Full text : 33.1928 (0033)

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Die moderne Medizin kennt bereits den großen
Nutzen der Uebungstherapie, das ist eine
Krankheilsbehandlung, die durch Uebung den Erwerb
verlorengegangener oder fehlender Fähigkeiten zu erreichen
 sucht (Sprachübungen, Bein- und Armbewezungen
 usw.), so daß auch feiner abgestulte Bewegungen
 richlıg ausgeführt werden. Es ist eine KErziehung
 des Willens, d.h. cine Erziehung der Fähigkeit
les Menschen, durch Zwockvorstellungen sich zur Ausführung
 einer Handlung oder Arbeil bestimmen zu lassen.
 Durch Uebung können vermöge der noch vorhandenen
 Fähigkeiten nıcht erkrankter Neryengebiete
gewisse Fähigkeiten wieder erworben werden. Zu
diesem Zweck läßt man die Palienlen auf vorgezeichneten
 Figuren (Strichen, Zickzacklinien) gehen, mit dem
Fuß unter Zuhilfenahme von Leitvorrichtungen nach
len Kegeln eines Kegelspiels, oder mit der Hand bestimmte
 vorgezeichneie Linien nachfahren oder anlere
 Ziel- und Bewegungsübungen an Geräten ausführen,

Etwas ähnliches, nur noch viel woilergehender sucht
auch der Uebungsraum mit Hilfe des Vebungsprinzips
 zu erreichen, Wie Kranke können eben auch
gesunde Menschen, gleichviel ob Meister, Vorarbeiler,
Arbeiter oder Lehrlinge, in ihrer Arbeit geförderl wer-Jen.
 Ihre Anlagen. die ja Keime einer künfligen
Entwicklung sind, können durch äußere Anregungen
und Vebungen so zur Entfaltung gebracht werden,
1aß eine größere Fertigkeit und Geschicklichkeit er
reicht wird,
Den VTebungsraum mit seinen vielen besonders zu
dem Zweck erfundenen und gebauten VUebungsgeräten
könnte man, je nach seinen Aufgaben, vergleichen
1. mit einem Observatorium, 2, mit einem Laboratorium
 und 3. mit einer Klinik.
«Mit einem Observatorium, mit einer Be-»bachtungswarle,
 JäßL sich der Uchbungsraum zunächst
vergleichen, weil er festzustellen hal, was für Anlagen
and Fähigkeiten in einem Menschen vorhanden sind
and für scinen Beruf ontwiekelt werden müssen, Bevor
 an die Cebung und Schulung herangegangen werlen
 kann, muß zunächst der Beruf, für den der
ainzelne vorbereitei und eingeübt werden soll, analysiert
 werden, Dieses Analysieren der menschlichen
Fähigkeiten bei der Berufsarbeit ergibt die Berufsanalyse,
 Die einzelnen Vorgänge bei der Arbeit müssen
klar und eindeulig erfaßt und festgehalten werden
Bei diesen Untersuchungen werden sich kritische und
allgemein nofwendige Fähigkeilen sowie Kenntnisse für
lie betreffende Berufsarbeit herausschälen lassen, Die
Berufsanalyse bildet die Grundlage für die Prüf- und
/ebungsanordnung sowie für die Arbeitsanweisungen
Die Beschäftigung mit der Berufsanalyse und mit der
Berufsarbeit bringt uns auch die Erkenntnis. daß wir
heute von dem Berufstätigen noch manche Arbeitsleistungen
 verlangen, die wir selbst noch nicht einmal
genau kennen. Aus Bequemlichkeit und Unkenntnis
sagen wir dann einfach: das muß jeder Ausführende
selber im Gefühl haben. Heute sind wir aber soweit,
laß wir es als eine der Hauptaufgaben der menschenwirtschaftlichen
 Stelle halten. alle Beziehungen. die
sich auf die Arbeitsausführung erstrecken, ans Tageslicht
 zu bringen. Daß sich durch die Analysc auch
Anhaltspunkte für die Verbesserung der Arbeit er
geben, versteht sich von selbst.
2. Kann man den Uebungsraum mit einem Laboratorium
 vergleichen, das auf Grund vorhandener
Anlagen systemalisch vorgeht und weiterbaut, um eine
gewisse Fähigkeit, Fertigkeit oder Geschicklichkeit
weiterzuentwickeln.
Je nach den Aufgaben sind auch die einzelnen
Geräte im Uebungsraum beschaffen. Verlangt werden
muß:
1. daß sie sich so weit wie möglich an die Berufsbedingungen
 anpassen,
daß ‚sich mit ihnen die Schwere der Aufgaben
Staffeln 1äBßt,
3. daß sie einfach und übersichtlich angeordnet sind,
t. daß sie die Leistung möglichst selbsttätig registrieren,

daß sie jede nicht gestalleite Beobachtung oder
Ablesung dieser Leistung verhindern

X

Daß der Aufbau der Geräte bei dem VUebenden eine
ihnliche Gemütseinstellung hervorrufen soll wie seine
Werkstlatlarbeit, ist für den Erfoig schr wesentlich. In
arster Linie wird im Uebungsraum auf gule und gevissenhafte
 Arbeitserledigung geachtet. Alle Bewerungen
 erfolgen nach Güte una Zeil. Zuerst wird der
Schwerpunkt auf die Güte der Arbeitsausführung ge:
cgt, und erst dann, wenn die verlangle Güte erreicht
sl, wird auch die Schnelligkeit geübt. Eine neue Aufzube
 wird erst gegeben, wenn die vorherige gut und
zewissenhaft ausgeführt worden ist. Es ist klar, daß
ler VUebende fehlende Fähigkeiten selbst erarbeiten
nuß, weil bekanntlich Selbsterarbeitetes mehr Freude
nacht als irgend etwas Aufgedrängtes, Nur auf diesem
Nege kommen wir auch dazu, das richlige Denken
ind Handeln, das wir bei unserer Gemeinschaftsarbeit
m Werk bislang noch sehr vormissen. bei dem
ebenden zu entfalten, Da die Uebungen von leichter
zu schwieriger Arbeilsausführung gesteigert werden
sönnen und der Vebungsanstich durch die registrieren.
len Geräte einwandirei festgestellt werden kann, er
hält der Vebende Mut und Arbeitslust; das Gefühl
ler Schwäche schwindet, Die Möglichkeit, die Arbeitseistung
 an den Uebungsgerälen jederzeit ablesen zu
zönnen, regt zweifellos die Selbstbeobachtung an, um
;o mehr. als diese Leistungsanzeige ganz objekliv und
ınpartelisch erfolgt. Ein Kompromiß oder Verhandeln
larüber gibt es nicht. Durch diese VUebungen wird
»s möglich werden, die vielen Berufstätigen in den
Betrieben, die aus den verschiedensten Gründen ihre
Arbeit bisher noch schwerfällig, mühevoll und langsam
‚errichien, zu schnellerer und besserer Arbeitsleistung
zu fördern, Immer ist es aber nicht so. denn aus der
’raxis sind Fälle bekannl, wo trotz guter Leistungen
m Vebungsraum eine weniger gule Werkstattleistung
'estgesiellt wurde. Hier ist es natürlich Sache des
ebungsraumes, nachzufoörschen, wo die Hemmung
jegl. Häufig hat man schon die Erfahrung gemacht,
1aß os allein die Arbeitsbedingungen waren, die gule
‚eistungen in der Werkstatt verhinderten. Dafür ein
Zeispiel: Bei einem Maschinenarbeiler, der im
"ebungsraum Gules leistele, an seiner Maschine aber
ılcht die Leistung seiner Mitarbeiter erreichte, ergal:
lie nähere Prüfung, daß die Umdrehungszahl seiner
Maschine wesentlich geringer war als die zum Ver
zeich herangezogenen Maschinen seiner Mitarbeiter,
3. Kann man den Vebungsraum vergleichen mit einer
<linik. die bei den leistungsschwachen Berufsätigen
 die Erkrankungs- und Slörungsursachen fest
;telli, sie behandelt und die Wirkungsart der Heil
nittel zeigt (seelische Behandlung, Beseitigung seeli
cher Hemmungen).
Bei der Fähigkeitsschulung kommen auch schwieri
zere Fälle vor, die an den Uebungsleiter große An-"orderungen
 stellen, wo die Ursache vichleicht in
lemmungen und Spannungen licgt, die letzten Endes
ıuf falsche Behandlung in der Werkstalt, auf un
sünstige häusliche Verhältnisse oder schädliche Einlüsse
 von Mitarbeitern zurückzuführen sind. Die rein
echnische Uebung würde hier versagen, Der Vebungseiter
 sicht sich hier vor die schwierigste Aufgabe
zestellt, die seelischen Hemmungen des Menschen
ıuszuschalten. Jede Hemmung oder Spannung, die
ne Kraftauswirkung verhindert, hat nach Prof. Friedeich
 gedankliche Irrtümer zur Ursache, Hier muß
ler Uebungsleiter Wegweiser sein und befreiend wirsen.
 Er darf solche Irrlümer nicht durch Weichlichseit
 aufzulösen suchen, sondern muß hiergegen auf das
;schärfste vorgehen. Negationen dürfen im Uebungs-‚aum
 niemals geduldet werden. Der Uebungsleiter muß
lem VUebenden klar machen, daß er bei einem Mißarfolg
 stets zuerst den Fehler bei sich suchen muß
Vor allem ist solchen Berufstätigen mit aller Deut
ichkeit klar zu machen, daß in einer Arbeitsgemeinschaft,
 die ja ein jedes Werk als solches darstellt,
ılle gleichgerichtet nach einem Ziele streben müssen
und daß für solche mit seitlich oder gegengerichteter
Mentalität eine Zusammenarbeit unmöglich ist. Die
Beseitigung dieser hemmenden Einflüsse hat der
Vebungsleiter als seine Hauptaufgabe zu beirachten
vor allem muß er immer in der Lage sein, für deren Be
seitigung dem Uebenden Mittel und Weg anzugeben
Der Uebungsleiter hat zu helfen und auszugleichen
            
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