Full text : 33.1928 (0033)

ITramm,. des früheren Oberingenieurs der Berliner
Straßenbahnen. kam eine Wendung zum Besseren insofern,
 als er während des Krieges systematische Anlernverfahren
 für Straßenbahnwagenführer entwickelte
und zur praklischen Durchführung gebracht hat. Diese
Anlernverfahren und andere ‚umfangreiche Arbeitsuntersuchungen
 sind in seinem Buch „Psychotechnik
und Taylorsystem“ veröffentlicht. Auch die Arbeiten
des Schweizers Carrard und des Russen Kasteff müssen
 hier erwähnt werden, Interessant ist, daß in der
Schweiz zuerst in einer Nähschule diese Anlernverfahren
 entwickelt wurden, die später auf andere
Betriebszweige überlragen wurden, Auch Carrard betonft
 in seinem 1927 ‘herausgegebenen Buch „Zur
Psychologie des Anlernens und Kinübens im Wirlschaftslieben“
 die große Wichtigkeit, den Lehrling schon
beim Anfang an eine gesunde Körperhaltung und
an ein gesundes geistiges Verhalten zu gewöhnen, das
wieder von dent Arbeitsunterweiser abhängt. Wir
müssen wissen, daß der scelısche Mensch bei der Arbeit
 wie im Leben überhaupt im Vordergrund stehen
muß. Dei dem wir durch Zwang oder äußere Strammheit
 auf die Dauer nichts erreichen. Ebenso falsch ist
es, die Berufsiätigen nur mit Verordnungen oder Vorschriften
 bekannt zu machen oder zur Arbeit anzu.
halten.
Namhafte deutsche Wirtschaftsführer haben es noch
vor ganz kurzer Zeil ausgesprochen, daß der Erfolg
der technisch materiellen Entwicklung der letzien
Jahre in vielen Fällen sich wirtschaftlich nicht so
ausgewirkt hälte, als erwarliet wurde. Schuld daran
sei in allererster Linie, aaß dem Berufstätigen immer
noch nicht die Beachtung geschenkt werde, die er als
Mitarbeiter im Werk verdiene, [In der psychologisch
richtigen Behandlung des Menschen im Produktionsprozeß
 stehen wir zurzeit noch im Gegensatz zu
Amerika, das uns vorbildlich vorangegangen ist. Diese
Behandlungsweise ist heute wichtiger als alle äußeren
Erscheinungen, die uns aus Amerika berichtet werden.
Es ist zu erwarlen, daß wir bei gerechtem, freundlichem
 und hilfsbereitem Vorgehen Kräfte wecken werden,
 von denen wir uns nach Größe und Wert heute
noch keine Vorstellung machen können. In diesem
Geiste müssen wır pei der Ausbildung und Weiterbildung
 von Jugendlichen und Erwachsenen wirken, damit
 eine Arbeitsgemeinschafl entsteht, in der jeder
einzelne willig seine Arbeit verrichtet, beherrscht und
an ihr denkenden Anteil nimmt, so daß der häufig
noch anzutreffende, zerseizende Arbeitsgeist und die
oberflächliche Berufsauffassung mehr und mehr
schwindet,
Eine bestimmte Arbeitsleistung läßt sich vom einzelnen
 weder herauszichen noch erzwingen. Hier kann
nur eine planmäßige Erziehung, die auf einer Ssystematischen
 Kräfteschulung aufgebaut ist, die Verhältnisse
 bessern und die Menschen zu verantwortungsfreudigen
 Mithelfern bei der Gemeinschaftsarbeit im
Werk erziehen. Die Kräfteschulung muß aber so aufgebaut
 sein, daß die Arbeit auch innere Befriedigung
geben kann, denn nicht altem die. Berufstätigkeit ist
das Wesentlichste, sondern das, was sie dem Menschen
Zu geben imstande ıst. Eine Schulung und Ausbildung,
die nur nach rein wirtschaftlichen oder sozialen Gesichtspunkten
 erfolgt, dürfile wohl kaum zum Ziele
führen. Einselzen muß hier die geistige Richtung, die
die Hemmungen und die damit zusammenhängenden
Fehl- und Minderleistungen bei der Arbeit nur als
seelisch bedingie Erscheinungen betrachtet, die nicht
von fehlenden Grundkräften herrühren, sondern von
seelischen Hemmungen, die eine gute Arbeitsauswirkung
 zu verhindern imsiande sind. Auf dieser Grundlage
 hat die Anstalt für Arbeitskunde ihre Arbeiten
aufgebaut. unlerstützt von Prof, Dr.-Ing. . Friedrich
aus Karlsruhe als wissenschaftlichem Leiter. Durch
Erziehung und Schulung die Gleichrichtung der Mitarbeiter
 nach dem gemeinschaftlichen Ziele der har
Mmonischen Zusammenarbeit zu fördern, ist sein Hauplprinzip.
 Nur die Betriebsstätte wird den bestimöglichsten
 Wirkungsgrad erreichen können, wo viele
gleichgerichtete Mitarbeiter helfend ihre Pflicht tun,
Der ganzen Weiterbildung muß zunächst eine Fähigkeitsfeststellung
 vorausgehen. die uns einen Anhalt
dafür eibt. welche Fähigkeiten schwach entwickelt

ind und in systemalischer Schulung so lange geübt
verden müssen, bis sie gründlich beherrscht werden.
Jurch die Fähigkeitsschulung wird die Verbundenheit
les Menschen mit seinem Beruf weilaus inniger ge-;taltet,
 als dies bisher der Fall war. Der Mensch
oll von seinen Hemmungen befreit und mit Mut und
ıusdauer erfüllt werden, an sich selbst weiterzuırbeiten.
 Die Punkte für die Schulung müssen ernittelt
 werden, wo zuerst eingesetzl werden kann. wo
lie Belastung nicht zu groß ist. Die Aufgaben müssen
ich dem augenblicklich vorhandenen Zustand, unler
Zerücksichtigung der individuellen Kigenart des zu
schulenden, anpassen. Ein Mißerfolg wäre unaus-»eiblich.
 wenn Aufgaben gestellt würden, die über
las augenblickliche Fassungsvermögen hinausgehen,
is werden nicht alle Fertigkeilen zugleich geübt. sonlern
 nur die entsprechenden Unlerlätigkeiten oder
Päligkeitselemente, da der einzelne erst durch deren
Zcherrschung gute und gewissenhafle Arbeit leisten
zann. Die Tätigkeitselemente zu einer Berufsarbeilt,
vie Unterteilung der Arbeitsvorgänge. Hefert uns die
Zerufs- oder Arbeitsanalyse. Diese Untertätigkeiten in
ler Werkstatt zu üben, ist nicht möglich. weil dazu
:eine Zeit übrig bleibt.
In der Werkslätte z. B. können wir den Feilvorgang
ıcht zerlegen in dıe Untertätigkeiten, wie Geradeühren
 der Feile, Beherrschung der Druckgebung und
les rhyihmischen Arbeitens, ebensowenig können wir
lort den Schmiedevorgang zerlegen in Beherrschung
ler Schlagstärke und das Abfühlen des Materialwidertandes,
 sowie die Ziel- und Richtungssicherheit. das
\ugenmaß u. a, Deshalp erfolgt die VUebung und
Schulung apnseits der Werkstätte in einem besonderen
Vedungsraum,. acr das Erfahrungszentirum des
Werkes in sämilicnhen menschenwirtschaftlichen Fragen
Dildet. Kritische Fähigkeiten, wie Farbeempfinden
»eim Härter, Handruhe bei Former, müssen beim
Berufseinfritt vorhanden sein. andernfalls erweist sich
ine Umgruppierung als notwendig. Als Ergebnisse der
neuartigen Weilerpildung wären zu nennen:
1. Hebung der Arbeitsfreude durch Beherrschung
der Arbeit; ;
Einheitliche una exakte Ausbildung ohne geringste
Störung des Produktionsganges;
Wesentlıche Verringerung der Anlernzeit bis auf
eiwa ein Drıttel der pnisherigen);
Erreichen optımaler Leistung und Enllohnung
ınter Verminderung von Ausschuß und Fehlarbeit;
Beseiligung der Monotonie bei erhöhier Sicherheit
gegen Unfälle;
;, Möglichkeit besserer und schnellerer Umschulung,
Bei der Weiterbildung darf nicht übersehen werden,
l. daß die Aufgaben gestaffelt werden,
2. daß die Fähigkeilen selbständig erarbeitel werden.
3. daß die mangelhaften Fähigkeiten entwickelt wer
den.
Bei einem solchen Vorgehen erhält der Anzulernende
virkliche feste Grundlagen für seine Arbeit, Be-1errscht
 er die grundlegenden Fähigkeiten, dann wird
1s ihm ein Leichtes sein, seine Arbeit übungs- und
‚orschriftsmäßig zu verrichten,
Anwenden können wir die Weiterbildung mit Hilfe
on Anlernung und Uebung bei ‚Jugendlichen, bei
‚ehrlingen, bei leistungsschwachen bereits im Betrieb
ätigen Menschen und bei Neueinzustellenden, Ebenso
ıber auch bei einer notwendig werdenden Umgruppie-‘ung,
 bei einem Wunsch nach Berulsveränderung und
jei der Ausbildung beweglicher Gruppen. Es ist wohl
ılcht zu viel gesagt, daß wir in unseren Betrieben
ıoch eine große Zahl von VUebungsfähigen haben, die
on mannigfachen Hemmungen belastet sind und eine
\rbeitsweise bloß nachahmen, also nur Scheinarbeit
eisten, weil gewisse Fähigkeiten nur schwach entvickelt
 sind und daher den Berufsanforderungen nicht
‚jenügen. Hier ist es ein weites Beläligungsfeld für die
Veiterbildung und Höherführung Jugendlicher und KErvachsener,
 um so mehr, als die fortschreitende Techik
 immer höhere Anforderungen an das Wissen und
lönnen einer Belegschaft stellt. Da wir dieser Weiterüildung
 bisher zu wenig Beachtung geschenkt haben
            
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