Full text : 33.1928 (0033)

Reformbedürftigkeit des deutschen Schlichtungswesens befinden,
 entbrennt dieser Kampf und liefert, besonders
in der Verbindlichkeitserklärung des Reichsarbeitsministers,
 der kein wirtschaftlicher, sondern nur politischer
Wert beizumessen ist, den schlagendsten Beweis für diese
Reformbedürftigkeit.

So sehen wir trotz unleugbarer Besserung überall Wolken
 sich aultürmen, sehen, daß das Angreifen vorhandener
 Probleme immer neue Zweifel aufkommen läßt,
und müssen ebensoviel Geduld und Zuversicht aufbringen
wie bisher.
Das vergangene Jahr, das dürfen wir hervorheben, ist
im Saargebiet ein Jahr des Wirtschaftsfriedens gewesen,
das erste nach dem Kriege. Wir müssen dankbar dafür
sein und müssen die Zuversicht in das neue Jahr hinübernehmen,
 daß die wirtschaftliche Einsicht und Vernunft
der Vertragsparteien — Arbeitgeber und Arbeitnehmer‘ —,
die so oft die Klingen gekreuzt haben, im kommenden
Jahre dieselben bleiben zum Wohle und zur Förderung
unserer Saarheimat.‘‘ (Beifall.)

Der Vorsitzende erleilte Herrn Bergrat Tessmaur
dus Wort zu dem Geschäftsbericht für den Arbeitvcberverband“:


„Sehr geehrte Herren!
Seit wir im vorigen Jahre zum letzten Male in diesem
Saale zusammen waren, ist die Fülle von Ereignissen
auf sozialpolitischem Gebiet äußerst bunt und mannigfaltig
 gewesen. Nicht so sehr bei uns im Saargebiet, das
ja mehr oder weniger von der Entwicklung in anderen
Ländern, namentlich von der Entwicklung in unserem
deutschen Vaterlande abhängt, als vielmehr in den großen
europäischen Wirtschaftszentren und unter diesen wiederum
vornehmlich gerade im deutschen Wirtschaftsgebiet. Wenn
ich vor Ihnen. ein ausführliches Bild dieser Ereignisse mit
ihrer ganzen Problemstellung wollte abrollen lassen, so
wäre ein mehrstündiger Vortrag notwendig, den ich mir
leider im Interesse der interessanten Vorträge, die uns
heute erwarten, versagen muß. Zwei Ereignisse möchte
ich aber herausgreifen, weil sie das Problem berühren,
das wir wohl als das brennendste Problem der ganzen
Sozialpolitik ansprechen können, nämlich das Verhältnis
zwischen Unternehmern und Arbeitnehmern.
In der englischen Industrie ist, wie Sie wissen, der
Versuch gemacht worden, eine Art Arbeitsgemeinschaft
zwischen der Industrie und den Gewerkschaften zu schaffen,
 um zu einer Besserung der gegenseitigen Beziehungen
zu gelangen. Die mehrwöchigen Verhandlungen standen
auf Unternehmerseite unter Führung des Großindustriellen
Sir Alfred Mond, auf Arbeitnehmerseite unter Führung des
Gewerkschaftssekretärs Ben Turner. Das Abkommen selbsi
und die Vorgeschichte sind von außerordentlich großem
Interesse, namentlich im Hinblick auf den Kampf an deı
Ruhr, der ja gerade heute im Vordergrund des sozial
politischen Geschehens steht.
Den Anstoß gaben, das ist zunächst bemerkenswert,
einige Zeit nach dem englischen Kohlenstreik die Gewerkschaften
 selbst auf ihrem Kongreß zu Edinburgh im
September 1927. Der Präsident des Kongresses, Ben
Turner, führte in seiner Eröffnungsansprache folgendes
aus:
„Unsere Gewerkschaften sind noch nicht am Endziel
ihrer Entwicklung. Ich möchte eher sagen, daß wir am
Anfang einer neuen Entwicklung stehen, die uns zu einer
aufbauenden Gewerkschaftspolitik führen wird... Es fehlt
die Möglichkeit, eine gemeinsame, wirklich erfolgreicht
Aussprache zwischen den Organisationem herbeizuführen
die für die Gesamtheit der Industrie zu verhandeln berufen
 sind... Ein direkter Gedanken- und Meinungsaustausch
 zwischen Vertretern unserer großen Berufsorganisationen,
 die die wirtschaftlichen Probleme aus erster
eigener Anschauung kennen, ist zweifellos von viel größerem
 Wert als die in gewissen Kreisen befürwortete sogenannte
 nationale Wirtschaftskonferenz, die sich unter
Führung der Regierung mit dem Thema des Industriefriedens
 beschäftigen soll. Eine unabhängige Aussprache
der an der Wirtschaft unmittelbar interessierten Kreise
kann und wird meines Erachtens noch viel ‚eher dazu
führen, eine übereinstimmende Auffassung über die harten
Notwendigkeiten unserer gegenwärtigen wirtschaftlichen
 Lage zu erzielen; darüber hinaus wird eine solche

Aussprache vielleicht auch Klarheit darüber bringen, ob
ınd unter welchen Bedingungen eine gemeinsame stän:
lige Zusammenarbeit zwischen Arbeitgebern und Arbeit
1ehmern . zwecks Hebung der Leistungsfähigkeit unserer
industrie und des Lebensstandards unserer Ärheiterschaf‘
möglich ist.‘
Diesen Ausführungen folgte sehr bald ein Widerhall
Denn im November 1927 sandıe Sir Alfred Mond, mitt
lerweile zum Lord Melchett ernannt, zusammen mit eini
zen anderen hervorragenden Männern der englischen Wirt:
schaft folgenden Brief an, den Vorstand des englischei
5ewerkschaftskongresses:
„Da in unserem Lande keine Unternehmerorganisation
jesteht, welche für sich in Anspruch nehmen kann, für
lie Behandlung des gesamten Problems der Reorganisation
 der Industrie und der Beziehungen zwischen Arbeitgebern
 und Arbeitnehmern zuständig zu sein, sind dic
interzeichneten Einzelpersönlichkeiten des englischen Wirtschaftslebens
 übereingekommen, den Vorstand des eng:
ischen Gewerkschaftskongresses zu bitten, mit ihnen in
»ine Besprechung dieses Fragenkomplexes einzutreten.
Wir gehen von der Hotfnung aus, daß die Bewegung zu
Merbeitührung einer Zusammenarbeit in der Inuustrie
während der letzten Zeit in allem interessierten Kreisen
zugenommen hat; auch scheint es uns, als bestehe aui
allen Seiten Einverständnis darüber, daß es zweckmäßie
ist, die grundsätzliche Frage der Reorganisation unsereı
Industrie und der Beziehungen zwischen Arbeitgebern
und Arbeitnehmern in einer gemeinsamen Aussprache zu
orüfen, um so zu einer alle Teile befriedigenden Lösuns
zu gelangen.
Der Wiederaufbau der Industrie kann nur in Verbindung
nit den Kreisen erfolgen, die berechtigt und be-‚ollmächtigt
 sind, für die organisierten
Arbeiter zu sprechen. Wir glauben, daß die gemvin-;amen
 Interessen, die uns verbinden, letzten Endes größer
ind als die gegensätzlichen Interessen, welche uns zu
trennen scheinen. Der Weg zum Wiederaufbau der Inlustrie
 und zur Hebunz des Lebensstandards unserer Be-‚ölkerung
 kann nur in vorurteilsloser und offenherzige1
zemeinsamer Beratung der Möglichkeiten, wie die Konsurrenzkraft
 der englischen Industrie auf dem Weltmarkt
vergrößert werden kann, beschritten werden.
Falls Sie diesen unseren Gedankengängen beipflichten,
nöchten wir vorschlagen, ein Programm als Grundlage
:ür künftige Besprechungen mit uns aufzustellen.‘*
Die Beweggründe, die die englischen Industriellen verınlaßten,
 die von den Ciewerkschaften ausgestreckte Hand
zu ergreifen, sind höchst realer Art und frei vom jeder
Sentimentalität. Sie sind von Lord Melchett selbst in
jer deutschen Presse wiedergegeben worden. Nachdem
ar hierbei zunächst auf die Strukturveränderungen in der
NVeltwirtschaft, die fortschreitende Technik mit ihrer
Mechanisierung des Arbeitsprozesses und der Zunahme der
Jroßbetriebe, ferner auf das dadurch bedingte Schwinden
jes persönlichen Verhältnisses zwischen Unternehmern und
Arbeitern und das Entstehen einer Atmosphäre des Miß:
rauens hingewiesen hat, führt er folgendes aus:
„In England versucht man eine Hebung des Leistungszrades
 der Industrie und eine Verbesserung der Beziehungen
 zwischen Unternehmertum und Arbeiterschaft
auf ähnlichen Gedankengängen aufzubauen, wie sie der
Völkerbundsakte zugrunde liegen. Wir wollen diese weltpolitischen
 Gedankengänge auf unsere nationale Industriewirtschaft
 übertragen. Sicherlich entspricht der Völkerbund
n seiner bisherigen Form noch nicht dem Idealbild, das wir
ıns von einem wirklichen Bunde aller Nationen machen;
'rotzdem kann wohl kaum geleugnet werden, daß die im
/ölkerbund geschaffene Organisation einen bedeutenden
*ortschritt hinsichtlich der Sicherung des Weltfriedens
darstellt,
Wie wir entschlossen sind, alles zu tun, um zu verındern,
 daß politische Meinungsverschiedenheiten durch
Zuspitzung die Schrecken eines Krieges auslösen, so
streben wir danach, den Ausbruch offener Feindseligkeiten
 in unserer nationalen Industriewirtschaft unbedingt
zu vermeiden. Ich bin der Meinung, daß es noch sehr
jele, bisher unversuchte Mittel gibt, um die Gefahr eines
\usbruches wirklicher Feindseligkeiten zu beschwören, und
zwar nicht nur auf politischem Gebiete, sonderm auch
auf dem Gebiete industrieller Betätigung.
Unsere Anstrengungen, die Arbeitnehmerschaft uni’ das
Jnternehmertum zu einem besseren Verständnis ihrer gezenseitigen
 Interessen zu bringen, haben erfreulicherweise
            
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