Full text : 33.1928 (0033)

U

mit dem Ziel, den Uecbenden höher zu führen. Als
berufskundiger Menschenführer muß der Uebungsleiter
ajne ausgeglichene Persönlichkeit sein, um erfolgreiche
Arbeit leisten zu können. Aus diesem Grunde müssen
ganz besondere Aniorderungen an ihn gestellt werden.
Einmal muß er volles Vertrauen bei der Arbeiterschaft
und sodann auch gleichzeitig bei der Werksleitung
genießen. Er muß ein untadelhafter, fester, tatkräfliger,
hilfsbereiter und positiv gerichteter Charakter sein, mit
sehr gutem Einfühlungsvermögen und menschlichem
Verständnis und Verstehen. Auch rein äußerlich gesehen,
 soll er Kraft und Leben widerspiegeln und den
U’ebenden gegenüber Mut und Sicherheit zeigen. Müdigzeit,
 mürrisches Wesen oder unsicheres, schlappes
\uftreten dürfen bei ihm nicht in Erscheinung treten.
Solche vorbildliche Menschen, die den eben erwähnten
 Anforderungen genügen, stehen uns heute
ı1och schr wenig zur Verfügung, so daß sich für die
Anslalt für Arheitskunde die Notwendigkeit ergab, in
„esonders eingerichteten Vebungsleiterkursen solche
Führernaturen heranzubilden. Die Ausbildung der
V’ebungsleiter hat Prof. Friedrich für die angeschlossenen
 Werke der Anstalt für Arbeitskunde in einer
Reihe von Vebungsstunden — bereits über 60 — mit
zulem Erfolg durchgeführt. In Rede und Gegenrede
werden alle auftauchenden Fragen geklärt, um den
Uchungsleitern das Wissen zu vermilteln, das sie unbedingt
 für ihren nicht leichten, neuen Beruf haben
müssen, Auf jeden Fall werden sie zu der geisligen
‘löhe geführt, von der aus sie sich selbst zu jener
sigenen Klarheit durcharbeilen können. die für einen
VMenschenführer notwendig ist.
Jede einzelne VUebung nach Art und Verlauf hat
der Uebungsleiter genau zu beobachten. Eingreifen
soll er nur dorl, wo es wirklich notwendig ist, damil
nicht bei den Uebenden Unselbständigkeit, Mutlosigseit
 und Widerwillen hervorgerufen wird. Das Wesen,
ılie besondere Kigenart des VUebenden bei der VUebungsarbeit
 festzustellen, ist sehr wichtig und verlangt
große Menschenkenntnis.

So schematisch, wie es bisher geschehen ist, lassen
sich die Menschen nicht in zwei Gruppen ceinleilen,
nn Menschen von rascher oder langsamer Auffassungszube,
 Neben dieser Zweiteilung hat man versuchl,
e mach dem vorherrschenden Gemüts- und Gefühlscben
 das cholerische, melancholische, phlegmatische
und sanguinische Temperamenl zu unterscheiden. In
bezug auf Entstehung und Verlauf der Gemütsbewezungen
 gibt es die verschiedensten Ahweichungen auch
in bezug auf Slärke und Schnelligkeit. Der Choleriker
and der Melancholiker sind zu starken, der Sanguiniker
ınd Phlegmaliker dagegen zu schwachen Gemütsbewegungen
 disponiert, Diese verlaufen beim Melancholiker
 und Phlegmaliker langsamer, beim Choleriker
ınd Sanguiniker rascher, Choleriker und Melancholiker
haben die Neigung, selbst durch schwache Eindrücke
verhältnismäßig stark erregt zu werden. Bei ihnen
werden die vielen kleinen Unbilden im Leben und
Betrieb besonders fühlbar. Beim Sanguiniker geht das
Unerfreuliche rasch und ohne tiefere Wirkung vorüber.
 Beim Phlegmaliker gleichen sich die Nachwirkungen,
 der abwechselnd angenehmen und unangenehmen
 äußeren Eindrücke gewöhnlich zu einer
ebenmäßig ruhigen Gemültsstimmung aus.
Neben diesen vier Haupltypen gibt es im Leben,
besonders unter den Jugendlichen, noch eine Reihe
von Mischtypen, die zu erkennen nicht immer leicht ist.
Hier muß sich die praktische Menschenkenntnis des
Cebungsleiters erst bewähren im Durchschauen einer
bisher noch unbekannten Persönlichkeit, in dem verschiedenen
 Anfassen jedes einzelnen nach der Verschiedenheit
 der Charaktere, Neigungen, Gewohnheiten
und Bildungsstufen, im Auffinden all der Seiten, von
denen aus der einzelne empfänglich ist und angepackt
werden kann, Die psvchopathischen Minderheiten
müssen natürlich ausscheiden, da sie in das Gebiet
des Arztes gehören. Neben diesen gibt es aber auch
unter den geistig und körperlich Gesunden eine große
Reihe, die noch nicht entwickelt sind, noch nicht die
nötige Reife haben, ja selbst gewisse Störungen der
Empfindung, der Vorstellung, des Gemüts und der
Gedankenverbindung aufweisen. Der UVUebungsleiter

nuß bei solchen Fällen ein sehr gutes Einfühlungs-'‚ermögen
 besitzen. Er muß wissen, daß für den
“origang des inneren Geschehens und der ganzen
intwicklung nicht nur der augenblicklich vorhandene
seelenzustand mitbestimmend ist, sondern auch die
jesamtheit aller Vorerlebnisse, die ganze Vergangen-1eit
 des Menschen. Die Hemmungen und ihre Urjache
 ergeben sich erst in der Praxis, die hierbei
edes einzelne Wesen offenbart. Wir erkennen dabei
lie einzelnen vorherrschenden Typen, den frechen
len vorlauten, den willigen, den passiven, den niederjeschlagenen
 und den aufgeregten Menschen. Jeder
‚Jenschentyp verlangt eine andere Behandlungsweise,
Vegen des bösen Beispiels wird der Freche unter
jer Augen einzeln zurechtgewiesen. Der Vorlaute
nuß in seine Schranken verwiesen und eindringlich
larauf aufmerksam gemacht werden, daß nur austauerndes
 Arbeiten Erfolg hat. Der Willige, aber
‚eistungsschwache verlangt wieder eine besondere
Hilfe und Stützung. Beim Passiven muß zunächst erst
lic Anteilnahme an der Arbeit geweckt werden, Bein
viedergeschlagenen verlohnt es sich, in Kinzelbe
‚prechungen den Grund seiner Hemmungen festza
‚tellen. Der Aufgeregie dagegen muß wieder einzelr
>ehandelt und zum richtigen. ruhigen Arbeiten ge
»racht werden,
Hieraus ergibt sich schon, welch große Anforde
’ungen an den VUebungsleiter gestellt werden, wenn Er:
"olge erzielt werden sollen. Nicht nur jeder Beruf
ıuch jeder Mensch muß anders behandelt und anzeleitel
 werden, Kine rein schematische Behandlung
vürde hier versagen, weil sie nicht auf die seelische
ınd körperliche Eigenart cines jeden einzelnen ein
sehen kann.
Von dem VUebungsleiter, seiner besonderen Eigen.
ırt, seiner Einstellung und von seinem Rückhalt bei
lem Werk ist die Stellung der Ucbenden zum Vebungs
‘aum abhängig. Wenn wir auch erst seit Juni ver
zangenen Jahres in vollem Umfang mit den prakischen
 Arbeiten in der Anstalt für Arbeitskunde be
zsonnen haben, so kann doch heute schon gesagt wer
len, daß die bisherigen Erfolge in jeder Weise be:
riedigen. Es ist ohne weiteres verständlich, daß die
ebenden in den ersten Tagen mil einer gewissen
zegeneinstellung in den Uebungsraum kommen, weil
je in dem Irrtum befangen sind, daß sie sich hier
ner Auslese unterziehen müssen. Sobald sie abeı
»rst einmal den Vorleil erkannt haben, den eine
;olche Uebung und Schulung mit sich bringt, läßt
ich feststellen, daß sie alle freudig mitarbeiten, ja
sogar nicht selten nach Ablauf der vorgesehenen
Zebungszeit freiwillig die Uebungen weiter fortsetzen
wollen. Bei der Schulung einzelner Arbeitnehmer, dic
in ihrem Werksbetrieb in einer Gruppe zusammenarbeiten,
 ergab sich, daß diese Leute diesen oder jenen
n ihrer Gruppe benannt haben, die auch geschult
werden sollten, mit der Begründung, daß diese ihre
Iruppe in den Leistungen hemme und aufhalte,
Angesichts der bemerkenswerien Erfolge ist einc
ındere Einstellung der Uebenden auch nicht gu
lenkbar, denn sie erkennen, daß ihnen geholfen werlen
 soll, soweit es möglich ist. Es sind keine leeren
Worte, die gemacht werden, der Erfolg beruht auf
len Taten.
Die Erfolge des VUebungsraumes sind aber noch
.n ausschlaggebender Weise abhängig von dem Geist,
ler im Uebungsraum herrscht, und von der Einstelung,
 die die Werksleitung der neuen Methodik und
Arbeitsweise entgegenbringt. Bei der neuen arbeitswissenschaftlichen
 Methodik muß ein Geist herrschen,
ler sich auf menschlichem Helfen und Verstehen aufbaut.
 Die Uebung und Schulung darf nicht mechanisch
ınd gleichgüllig durchgeführt, sondern muß so lebendig
‚orgenommen werden, daß sie den Uebenden auch
:aalsächlich zur inneren Kraftentfaltung anregt, Für
len Uebungsleiter sind die Geräte nur Hilfsmittel, die
seinen Zweck haben, wenn sie nicht in dem richligen
reist benützt werden. Erfolgreich ist ein solches Vorsehen
 nur dann, wenn der Uebende auch innerlich den
Wunsch hat, daß ihm geholfen werde. Ein Zwang
zann und darf nicht auf den Uecbenden ausgeübt werlen.
 Kommt vei einer Rücksprache mit dem Uebenlien
 keine Klärung zustande, dann wird die Uebung
            
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