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Der Verdienst der Arbeiterschaft in der Eisenindustrie
unter Berücksichtigung der besonderen Lage des Saargebietes.
Van Bergrul TeBmar. Saarbrücken
Die Höhe der Löhne der breiten Arbeitnehmerschichlen
hat eine doppelte Bedeutung; einmal als
Grundlage für die Kaufkraft des größten Teiles der
Bevölkerung, zum anderen als wichtigstes Unkostenelement
für die Erzeugung der hauptsächlichsten
Produktiv- und Konsumlivgüter.
Es ist eine Binsenwahrheit, daß die Steigerung und
Erhaltung der Kaufkraft eines Volkes im Interesse
eines kaufkräftigen Binnenmarktes eines der
wichligsten Ziele industrieller Lohn- und Wirtschaftspolitik
sein muß und tatsächlich ist. Der Bestand
eines jeden Unternehmens ist aber auf die Dauer von
seiner Rentabilität abhängig. die ihrerseits im
wesentlichen durch die Preishöhe einerseits und die
Summe der Unkosten andererseits bestimmt ist, Je
besser die Preise, je nicdriger die Unkosten, desto
besser ist bei gleichbleibendem Umsatz die
Rentabilität, Hohe Preise aber und niedrige Unkosten,
von denen die Löhne einen Hauptbestandleil bilden,
wirken der Kaufkraft enlgegen; beide Erfordernisse,
hohe Kaufkraft der Bevölkerung und Rentabilität der
Unternehmungen, begrenzen sich also gegenseilig und
sind nur erTüllbar, wenn der durch die Kaufkraft bestimmte
Konsam und die durch die Rentabilität bestimmte
Produktion sich in einem dauernden Gleich:
gewichtszustand befinden.
Dieser Gleichgewichtszustand ist in den einzelnen
Wirtschaftsgebieten graduel! verschieden. Starke Kaufkraft
eines Volkes kann sich mit großer Rentabilität
der Unternehmungen verbinden U.S.A. ebenso wie es
möglich ist, daß ein tiefer Lebensstandard parallel
mil eben vegetierenden Unternehmungen geht Rußland}.
Ob der eine oder andere Zustand besticht oder
irgendeine Schallierung in der Mitte, hängt von ungemein
vielen ineinandergreifenden und sich überschneidenden
Faktoren ab, deren Zusammenhänge zı
erörliern, nicht Zweck dieses Aulfsatzes ist. Immerhin
isl es notwendig, anf einige Voraussetzungen hinzuweisen.
Ein Land, das sich einer bevorzugien geographischen
Lage rühmen kann sowie günstiger klimalischer Verhällnisse
und ertragreichen Bodens und reich ist an
leicht gewinnbaren Rohstoffen jeder Art, die für die
induslrieclle Produktion nötig sind, wird von vorneherein
unter günstigeren Bedingungen für die Kaufkraft
der Bevölkerung und die Rentabilität der Betriebe
Ichen, sich mit anderen Worlen einer höheren Wohlsiandssiufe
erfreuen, als ein Land, in dem diese
Vorausselzungen nicht oder nur in geringerem Maße
vorhanden sind. Länder, die umfangreiche Kapitalanlagen
im Ausland haben, erfreuen
sich infolge des ihnen zufließenden Kapilalerlrages
einer zusätzlichen Kaufkraft, die allen Schichten der
Bevölkerung zugule kommt, sei es, daß diese Kapilalanlagen
in Anleihen bestehen. die anderen Ländern
gegeben sind, sei es, daß sie in Form von Besitz
oder Mitbesitz von Industrieanlagen oder Bankinstituten
vorhanden sind, deren Unternehmergewinn ihnen
ganz oder zum großen Teil zufließt. Umgekehrt erlebt
die Bevölkerung von Ländern, die ans Ausland
verschuldet sind oder die ihren Unternehmergewinn
zu einem großen Teil ins Ausland (ließen sehen, eine
Minderung ihrer allgemeinen Kaufkraft.
Länder, die ihre Bevölkerung aus dem eigenen
Grund und Boden ernähren können, also auf andere
Länder nicht angewiesen sind, und deshalb auch olıne
Außenhandel leben können, sind in günstigerer Lage
als übervölkerte Gebiete, für die der Außenhandel
eine Lebensirage bedeutet. Denn die Notwendigkeit,
lebenswichtige Konsumgüter und unentbehrliche Produktivgüter
zum großen Teil aus dem Ausland einzuführen,
-zwingl zum Export und ‚bringt solche Länder
in Abhäneigkeit von den Konkurrenzverhältnissen
auf den Auslandsmärkten. Wenn die Wohlstandsstuf«
les Binnenmarkiles sehr groß ist, so wird man de)
sonkurrenz des Auslandes durch entsprechend nied
rigere Preisstellung unter Verzicht auf Gewinn be
zcgnen können, bei geringer Wohlstandsstufe aber
wird der Preiskampl im Ausland um so schwerer und
ler Ertrag der Unternehmungen um so geringer wer
len, je größer der Zwang zum Export, ie kleine‘
ler eigene Markl ist.
Diese Feststellungen bielen an sich nichts Neues
>s ist aber nolwendig, sie sich zu vergegenwärligen
wenn man die Möglichkeiten der Lohnhöhe im Saar
zebielt unter den gegenwärligen Verhältnissen beur
eilen will.
Natürliche Vorbedingungen für eine günstige Ent
vicklung sind jedenfalls nicht gegeben, Es ist allge
nein bekannt und oft erörlerl, wie ungünstig die geozraphische
Lage des Sauargebieles ist. An deı
Veripherie zweier Wirtschaftsgebiete gelegen. fernab
von den Exporthäfen des Welthandels, ohne Anschluß
ın Jeistungsfähige Wasserstraßen, ist seine Inlustrie
in fast unerträglicher Weise benachteiligt gezenüber
den Konkurrenzindusirien im deutschen Zoll.
nland und in Frankreich, die den binnenländischen
Bedarfszenlren sowohl wie den großen Exporthäfen
ıucht nur räumlich näher liegen, sondern mit ihner
such durch leistungsfähige Wasserstraßen verbunder
sind.
Die Ergiebigkeit des Bodens ist gering. Vor
len Nahrungsmitteln, die die Bevölkerung benötigt
oringt das Land selbst schätzungsweise 20 v.1E auf
80 v1. werden aus anderen Gebieten eingeführt,
An Rohstoffen hal das Saargebiet wohl einen
großen Reichtum an Kohle, der die Grundlage für
seine hochenlwickelte Industrie darstellt; aber diese]
Reichtum befindel sich durch den Friedensvertrag vor
Versnilles: im Besitz eines fremden Volkes; sein Er
irag bleibt nicht im Saargebiet, er fließt als zusätzliche
Kaufkraft der französischen Volkswirtschaft zu.
Um welche Summen es sich dabei handelt, geh
ıus folgender Gegenüberstellung hervor:
Ergebnisse der französischen Saargruben.
‘Ausgeschüttete Reingewinne zuzüglich Reservestellung.
ah‘
einge“
‚n Franbkeı
a!
Zer
‘drmark
Reingewinn
in Goldmark
020 72 049 24F 18 569 393
1921 70.855 812 23 790 541
1922 99919 364 +4 20 046 327
1923 35119312 43 7927 610
1924 130.521 338 6.43 29 643 056
1925 58 228 416 6.34 9184 293
1926 1 152024 457 6.083 25.211 353
.Veber alle anderen Rohsloffe. besonders Erze, der
Hauptrohstoff der Hüttenindastrie, verfügt das Saar
sebiel im eigenen Lande überhaupl nicht; sie müsscr
Aus anderen Ländern bezogen werden.
Auch der Ertrag aus anderen Unternehmungen.
namenlich eines Teiles der Hültenindustrie und einen
sroßen Teil des Bankgeschäfts bleibt nicht im Lande
und kommt nicht dem Saargebiet zugute, ebenso wie
ajn Teil des Steueraufkommens teils in Form vor
Zinsen für ausländische Anleihen, teils in Form vorn
xurzfristigen Darlehen zu unnatürlich niedrigem Zins
"uß an französische Bankunternchmungen an das Aus
and abgeführt werden,
Ucber einen aufnahmefähigen Binnen;
narkt im engeren Sinne innerhalb der Grenzen
seines Gebietes für die Produkte seiner Industrie ver
fügt das Saargebiet nicht. Seine Abhängigkeit vor
Jen Konkurrenzverhältnissen der anderen Märkte is!
Jaher ganz besonders groß.
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