Full text : 33.1928 (0033)

29.

Wirtschaftliche Mitteilungen.
Das Rationalisierungsproblem der Saar-Elektrowirtschaft.
Von Generaldirektor Ahlen, Köln.
f{Schluß.)

„Das Endziel der Zusammenfassung ist darin zu suchen,
daß alle Zentralen des Saargebiets, auch die der Grubenand
 Hüttenwerke, durch eine Ringleitung verbunden werden,
 die sowohl der Aufnahme der Abfallenergie als auch
ımgekehrt der Stromzuführung im Bedarfsfall dient und
lie Zusammenfassung aller Reserven zu einer einzigen
zrmöglicht. Erst wenn dieses Ziel erreicht ist, ist die
Rationalisierung der Stromerzeugung als gelöst zu bemrachten.
 Bei der jetzigen Zersplitterung ist an eine
Verwertung der auf den Gruben und Hütten zur Ver
‘ügung stehenden Abfallenergie nicht zu denken. Die
:inzelnen Werke sind dazu teils zu klein, teils haben sie
auch selbst mit einer sehr unregelmäßigen Eigenbelastung
zu kämpfen, und ihre Stromabgabe ist in manchen
Tayes- und ganz besonders in den Nachtstunden so un
wesentlich, daß ein irgendwie nennenswerter Austausch
betrieb mit ihnen überhaupt nicht möglich ist. Zur Ver
wertung größerer Mengen Abfallenergie bedarf es eine:
Stromerzeuyungsanlage, die sich auf ein genügend großes
Konsumgebiet stülzt und in der Lage ist, zu den ver
schiedenen Tages- und Nachtzeiten einen beträchtlichen
Teil der zur Verfügung stehenden Energie direkt in sick
aufzunehmen, Die in der Hauptzentrale vorhandene Ma
schinen- und Kesselleistung muß so groß sein, daß einer:
seits die durch die Hereinnahme der Abfallenergie ent:
stehenden Belastungsschwankungen den Betrieb des
zigenen Kraftwerkes nicht in Unordnung bringen; andererseits
 muß letzteres in der Lage sein, die durch plötzliche
Anforderung von Zusatzstrom entstehende Spitzenleistung
zu decken. Soll die zur Verfügung stehende Abfallenergie
jederzeit restlos aufgenommen werden, dann sind in der
Regel größere Speicheranlagen nicht zu umgehen, die
zu erstellen aber nur ein großes und kredittähiges \Unterı1ehmen
 in der Lage ist. Inwiefern Speicheranlagen notwendig
 werden, hängt davon ab, in welchem Umfang
die Gruben- und Hüttenwerke Abfallenergien zur Ver-‘üugung
 haben und in welchem Ausmaß und unter welchen
Bedingungen eine Stromausfuhr zustande kommt. Es wäre
im Interesse der Industrie sehr zu begrüßen, wenn die
vereinigten öffentlichen Zentralen den Gruben- und Hüttenwerken
 nicht nur die Abfallenergie abnehmen, sondern
Jiese auch durch Bereitstellen von Zusatzstrom der Notwendigkeit
 entheben würden, Kapital für Snitzen- und
zeserveleistung zu investieren.
Die praktische Verwirklichung dieser außerordentlich
wichtigen Aufgabe ist so anzufassen, daß zunächst Art
ınd Umfang des möglichen Stromaustausches festgestellt
werden. Alsdann sind durch langfristige Verträge die
Austauschbedingungen festzulegen. Eine langfristige Bindung
 ist notwendig, weil das gegenseitige Zusammenarbeiten
 die Ausgestaltung der Erzeugungsanlagen wesentlich
öeeinflußt und die Verzinsung der notwendigen Kapitalınvestierung
 auf längere Zeit gesichert sein muß. Um
Jen Stromaustausch genügend sicherzustellen, sind die
bestehenden Verbindungen zwischen den Zentralen in
;jer Weise auszubauen, daß jede der Zentralen von zwei
seiten aus liefern und beliefert werden kann.

Im Schwerpunkt der Krafterzeugung, wo
lie Hauptspeiseleitungen zusammenlaufen, wird man am
/weckmäßigsten die Verbindung mit den für die Stromausfuhr
 bestimmten Hochspannungsfreileitungen herstellen.
ch schlage vor, zu diesem Zweck zwischen den Kraftwerken
 Wehrden und Fenne eine Hauptschalt- und Trans- ormatorenstation
 zu errichten. Auf diese Weise wird
lie Stromausfuhr vollständig unabhängig von den örtlichen
„eitungsanlagen, Von dieser Hauptschaltstation ist dann
zunächst eine 109 000-Volt-Leitung nach Mettlach vorzustrecken,
 Sobald auch eine Stromausfuhr nach Südleutschland
 in Frage kommt, ist nach der anderen Seite
2ine 100 000-Volt-Verbindung mit dem Kraftwerk Hom-Durg
 herzustellen. Der Leitungsweg beider Zweige lehnt
sich am besten der Trace der in Betracht kommenden
zingleitungsstrecken an.

Wird nach diesen Vorschlägen
lie Stromerzeugung des ganzen
ıeitliches Energiezentrum in die
schaft eingeschaltet,
Je vorteilhafter und stärker dies geschieht, desto besser
st es für den allgemeinen Wiederaufbau der Saarwirtichaft.
 Mit der Erleichterung, die die Stromausfuhr dem
;o wichtigen Problem der Kohlenverwertung bringt, ist
jeren Wert erst zum Teil erfaßt. Fast ebenso wichtig ist
le Tatsache, daß sie die Verwertung der Abfallenergie
>rleichtert, und daß die gesamte Elektrizitätswirtschaft
les Saargebietes durch ihren Zuwachs eine Stärkung er-Äährt,
 die wesentlich zur Verminderung der Gestehungs-<osten
 beitragen wird. Zu beachten ist auch noch, daß
m Fall von Unruhen und Streiks über die 100 000-Volt-„eitungen
 eine Stromeinfuhr möglich ist.
Die Ergänzung des Leitungsnetzes ergibt eine viel- bzw
Hinfiache Sicherheit der Belieferung, und zwar:
1. Versorgung durch die öffentlichen Zentralen,
Versorgung durch die Gruben- und Hüttenwerke
Stromeinfuhr über Mettlach,
Stromeinfuhr über La Houve, und endlich
Stromeinfuhr über Homburg.
Stromverteilung.
In dem gleichen Maße wie die Stromerzeugung bedarf
‚uch die Stromverteilung der Zusammenfassung, der Verinheitlichung
 und der Verbesserung des Aufbaues. Würde
nan es bei der Rationalisierung der Erzeugung bewenden
assen, dann wäre die Arbeit nur halb getan, denn der
‚uf die Stromverteilung entfallende Anteil an den Ge-’amtkosten
 ist recht erheblich und übersteigt, soweit es
ich um die Belieferung von Mittel- und Kleinverbrauchern
ıandelt, die Stromerzeugungskosten sogar ganz beträchtich.
 Die Zersplitterung in der Stromverteilung ist ebenso
rroß wie in der Stromerzeugung. Nur bei vier Verteilern
berstieg im Jahre 1926/27 die Stromabgabe 10 Millionen
Cilowatt-Stunden. Es sind dies Saarbrücken mit 41,5 Mill.
Cilowatt-Stunden, die Pfalzwerke in Homburg mit 32 Millio-‚en
 Kilowatt-Stunden, die S.L.E. mit 30 Millionen Kilovatt-Stunden,
 das Kreiswerk Saarlouis mit 13,5 Millionen
<ilowatt-Stunden. Es folgen dann in großen Abständen
/ölklingen mit 3,7 Millionen Kilowatt-Stunden, Kraft-’ersorgung
 Merzig mit 3,5 Millionen Kilowatt-Stunden,
veunkirchen mit 3,2 Millionen Kilowatt-Stunden, der
Zweckverband Weiher-Zentrale mit 1.5 Millionen Kilowatt-‚tunden.

Bei allen übrigen kommunalen Selbstverteilern liegt die
ährliche Stromabgabe unter 1 Million Kilowatt-Stunden.
Auf Grund der mir zur Verfügung gestellten Unteragen
 schätze ich unter Berücksichtigung der Städte und
jemeinden, die ein eigenes Verteilungsnetz haben, die
Zahl der Stromverteiler im Saargebiet auf mindestens 100.
darunter ist kaum ein Dutzend mit einer Jahresabgabe
‚on 1 Million Kilowatt-Stunden und mehr. Von dem
dest erreicht eine große Anzahl nicht einmal den Jahresımsatz
 von 100000 Kilowatt-Stunden, und einige bleiben
;ogar unter 10000 Kilowatt-Stunden, Selbst die Grenzen
ler größeren Verteilungsgesellschaften decken sich nicht
'inmal mit den Grenzen der Kommunalverbände. Die
Zerrissenheit des Saargebietes in der Stromverteilung zeigt
iin ‘Blick auf die Karte des saarländischen Stromverteiungsnetzes.
 Es fällt darin zunächst das unregelmäßige
jebilde der S.L.E. auf, die den Kreis St. Wendel und
{en größten Teil des Kreises Saarbrücken versorgt, wähend
 eim kleiner Teil des Kreises Saarbrücken von dem
Zweckverband Weiher-Zentrale beliefert wird. Der größte
Peil der Städte und Gemeinden im Konzessionsgebiet
ler S.L.E. ‘hat eigene Verteilungsnetze und bezieht von
ler S.L.E. den Strom als Großverbraucher durch Kabel,
le den Gruben gehören. Im Kreis Saarlouis hat die
5tadt Saarlouis ihr eigenes Verteilungsnetz, und Dillingen,
Lisdorf, Ensdorf und Bous werden von der S.L.E. be;
jefert, Im Kreis Ottweiler ist der Hauptverteiler der
            
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