesentliche Unterschiede
kaum auf. Es müßte daher auch hier anstatt der Durch—
chnittsteuerung des deutschen Reiches ein bestimmter Ort
bei dem bis zu einem gewissen Grad ähnliche Verhältnisse
bestehen, etwa Breslau, zum Vergleiche herangezogen wer—
den. Weitere Momente hat die Arbeitsgemeinschaft der
Regierungskommission unterbreitet, die eine wesentliche
Erhöhung der Teuerungszahlen des Saargebietes mit sich
brächten. Ich erinnere nur an die Aufrechterhaltung der
kulturellen Beziehungen mit dem Reich (Studium, Fach—
zusbildung, Fachzeitschriften, Zugehörigkeit zu Fachverbän—
den, Ausbildung der Kinder, Zeitschriften und Bücher zur
Allgemeinbildung, familiäre Beziechungen mit dem Reich
Unterstützung von Familienmitgliedern, Besuche usw.).
Weiterhin berücksichtigt die Saargebietsregierung über—
haupt nicht den Unterschied, der beispielsweise in der
Qualität der deutschen und französischen Ware liegt. Be
der geringen Kaufkraft der Saargebietsbepölkerung ist die
Kaufmannschaft gar nicht in der Lage, Qualitätswaren
rus Deutschland zu beziehen, um sie an die Konsumenten
ibzugeben, sondern sowohl der Kaufmann als auch die
donsumenten sind darauf angewiesen, billigere, in der
            
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.