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in fast allen Industriestaaten bereits einen gewissen Erfolg
gehabt. Daß dieser Erfolg überhaupt möglich war, zeigt
mir, wie allgemein das Bestreben nach einer wirklichen Zusammenarbeit
in den einzelnen Klassen der Volkswirtschaft
ist und in wie hohem Maße die Bestrebungen für die
Herbeiführung des sozialen Friedens bereits in allen Ländern
gewürdigt werden. Ich bin davon überzeugt, daß die
Vertiefung dieser Einsicht bald die Einführung praktischer
Maßnahmen im Gefolge haben wird, deren Auswirkungen
auf die einzelnen Volkswirtschaften und damit auf die
gesamte Weltwirtschaft nur segensvoll sein kann.“
Nachdem die Gewerkschaften die Einladung des Lord
Melchett angenommen hatten, wurde zunächst ein paritätischer
Ausschuß gebildet, der eine Reihe von Vorschlägen
ausarbeitete, die sich etwa in folgenden vier
Sätzen zusammenfassen lassen:
i. Die Unternehmer erkennen den Kongreß der britischen
Gewerkschaften als die nationale Vertretung der
britischen Arbeiterschaft an und empfehlen ihren Arbeitern,
einer dem Kongreß angeschlossenen Gewerkschaft beizutreten
2. Die Unternehmer versprechen, ihre Arbeiter nicht für
Handlungen zu benachteiligen, welche sie im Dienst ihrer
Gewerkschaft begehen. Beide Seiten willigen darin ein,
die noch von dem Ausstandsjahr bestehenden Gegensätze
zu vergessen und einen wirklichen Frieden miteinander
zu schließen.
3. Es soll ein nationaler Industrierat gebildet werden,
der zu gleichen Teilen aus Unternehmern und Mitgliedern
des Gewerkschafiskongresses bestehen soll und dessen
Zweck sein wird, Ausstände und Aussperrungen zu verhüten
und Streitigkeiten beizulegen. Die Unternehmer, die
diesem Industrierat angehören, sollen Mitglieder des nationalen
Bundes der Unternehmerorganisationen und des
Bundes der britischen Industrien sein.
4. Die Bewegung zur Rationalisierung der britischen
Industrien auf dem Weg des Zusammenschlusses einzelner
Gruppen soll von allen Mitgliedern des Kreises eifrig
gefördert werden.
Auf dem diesjährigen Kongreß in Swansea hat der
britische Gewerkschaftskongreß nach einer langen und sehr
stürmischen Aussprache mit erdrückender Mehrheit, nämlich
mit 3075000 gegen 566000 Stimmen, das bisherige
Beratungsergebnis gutgeheißen und sich für die Fortsetzung
der Verhandlungen entschieden. Bemerkenswert
sind dabei Ausführungen des Berichterstatters des General:
rats auf dem Gewerkschaftskongreß, Citrine, eines Sozialisten
und keineswegs gemäßigten Politikers. Er hetonte
u. a,:
„Die Rettung liegt in einer konzentrierten Anstrengung,
die Industrie zu ihrer höchsten Entwicklung zu iühren,
die Ursachen von Friktionen zu beseitigen und die möpylichst
größte Erzeugung zu erzielen.‘
Die Verhandlungen nahmen also ihren Fortgang. Daß
sie aber, auch ohne zum Abschluß gekommen zu sein,
bereits einen namhaften praktischen Erfolg haben, beweisen
die Verhandlungen, die wegen der Regelung der
Löhne bei den englischen Eisenbahnen gepflogen worden
sind. Sie begannen mit der Forderung der Gesellschaften
auf Lohn- und Gehaltsabbau im Interesse des Betriebes;
von der Gegenseite wurde dem eine Forderung auf Lohnerhöhung
entgegengesetzt. Während dieser Beginn für uns
absolut nichts Ueberraschendes bietet, ist die Fortsetzung
und das Ende um so bemerkenswerter. Zunächst verständigten
sich beige Parteien darüber, daß eine Erhöhung
der Eisenbahntarife das untauglichste Mittel von allen sel,
da beide über die preissteigernde Wirkung eines solchen
Verfahrens völlig im klaren waren; vom Streik wurde
nach den "bitteren Erfahrungen des Kohlenstreiks überhaupt
nicht gesprochen; so wurde der einzig mögliche
Ausweg ‘beschritten, alle Entschlüsse auf die Frage aufzubauen:
Können die Eisenbahnen noch eine Lohnerhöhung
ertragen oder müssen die Löhne herabgesetzt werden,
um die Eisenbahnen und damit die Arbeiter und Angestellten
lebensfähig zu erhalten?
Die Verhandlungen wurden auf beiden Seiten von den
fähigsten Köpfen geführt. Daß sich die Beratungen nur
unter der Devise der größten Sachlichkeit und Ehrlichkeit
vollziehen konnten, war dabei eine Selbstverständlichkeit.
Das Resultat ist äußerst bemerkenswert. Von beiden
Verhandlungsgegnern wurde anerkannt, daß eine Gehaltsund
Lohnverminderung von 250% vom Generaldirektor
d»is zum letzten Rottenarbeiter notwendig sei, um die
Rentabilität der Eisenbahnen zu erhalten.
Das Bemerkenswerteste ist aber dies: Thomas, der Verhandlungsführer
auf Arbeitnehmerseite, stellte sich in Massenversammlungen
vor seine Mitglieder und sagte nicht
etwa: „Notgedrungen habe ich einwilligen müssen‘‘, sondern
mit stolzer Miene verkündete er: „Dieses ist das
zlänzendste Abkommen, das ich je im meinem langen
ewerkschaftsieben abgeschlossen habe. Auf dieses Äb-<ommen
bin ich stolz, denn ich habe unsere Eisenbahnen,
die uns alle ernähren, am Leben erhalten, ich habe uns
am Leben erhalten und den Streik vermieden.“
Diese beiden Ereignisse aus dem englischen Wirtschaftseben
gewinnen ihre besondere Bedeutung bei dem Verzleich
mit deutschen Verhältnissen. Schon die Tatsache.
daß die Bildung der englischen Arbeitsgemeinschaft aul
eine Anregung der Gewerkschaften zurückgeht, steht in
öänem grundsätzlichen Gegensatz zu der Bildung der
leutschen Arbeitsgemeinschaft im Jahre 1918, die von
den Unternehmern angeregt, später gerade von den Gewerkschaften,
vornehmlich den freien, zerschlagen wurde
Es mag sein, daß ohne die bitteren Lehren aus dem
Kohlenstreik die radikale Führerschaft eines von Moskau
beeinflußten Cook die Oberhand behalten hätte und dafl
lann eine solche Siellungnahme der englischen Gewerkschaften
unmöglich gewesen wäre. Jedenfalls zeigen die
geschilderten Vorgänge nicht nur Verständnis für wirt.
schaftliche Erfordernisse, eine wohltuend berührende Sachlichkeit,
sondern vor allem auch einen großen Mut zul
Verantwortung, durch die sich wahre Führerschaft aus:
zeichnet und die sich nicht davor scheut, auch unnopuläre
Dinge mannhaft zu vertreten.
Ein Vergleich dieser Vorgänge mit den Kämpfen an
der Ruhr drängt sich unwillkürlich auf. Schon der Auftakt
dieser Kämpfe zeigte ein ungeheures Maß von Mangel
an wirtschaftlichem Verständnis bei den Gewerkschaften
Obschon bei den Verhandlungen Ende vorigen Jahres
ine neutrale sachverständige Untersuchung ergeben hatte,
daß nicht nur die Rentabilität der Industrie aufs schwerste
zefährdet sei, obschon im weiteren Verlauf des Jahres
ler Konjunkturabstieg deutlich durch die Minderung der
Erzeugung‘ und der Verkaufserlöse allen erkennbar zutage
"rat, stellten die Gewerkschaften Forderungen auf Lohnarhöhung
in dem unverständlichen Ausmaß von 20 bis
25 v.H. auf, die ganz offenbar nicht von sachlichen
Erwägungen diktiert, sondern von taktisch-gewerkschaftsolitischen
Gesichtspunkten beherrscht waren. Denn an
lie Möglichkeit einer solchen . Lohnerhöhung glaubten sie
»fenbar selbst nicht, sonst hätten sie sich nicht so
aeeilt, dem Schiedsspruch zuzustimmen, der ihnen nicht die
-lälfte ihrer ursprünglichen Forderungen eintrug. Das trat
ıoch mehr zutage bei dem weiteren Verlauf der Verhandungen,
die von Arbeitgeberseite mit einem großen Maß
von Verantwortung und mit dem Willen zur Verständigung
ınd zum Entgegenkommen in vertretbarem Rahmen ge-‘ührt
wurden. Die Arbeitgeber erklärten sich bereit, ihre
virtschaftliche Lage treuhänderisch nachprüfen zu lassen,
in Angebot, das ungeheuerlicherweise von den Gewerkschaften
abgelehnt wurde, die damit den schlüssigen Beweis
lieferten, daß es ihmnen auf sachliche Arbeit gar
ıicht ankam. Auch in der öffentlichen Diskussion in
der Gewerkschaftspresse zeigte sich das ganz deutlich.
Es handelt sich doch hier um eine wirtschaftliche Frage
<atexochen, es handelt sich um die Aufrechterhaltung des
7reisniveaus, um die Erhaltung der Exportfähigkeit
wichtiger Industrien, um die Sicherung eines ungestörten
Produktionsfortgangs, um die Rentabilität und damit um
lie Lebensfähigkeit der Betriebe. Das alles wird von
len Gewerkschaften und einem großen Teil der Presse
zeflissentlich beiseite geschoben. Der Sinn des Wider-;tandes
der Arbeitgeber wird verfälscht. Politische Motive
werden den Arbeitgebern unterschoben; Kampf gegen
die Staatsautorität, Beseitigung der Schlichtungsordnung,
sind die Schlagworte, mit denen die Massen gegen die
°atio, gegen die Vernunift, nur für gewerkschaftspolitische
und für sozialistische Ideen aufgerufen werden. Ist das
verantwortungsbewußtes Führertum?
Ebenso irreführend ist es, wenn der Sinn des Kampfes
auf weltanschauliches Gebiet verschoben wird, wenn behauptet
wird, der arbeitende Mensch solle zum Sklaven
und Objekt der Wirtschaft herabyewürdigt werden, Natürlich
steht der Mensch im Vordergrund der Wirt-.chaft,
selbstverständlich ist der Sinn der Wirtschaft. den