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Normaltarifsätzen zwar vorerst festzuhalten, dafür aber
aine immer weiter wachsende Zahl von Ausnahmetarifen
zu schaffen. Den Monats-, Wochen- und Sonntagskarten
zesellten sich cie Urlaubskarte, die Fesitags-Rückfahrkarte,
die Netz- und Bezirkskarte, die feste Rundreisekarte, die
Zehnerkarte sowie andere Sondertarife hinzu. Die Tarife
für Gesellschaftsreisen wurden immer mehr ermäßigt, besondere
Ermäßigungen für Kinderreiche eingeführt, die Bedingungen
für die Gestellung von Sonderzügen in zımehnendem
Maße entgegenkommend gestaliet. Ein wahres
Füllhorn von Äusnahmetarifen ergoß sich im
Laufe der letzten Jahre auf die Verkehrsnützer mit dem
Ergebnis, daß ein unendlich verwickeltes System®)
ier verschiedensten ineinandergreifenden ÄAusnahmetarife
zeschaffen worden ist, zu dessen Beherrschung fast ein
besonderes Studium notwendizy erscheint, das aber von
der Mehrzahl der Reisenden kaum verlangt und erwarteli
werden kann. Hier eröffnete sich den Reisebüros ein für
sie auch wirtschaftlich bedeuisames segensreiches Feld
der Betätigung, indem sie sich in die Lage verseizt sahen,
ihren Kunden durch Feststellung der zweckmäßigsien Be-Jingungen
für die jeweilige Reise zu dienen.
Was das Verhältnis des Anteils der Normal- und der
Ausnahmetarife an den Gesamteinnahmen der Reichsbahn
aus dem Personenverkehr anlangt, so trifft der Geschäftsbericht
der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft über das
I1. Geschäftsjahr 1935 auf Seite 85 die bemerkenswerte
Feststellung: „Während beispielsweise im Personenverkehr
1913 nur 13% der Einnahmen aus ermäßigten Tarifen
aufkamen, waren es 1933 51 0, d. h. ungefähr das Vierfache?)“.
Inzwischen ist die Entwicklung durchaus in der
gleichen Richtung fortgeschritten, so daß der Hundertsatz
der Einnahmen aus dem Normaltarif nach weiter wesentlich
abgezunken sein dürfte.
Die Reaktion auf eine Entwicklung, die heute nur
noch weniger als die Hälfte der Reisenden nach dem
Normaltarif fahren läßt, konnte nicht ausbleiben. Es mehr-;en
sich die Stimmen, die einer kräftigen Herabsetzung
dies Normaltarifs, der obengenannten Kilomeiersätze, das
Wort redeten, wobei g leichzeilg eine mehr oder minder
große Anzahl von Ausnahmetarifen als zur Aufhehung reif
zezeichnet wurde. In letzterer Beziehung mußten sich
1aturgemäß alsbald erhebliche Schwierigkeiten ergeben:
In einer Zeit, in welcher der Verkehr auf der Schiene
stärker denn je bedroht ist, müßte es bedenklich erscheinen,
Tarifvergünstigungen, «die einmal gewährt worden
sind und die sich gut eingelebt haben, wieder zu besei-:igen.
Eine Erörterung der Frage durch die berufenen
Vertretungen der Verkehrsnützer hat denn auch ergeben,
daß nur auf einen verhältndsmäßig kleinen Teil der Ausnahmetarife
wird verzichtet werden können, wenn nicht
schwere Erschütterungen nach der einen oder anderen
Seite hin in Kauf genommen werden sollen, die nicht nur
Jen Verkehrsträger, die Reichsbahn, sonderm weiteste
Kreise der Volkswirtschaft in Mitleidenschaft ziehen würden.
Es wird also daran festzuhalten sein, daß auch
bei einer fühlbaren Herabsetzung der Ki-‘ometersätze
des Normaltarifs die überviegende
Mehrzahl der AÄAusnahmetarife
wird bestehen bleiben müssen, weil sie jeweils
besonderen schutzwürdigen Zwecken dienen und
zur Erfüllung dieser Zwecke nicht entbehrt werden können.
Dies gilt vor allem für die Monats- und Wochenkarten
der verschiedenen Arten, für die Netz- und Bezirkskarten,
die Sonntagskarten, die Zehnerkarten und
die Fahrpreisermäßigungen aus karitativen, jugendbild-1erischen,
sportlichen und dgl. Gründen. Grundsätzlich
wird hiernach nur auf solche Äusnahmetarife verzichtet
werden können, die gegenüber den herabzesetzten
Normaltarifen keine oder keine
1ennenswerte Ermäßigung mehr bieten
Die Erkenntnis der Notwendigkeit, die Mehrzahl der
Ausnahmetarife beizubehalten, ändert indessen keineswegs
etwas an der anerkannten Tatsache, daß die
derzeitigen Naoarmalkilometersätze wesent-?)
Die „Übersicht zu Fahrpreisermäßigungen zu Lehrfach h 401. Der Dienst
m Zuge‘‘, im Verlag der Verkehrswissenschaftlichen Lehrmittelgesellschaft mbH.
bei der Deutschen Reichsbahn, herausgegeben am 1. Mai 1936. weist bereits 56
Arten der Fahrpreisermäßigungen auf!
*) Der vorläufige Jahresüberblick der Deutschen Reichsbahn für 1936 weist aus,
Jaß die Einnahmen aus dem Verkehr zu ermäßigten Tarifen im Jahre 1936 etwa
53,1 %°% der Gesamteinnahmen aus dem Personenverkehr darstellten. Im ganzen
wird eine weitere starke Zunahme der Reisen mit Fahrpreisermäßigung festgestellt
derart, daß etwa 68,5 °o aller Reisenden im vergangenen Tahre zu ermäßigten
ba Val ark dan tn
ich überhöht sind. Alle die Reisenden, die sich au
rgendeinem Grunde eines fahrpreisermäßigend wirkende
Ausnahmetarifs nicht bedienen können, müssen emiwedeı
iberhohe Fahrpreise zahlen oder sie wandern, dem Zuge
{er Zeit folgend, auf den Kraftwagen ab oder — diese
iritte Möglichkeit ist in ihrer Wirkung nicht gering zu
‚eranschlagen — sie unterlassen die an sich notwendige
ler erwünschte Reise. Soziale Gesichtspunkte sind irn
liesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung: Nich
inbedingt notwendige Reisen, etwa zu familiären Zwecken
nüssen häufig infolge der Ueberhöhung des Normaltarift
interbleiben. Die unbestriitene Tatsache des überhöhter
Vormaltarifs ist es auch, die den Ruf nach imme
veiteren Ausnahmetarifen nicht verstum
nen läßt. Das Kilometerheft der ehemalizen Ba
tischen Staatseisenbahnen ist allen demen, die es von
Standpunkt des Kunden der Eisenbahn aus erleben durf
en, noch heute in bester Erinnerung; immer wieder wire
‚orgeschlagen, diese Einrichtung als freizügige Fahrpreis
rmäßigung, die im Gegensatz beispieisweise zu den Netz
ınd Bezirkskarten dem Fahrpreis eine genau bemessent
‚eistung gegenüberstellt, bei der Reichsbahn einzuführen
Die vielfachen eingehenden Erörterungen, die in dieser
Zeziehung gepflogen worden sind, haben vielleicht die
{em Kilometerheft in abfertigungstechnischer Beziehung
ınhaftenden Bedenken allzıs stark in den Vordergrunc
vestellt und die erhebliche werbende Wirkumg, die einer
‘‚olchen Einrichtung inmewohnen müßte, nicht genügen
um Tragen kommen lassen. Weiterhin ist der auf aus
ändischen Bahnen mit gutem Erfolg angewandien Ein
ichtung der Halbkarte das Wort geredet wordeı
je den Vorteil hätte, daß das Risiko der Häufigkeit um
tes Umfangs der Reisen, wenn man von einem Solche
auf seiten des Verkehrsträgers überhaupt sprechen win
n gleicher Weise den Reisenden wie die Eisenbahn trifft
Jer Reisende muß neben der Halbkarte, die er zu einer
esten Preis erwirbt und die ihn während der Gültigkeits
lauer zu beliebigen Reisen auf ‘halbe Fahrkarten des
3artarifs berechtizt, für jede einzelne Reise bezahlen, ei
Jmstand, der die Einrichtung der Eisenbahn woh
achmackhafter zu machen geeignet ist. Die Erörterungen
die in maßgebenden Kreisen namentlich nach den soeber
zenannten Richtungen hin gepflogen worden sind, haber
:rgeben, daß, sofern der Normaltarif keine fühlbrae Sen
zung erfährt. die Einführung eines freizügigen, ir
zanzen Reichsbahngebiet geltenden Äusn ahmetarifs
jer den Fahrpreis nach der individwellen
Beanspruchung des Verkehrsmittels ab:
;tuft, neben den Netz- und Bezirkskarten als erwünscht
srscheint, um einer keineswegs kleinen Schicht von Rei
senden, die, obwohl sie treue Stammkimden der Reichs:
jahn sind, die bisherigen Ausnahmetarife mit Nutzen nicht
verwenden können, einen Nachlaß gegenüber dem über
1öhten Normaltarif zu gewähren. Es sind dies namentlich
solche Reisende, die freizügig im ganzen Gebiet der
Zeichsbahn tätig sind, aber nicht sovtel reisen, daß der
Zrwerb einer Netzkarte für das gesamte Reichsbahngebiet
lie monatlich in der 3. Klasse 200 RM., in der 2. Klass:
260 RM. kostet, wirtschaftlich für sie wäre.
Der Vollständigkeit ‚halber sei in diesem Zusammenhang
yıch auf die immer wieder erörterte Frage der Wieder
änführung der allgemeinen Rückfahrkarte kurzen
regangen. So große Vorteile die Rückfahrkarte für viel
Reisende bringen würde, ihre Einführung müßte zur Folg
jaben, daß die Sätze des Normaltraifs für Einzelreiset
zum mindesten nicht so stark gesenkt werden könnten
vie es möglich wäre, wenn man auf ‚die Wiedereinfüh
ung der Rückfahrkarte verzichtet. Gelangt man zu der
Ergebnis, daß eine Senkung der Normalkilometersätze, UN
zwar eine wesentliche Senkung, das vordringlichste Er
fordermis auf dem Gebiete des Personentarifs darstellt, S
wird .man wohl ohne weiteres zu dem Schluß kommen
laß die Rückfahrkarte, so groß ihre Vorzüge auch
wären, in den Hintergrund zu tretem hat. Die stark um
ztrittenen Fragen nach der Gültigkeitsdawuer, nach de
Ermöglichung von Umwegen, die im Zeitalter des frei
zügigen Kraftwagens unbedingt so oder so zugelasse‘
werden müßten, und andere Einzelheiten können hier
nach unerörtert bleiben.
Die Tatsache, daß der Kreis derjenigen, die zum N"
naltarif reisen, von Monat zu Monat kleiner wird, mw
zu denken geben. Die Frage drängt sich auf, ob es nich
nachdem man im letzten Jahrzehnt das Heil in imm®
2e1en Frmäßigunmastarifen gesucht hat. andlich