beeinträchtigt und nach dem Willen der Oberen geleitet
wurde.
Ein solches Volk ohne politische Geschichte in dem ange—
deuteten Sinne, ohne Tradition, mit dem Begriff Liberalis—
mus einige Jahrzehnte kotettierend, ohne zu begreifen, daß
Liberalismus eine Weltanschauung und nicht ein Partei—
Schlagwort. Maxime des Dentens vielmehr als Umriß einer
Verfassung, einer Staatsform ist, in den breiten, gedrückten
Schichten des vierten Standes auf das sozialdemoötratische
Banner, auf Marx und Lassalle schwörend, von ihnen Er—
lösung hoffend, ohne in größerem Maße den tiefen und be—
deutsamen Gedantengängen dieser Führer nachgespürt zu
haben, in den rechts stehenden Kreisen auf ererbte Gedanken—
kelten, Gefühlsvorstellungen und versteinerte Traditionen
festgelegt, die dem Leben immer mehr entgleiten, weil sie
mit dem Leben nicht mitzugehen wissen, ein solches Volk
mußte notgedrungen die plötzliche und schwere Aufgabe mit
den Augen eines verantwortungslosen Spielers betrachten.
Man rang nicht um seine politische Weltanschauung, sondern
man besaß sie: als Erbe einer Familienüberlieferung, einer
Stellung, eines Amtes, einer Erziehung. Wie man eine
Religion nicht mehr erkämpft, sondern mitbekemmt — die
Eltern sind evangelisch, also auch die Kinder. Sie sind katho—
lisch, also auch die Kinder!
Gewiß hört man hin und wieder, wie der oder jener aus
einer Partei in die andere hinüberwechselt. Aber eingehende
Nachprüfung des Vorganges belehrt in Bälde, daß auch hier
in den seltensten Fällen ein in schweren Kämpfen errungenes
anderes Weltbild die Ursache ist, sondern gekränkter Ehrgeiz,
kluge Erwägung etwa zu erreichender Vorteile, sanfter Druck
von Vorgesetzten oder andere bedenkliche Dinge. Gewiß fan—
den sich viele, die unmittelbar nach dem Zusammenbruch erst
einmal eine Plattform suchten, von der aus sie den Gang
der Geschehnisse betrachteten. Aber bald war alles irgendwo
eingefangen, festgelegt, einer bestimmten Vartei, Richtung
oder Gruppe zugehörig — und mit dem freiesten Wahlrecht
der Welt in den Händen standen wir da und wußten mit
diesem Geschenk nichts anzufangen.
Die ewigen Optimisten mögen aus diesem Umstande eine
neue Hoffnung ziehen; sie mögen glauben, daß wir, politisch
noch so unreif, auch noch ein sehr junges Volk seien und des—
halb eine lange Zukunft vor uns haben müssen. Aber dies
scheint uns ein schlechter Trost für die Mängel und Unvollkommenheiten
der Gegenwart zu sein.
Aus dieser politischen Unreife erwächst in der Tat unsere
ganze politische Gegenwartsmisere. Wir haben Parteien und
Parteipolitiker, aber wir haben keine Politiker. Präsidenten
und Sindici von Handelskammern, Generalsekretäre indu—
strieller und kaufmännischer Verbände bestimmen die Politik.
Sie mögen ausgezeichnete Menschen sein, aber sie sind doch
im Ueberwiegenden nur geschickte Interessenvertreter be—
stimmter und oft sehr voneinander difserierender Zweige des
öffentlichen Lebens, die von dem vielverflochtenen Leben der
Gesellschaft als solcher, des Staates, häufig nur geringe
Kenntnisse besitzen, und werden in dieser Beziehung von ge—
wiegten Parteisekretären, sowohl was das Wissen um die
Einbettung der einzelnen Wirtschaftszweige in den Gesamt—
organismus, als auch, was organisatorische Fähigkeiten an—
belangt oft weit übertroffen.
Immer aber ist der Begriff „Partei“ bei uns Deutschen
mit einem gewissen Odium belaftet. Es ist nicht eine durch—
aus humoristische und zum Lächeln reizende Sache, unser
sogenanntes vpolitisches Geharen von heute zu betrachten. Die
Angelegenheit stimmt eher nachdenklich, ernst, und ist mit
ziner leichten Bitterkeit peinlich gemischt. Wieso vermissen
vir seit Jahren jede Stetigkeit in der Politik, wieso ist
unsere ganze Regierungs- und parlamentarische Tätigkeit ein
dauerndes Schaukeln und Lavieren? Weil Volk, Parlament
ind Regierung vergessen, was eigentlich der tiefe Sinn alles
Parteiwesens ist: Zusammengehen von Veenschen gleichen
Interesses. Interessengemeinschaft hat mit Politik nichts zu
un, oder doch wenig und weniger noch mit Gesinnungs—
Jemeinschaft. . Die tief verankerte, im Wesen des Deutschen
— des „Vereinsmeiers“, wie man nicht ohne berechtigten
dohn sagt — begründete Klüngelwirtschaft ist die Quelle des
Jonglierens, das unsere Politik nach außen und nach innen
ast taglich zuwegebringt. Man wird sagen: auch Bismarck
)abe mit den Parteien jongliert, um sich jeweils diejenige
Mehrheit zu verschaffen, die er für seine wechselnden Ziele
»rauchte. Das stimmt, und Bismarck hat es selbst zugegeben.
Aber: (aduod licet Jovi, non licet bovi,) und wir müssen dem
Ulittelmaßigen das Recht absprechen, die Handlungen eines
venies zu kopieren. Bismarck konnte sich seine Art der
Politik leisten — obgleich die Gefahr bestand, und sich später
chmerzlich auswirkte, daß sein politischer Bau mit ihm stand,
aber auch mit ihm fiel; — die deutschen Politiker von heute,
ob von rechts oder von links kommend, haben durch nichts
bewiesen, daß sie dem großen Kanzler auch nur annähernd
nahekommen. Und da das Glück, einen Mann solchen Aus—
naßes an führender Stelle zu wissen, einem Voltke in Jahr—
hunderten kaum einmal zuteil wird, wäre es abwegig, auf
die Wiedertehr und Reinkarnation eines solchen staars—
männischen Genies in absehbarer Zeit zu hoffen.
Ein derartiges Abgleiten von der Partei zum Klüngel
nußte diese Zersplitterung, diesen Zerfall des Parlaments—
vesens mit sich bringen, der auf die DTauer sich nicht als traghar
erweisen kann. Sind die Auswirkungen bei einem 60—
Pillionenvolt nicht so offensichtlich und an sich durch mancher—
lei retardierende Momente auch nicht so plötzlich, so müssen
ie sich bei einem Zwergstaate wie Danzig schon heute aufs
)rastischste erweisen. Tatsächlich stellt unser Parlament heute
zereits lediglich ein verzerrtes Abbild der einzelnen Inter—
»ssentengruppen, Wirtschaftsverbände usw. dar. Schon lange
st Partei bei uns nicht mehr Anschauungsfrage, sondern eher
Zusammenschluß von Berufsverbänden zur Erkämpfung be—
timmter Vorteile. Selbstloses und desinteressiertes Urteil,
cdiglich auf bestimmten Gesamtanschauungen, Weltanschau—
ingen, basierend, ist nur bei wenigen zu finden. Wenn
Fischer oder Räucherer, Haus- und Grundbesitzer oder
Mieter, wenn alle diese und viele andere ihre besonderen
Parteien gründen, so entwürdigen sie damit den tiefen Sinn
ind die eminente Bedeutung parlamentarischer Regierungsormen.
Von hier bis zu dem Augenblick, wo jeder Beruf,
Schneider, Müller, Bäcker oder Handschuhmacher, ihre Ver—
reter in den Volkstag schicken, ist tatsächlich nur noch ein
Schritt. In demselben Augenblick muß aber auch jeder Ver—
uch, positive Arbeit zu leisten, als illusorisch betrachtet wer—
»en, und das Parlament sinkt endgültig zu einem harmlosen,
zwecklosen und lächerlichen Debattierklub herab.
Aus diesem Grunde kann auch vor dem gelegentlich in
Beamtenkreisen propagierten Zusammenschluß zu einer Be—
amtenpartei nicht nachdrücklich genug gewarnt werden. Ge—
wiß ist es möglich, daß die Beamtenschaft bei glücklicher Kon—
tellatien sich auf diese Art gelegentlich einige Augenblicksvorteile
zu verschaffen vermag. Aber dieser Nutzen wird
durch den unvermeidlichen Schaden, der früher oder später
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