Full text : 33.1928 (0033)

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Die Zukunft der Saargruben ist aufs engste
verknüpft mit dem endgültigen Schicksal des Saargebietes.
 Die Volksabstimmung von 1935 entscheidel
zugleich über den Besitz der Saargruben. Bis dahin
kann Frankreich die Saargruben also ausbeuten, wenn
es nicht Interesse daran hat, sie bereits vorher au
Deutschland zu verkaufen. Wenn man die Begründung
 des Friedensvertrages zugrunde legt, daß die
Saargruben an Frankreich abgetreten werden sollten,
um dessen Ausfall an Kohle infolge der Zerstörung
der nordfranzösischen Zechen zu decken, so müßten
die Saargruben bereits seit dem Jahre 1925 an
Deutschland zurückgegeben sein. Denn seit jenem
Jahre hat die Förderung der nordfranzösischen
 Gruben den Friedensstand wieder überschritten,
 wie nachstehende Tabelle zeigt (in Tonnen‘
Kohlen- Arras
iarderung (Pas-de-Calais}
1913
1919
1920
1921
1922
1923
1924
1925
1926
1927

Gesamt- davon kriegsförderung
 zerstörte Gruben
27389307 18652 132
7917 562 582 526
9 748 601 2 447 953
13 329 238 5 565 190
15.379 961 7841 996
20896 757 11671 956
25646532 15687 026
28700200 182560507
32525746 21086 987
23228618 292051 448

Die kriegszerstörten Zechen, auf die von der hier
angegebenen Gesamtförderung zwei Drittel entfallen,
haben ihre Vorkriegsförderung von 18 Millionen Tonnen
 im Jahre 1925 wieder eingeholt und fördern Sseitdem
 dank ihrer ganz modernen Neuausrüstung
mehrere Millionen Tonnen darüber. Der Förderausfall,
den sie in den sieben Nachkriegsjahren von 1919
bis 1925 erlitten haben, beläuft sich, wenn man das
Jahr 1913 als Maßstab zugrunde legt, auf 68,5 Millionen
Tonnen. Diesem Ausfall steht auf der anderen Seite
ein Förderzugang von 66,4 Millionen Tonnen aus den
Saargruben gegenüber, der von der VUebernahme der
Saargruben im Januar 1920 bis Ende 1925 erzielt ist.
Die Saargruben haben also die ihnen im Versailler
Vertrag auferlegie Ersatzleistung bereits Ende 1925
bis auf 2 Millionen Tonnen voll erfüllt. Bis Ende
September 1928 haben sie dem ausbeutenden Staat
weitere 40 Millionen Tonnen geliefert, die keinen
Ersatz mehr für einen erlittenen Ausfall, sondern eine
moralisch nicht zu rechtfertigende Bereicherung Frank:
reichs darstellen, Jede weitere Belassung der Saargruben
 bei Frankreich. ist somit hinfällig geworden
Durch seine Absatzpolitik erbringt Frankreich auch
selbst den Beweis, daß es die Saargruben nicht mehr
braucht. Sie dienen ihm nur noch als Ausgleichsventil
 zur Regelung seines Kohlenmarktes, Durch die
stark gesteigerte Kohlenförderung der innerfranzösischen
 Kohlengruben wie durch das Hinzutreten der
lothringischen Kohlenförderung verengt sich der Spielraum
 der Saarkohle in Frankreich immer mehr. Die
Saarkohle in Frankreich ist auf der ganzen Linie
im Rückzug. Wenn demgegenüber französischerseits
darauf hingewiesen wird, daß Frankreich noch immer
in erheblichem Umfange Kohleneinfuhrland ist, so
trifft dies wohl zu. Aber damit die Notwendigkeit
der Einbehaltung der Saargruben zu begründen, ist
abwegig. Denn bei der eingeführten Kohle handelt
es sich ganz überwiegend um englische Kohle, die seit
jeher die französischen Küstengebiete behauptet hal
und dank ihrer unvergleichlich günstigen Transportbedingungen
 auch immer behaupten wird. Die Saarkohle
 ist niemals imstande, der englischen Kohleneinfuhr
 nach Frankreich entgegenzuwirken. Es sei
daran erinnert, daß die Saarkohle, die während des
englischen Bergarbeiterstreiks vorübergehend in die
Absatzgebiete der englischen Kohle eingedrungen war,
nach deren Wiedererscheinen sofort aus dem Felde
geschlagen wurde mit dem Erfolg, daß die Saarkohlen-Keferungen
 nach Frankreich von 1926 auf 1927 um
eine volle Million Tonnen zurückgegangen Sind.
Es bleibt das finanzielle Interesse Frankreichs
 an den Saargruben. Tatsächlich sind die erzielten
 Gewinne dank der oben geschilderten Kohlenoreispolitik

 sehr erheblich. Die ausgeschütteten Reingewinne
 zuzüglich der Reservestellung betragen:
Reingewinn Kurs der Gold- Reingewinn
in Franken mark in Franken in Goldmark
72 049 246 8,88 18 569 393
70 895 812 798 23 790 541
9961” 364 4 29 046 327
35 „ır 312 R 7927 610
130 521 23E 29 643 056
58228 6 9184 293
152.024 57 25 211 3538

*) Streikjahr.
Db jedoch angesichts der anhaltenden Weltkohlenkrise
 das Geschäft noch lohnend bleibt, erscheint
fraglich, und die Bilanzen für 1927 und 1928 dürften
bereits ein anderes Bild ergeben. Es liegt durchaus im
Bereich der Möglichkeit, daß bei Fortdauer der
jetzigen Kohlenlage die nächsten Jahre den bisherigen
zewinn in Verlust verwandeln. Es könnte daher der
Zeitpunkt kommen, wo Frankreich einen sicheren Gewinn
 einem unsicheren Geschäft vorziehen, d. h. die
Gruben wieder abstoßen möchte. Dazu gehört natürich,
 daß man die Saargrubenfrage als eine rein wirtschaftliche
 behandelt. Solange man mit den Saarzruben
 noch politische Geschäfte verbinden will, ist
eine Verständigung nicht zu erzielen. In dieser Hinsicht
 bedeutet das Programm der neugegründeten
‚Association Francaise de la Sarre‘, die das Saarzebiet
 zwar an Deutschland zurückgeben, die Saarzruben
 aber zugunsten der französischen Kriegsbeschädigten
 weiter ausbeuten will, einen Rückfall in die
\Meilhoden der ersten Nachkriegsjahre, die man nach
Locarno und Thoiry überwunden glaubte. Es liegt auf
der Hand, daß, wenn wirklich die französischen Kriegsbeschädigtenverbände
 mit Hilfe der Saargruben unter-;tützt
 werden sollen, dies viel wirksamer geschieht,
ndem man den Barerlös aus dem Rückkauf an
Deutschland dazu verwendet, anstatt sich in das Abeneuer
 einer zweifelhaften Ausbeute einzulassen. Was
schließlich die Sicherstellung des französischen Brennsioffbedarfs
 anbelangt, so liegt die Sache so, daß
Frankreich die benötigle Saarkohle weiterhin beziehen
könnte — eine Möglichkeit, die der Friedensvertrag
bereits vorsieht —, und zwar kostenlos auf Repara-.jjonskonto.
 Beispielsweise belaufen‘ sich die Saarkohlenlieferungen
 im Monatsdurchschnitt der Jahre
1920 bis 1926 auf 368 000 t, die als Maßstab für Frankrveichs
 Saarkohlenbedarf dienen können.

Die Rückgabe der Saargruben an
Deutschland ist rechtlich eine Frage von höchstens
 noch sieben Jahren. Inzwischen verfolgt Frankreich
 einen großangelegten Plan, der darauf hinausgeht,
 das lothringische Kohlenbecken zu einem vohlwertigen
 Ersatz für die Saargruben auszugestalten.
Die Förderung der lolhringischen Kohlengruben wird
planmäßig entwickelt. Neue Schächte werden abge-'leuft,
 Arbeiter aus aller Herren Länder angeworben
und die Grubenanlagen modernisiert. Dank dieser Maßnahmen
 verzeichnet die lothringische Kohlenförderung
 eine jähe Aufwärtsentwicklung,
 die sie bis 1927 auf 141% der Friedensförderung
 geführt hat, während die Förderung der Saargruben
 fast unverändert geblieben ist. Es wurden
gefördert:

in Lothringen
Tonnen Prozent
1913 77 532 100,0
1920 134 83,4
1921 + 95,4
1922 11,5
1923 „09,7
1924 5321 138,8
1925 129489 84% „3 7 26 139,1
1926 13 680 874 103,5 5 323 659 140,3
1927 13 595 824 102,9 5365 803 141,4
3is 1935 soll die Förderung in Lothringen weiter gesteigert
 werden. Dazu wird das Projekt erwogen, die
Olhringischen Kohlengruben an den Saarkohlenkana!l
anzuschließen. Damit würden die lothringischen Grujen
 die Saarkohle auch auf dem Wasserwege verlraänsen
 können. Zu ihren Gunsten wirken ohnehin die

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