Full text : 33.1928 (0033)

RXOR

Maßgebend ist naturgemäß das Prinzip, daß in Frankreich
auch nach der Stabilisierung nach Möglichkeit beibehalten
wird „Franken ist gieich Franken‘‘. Mit der Bilanzumstellung
 würde in Frankreich die Erkenntnis der Entwertung
des Franken wieder einen größeren Kreis von Wissenden
gewinnen, und es würde evtl. auch die Aufwertungsbewegung,
 die zurzeit ganz schwach ist, neuen Boden
finden. Ich will hier nur den Zweifel andeuten, ob
diese ganze Politik richtig ist und ob nicht Frankreich
auf diesem Wege zwar die Produktionskosten seiner
Industrie verhältnismäßig niedrig hält, aber ihr auf die
Dauer größeren Schaden zufügt, weil er sie in die Lage
versetzt, zunächst ohne Rationalisierungsmaßnahmen auszukemmen,
 Rationalisieren tut man bekanntlich ja mit
Energie nur, wenn es dringend notwendig ist. Für das
Saargebiet ergibt sich aus der französischen Stellungnahme,
 daß wir keinesfalls mit unserer Lösung warten
können, bis Frankreich vorangegangen ist. Rücksichten
wie die französischen gibt es im Saargebiet nicht, und
Fiktionen über den Wert des französischen Frankeı
brauchen bei uns nicht aufrechterhalten zu werden, weil
sie nie bestanden haben. Wir brauchen bakligst klaren
und glatten Tisch und vor allem keine schwächliche
Lösung nach beigischem Vorbild.
Noch einige Worte zu den Fragen, die in einem
engen Zusammenhang mit dem Bilanzierungsproblem
stehen, weil sie sich ebenfalls als Fragen der Beseitigung
von Inflationserscheinungen kennzeichnen. Eines davon
das Problem der Aufwertung, habe ich schon mehrfach
erwähnt. Hier im Saargebiet stellt es sich so gut wie
ausschließlich als ein Problem, der Markaufwertung und
nicht als ein Problem der Frankenaufwertung dar. Diese
Markaufwertung muß nach dem Vorbild der Aufwertung
im übrigen Deutschland unter allen Umständen gelös'
werden. Die Regierungskommission hat für einen Teil
komplex, nämlich für die Hypothekenaufwertung, schot
eine Gesetzesvorlage vorgelegt. Die Wirtschaft ebenso wie
der Landesrat haben eine Verbreiterung im Sinne der deut
schen Gesamtlösung gefordert. Die Entscheidung der Re
gierungskommission steht noch aus, wir erwarten Sie
aber baldmöglichst, und zwar als erweiterte Lösung, wobe:
evtl. Detailfragen, wie vor allem die Sparkassenlösung.
statt im einzelnen, lediglich nur grundsätzlich geregelt
werden können. Unter diesen Umständen ist im Saar
gebiet das Problem der Aufwertung keinesfalls ein Grund
die Bilanzbereinigung auch nur einen Moment zu verschicben.
 Mit der Bilanzbereinigung stehen dann weiter in
Zusammenhang eine Menge Steuerfiragen, wie sich ohne
weiteres aus dem schon erwähnten Einfluß ergibt, den
die Bilanzbereinigung auf die Vermögensbewertung und
die Erfolgsrechnung ausübt. Was die steuerliche Behandlung
 des Bereinigungsvoryvanges selbst angeht, so
ist festzuhalten, daß (dieser volkswirtschaftlich notwendige
Vorgang keinesfalls den Anlaß zu einer fiskalischen Aus:
beutung darstellen darf, In diesen Zusammenhang gehör:
dann weiter, daß überhaupt in der ganzen Steuergesetzgebung
 eine Wegräumung von Inflationsschlacken erforderlich
 ist, ein Umstand, der bekanntlich zu der Forderung
der Wirtschaft nach einer Gesamtreform des saarländischen
Steuerwesens geführt hat. Mit der Aufzählung all deı
übrigen Inflationsrudimente im wirtschaftlichen und öffent.
lichen Leben, die noch wegzuräumen sind, will ich Sie nicht
behelligen und nur daran erinnern, daß eine der wich:
tigsten Fragen auf dem Gebiet der Wohnungswirt
schaft liegt.
Um noch einmal auf die Bilanzbereiniguny zurückzukommen,
 darf ich noch sagen, daß für die Einzelheiten
der Regelung, die durchaus nicht einfach sind, die Mitarbeit
 der ganzen Wirtschaft erforderlich ist, deren Or
ganisationen sich dieserhalb auch schon der Regierungs:
kommission seit längerem zur Verfügung gestellt haben
Man wird bei der Neuregelung das Gute nehmen müssen,
wo man es findet, So hat die Tschechoslowakei auf
dem deutschen Vorbild fußend und unter Ausnutzung der
deutschen Erfahrungen ein Umstellungsgesetz erlassen, das
nanl meiner Ansicht ganz besonders heachtet werden
sollte

Zum Schluß darf ich noch hervorheben, daß wir in
der Regelung der Bilanzfragen, trotzdem sie eine dringende
Augenblicksaufgabe ist, gleichzeitig eine Aufgabe au{i
lange Sicht erblicken müssen. Uns steht künftig eir
neuer Währungsübergang bevor. Da die französische
und die deutsche Währung nach menschlichem Ermessen

auf die Dauer stabil sind, wird dieser Uebergang finan;
technisch keinerlei Schwierigkeiten bringen. Eine geore
ıete Bilanzumstellung, die jetzt als Gegenwartsaufgab
ım Interesse des Saargebietes unbedingt durchgeführ
werden muß, bietet auch die Gewähr dafür, daß sic]
für den Einzelhetrieb der Uebergang reibungslos voll
ziehen kann. Naturgemäß wird es angebracht sein, au
len künftigen Uebergang bei der jetzigen Bilanzberein:
zung schon Rücksicht zu nehmen, ein Umstand, der be
Festsetzung des Nominalbetrages für Aktien und Anteil
zu beachten ist. Die Saarwirtschaft hat — hier komm
ch auf meine allerersten Bemerkungen zurück —-, nach
lem sie in der ersten Zeit ihrer Sonderstellung de
Kampf um ihre wirtschaftliche Zugehörigkeit durchzu
‘echten hatte, nunmehr die besondere Aufgabe, ihre Rück
zliederung in das deutsche Mutterland vorzubereiten, un
ein wichtiger Teil dieser Vorbereitungen ist zweifellgo
auch die Frage einer richtigen Finanzbereinigung.‘ (Beifall
Herr Dr. von Vopelius verband seinen Dan
für die Ausführungen der Herren Tessmar und Lütk
mit einer Anerkennung für die von den leitende:
Herren der Geschäftsführung beider Verbände im ver
gangenen Geschäftsjahr geleistete Täligkeit und dehnt:
lese Anerkennung auf alle übrigen Mitglieder de
beiden Geschäftsführungen aus. Er erteilte sodann da:
Wort Herrn Dr. Niechuhr, dessen Vorlrag wir I
ner der nächsten. Nummern veröffentlichen werden
Den hierauf folgenden Vorlrag von Herrn Professe
Dr. Schmalenbach haben wir in unserer vo
liegenden Nummer als Leitarlikel veröffentlicht.

Die Lage am Saareisenmarkt.
Saarbrücken, den 5. Dezember 1928
Was die Rolhstoffbelieferung angeht, so war die Verso:
zung mit Kohle zeitweise schleppend. Die Erzzufuhr, di
Jurch Hochwasser zeitweise gefährdet war, bewegt sic!
wieder in normalen Bahnen. Neben einer Eröhung de
Kohlenpreise um 6 Fr., die eine merkliche Mehrbelastun:
ler Selbstkosten bedeutet, ist auch ein langsames Ar
zichen der übrigen Rohstotfpreise festzustellen.
Die Preise auf dem Saarmarkt haben sich bei kleine!
Yreiserhöhungen behauptet, Der Ruhrkonflikt hat wide
Zrwarten keinerlei nennenswerte, und wenn schon, nu
stellenweise Rückwirkungen auf den Beschäftigungsgra’‘
der Saarwerke gehabt. Es blieb bei einigen Aufträgen
die kurzfristig gestellt sind, und auch hierbei muß nocl
mit der Möglichkeit gerechnet werden, daß die wenige!
ängegangenen Bestellungen annulliert werden.
Auch der französische Markt ist fest, wenn auch di
7reise für gewisse Profilgattungen für die Produktionsver
1ältnisse der Saarhüttenwerke als genügend bezeichne
werden müssen.
Der Ruhrkontlikt hat auch die Absatzgebiete der Saar
aütten auf dem deutschen Inlandsmarkt nur wenig be
:ührt, Die Spezifikationen gehen etwas besser ein, d:
der Verband auf Abwickelung der alten Abschlüsse drängt
Die Kundschaft legt weniger Wert auf prompte Liefe
ung, da es sich in den meisten Fällen um Frühjahrsbedar
1andelt, Das Eisenbahnzentralamt hat verschärite Be
Jingungen für die Lieferung von Oberbaumaterial heraus
zegeben, die die Werke nicht ohne Entschädigung glauber
annehmen zu können. Verhandlungen hierüber schweber
noch. Auch für Gußröhren ist die Lage nach wie vo!
sehr gedrückt, so daß auf Lager gearbeitet werden muß
Vor dem Frühjahr ist wohl kaum eine Belebung de
Geschäfts zu erwarten.
Auf dem Exportmarkt ist die Lage im allgemeiner
gleich geblieben. Bei Gußröhren liegen hier zwar Nach
fragen vor, jedoch können die Preise nicht befriedigen
Das Geschäft in Blechen ist ganz allgemein unbefried+
gend und gibt zu ernsten Besorgnissen Anlaß.
            
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