Full text : 33.1928 (0033)

aber in offener oder versteckter Form zur Pflicht gemacht.
 so muß darin jedoch ein bedenkliches Erziehungsmittel
 erblickt werden.
Die Genossenschaftswerkstätte, zunächst mit einem
Kapital von 30000 Mark ausgestattet, arbeitet nach
kaufmännischen Grundsätzen bei produktiver Beschäftigung
 der Lehrlinge, Jedes angeschlossene Werk ist
verpflichlet, monallıch Aufträge in Mindesthöhe von
150 Mark zu erteilen. Mıt der Lehrwerkstatt verbunden
 ist der Unterricht ın der Berufsschule.
Die Uebernahme ganzer Aufträge in Lehrwerkslätten
hat den großen Vorzug, daß die Lehrlinge den Arbeitsgang
 und Aufbau von Anfang an verfolgen können
und so die Zusammenhänge besser verstehen lernen.
Meine Ierren! Mehr denn je hat man heute eingesehen,
 daß die unmiltelbare Veberleitung des Jugendlichen
 in das Berufsleben bei vielen schon beim
Berufseintritt eine Gegenehumstellung zur Arbeit bewirkt,
 weil der Sinn des Jugendlichen noch nicht auf
die produktive, praktische Tätigkeit eingestellt ist.
Die Berufsarbeit wird immer noch als eine schwere,
Jästige Pflicht, als ein hartes Muß angesehen. Bringt
der Lehrmeister nicht die wahre Hilfsbereitschaft entgegen.
 dann empfindet der Jugendliche erst recht die
ganze Schwere seiner neuen Arbeit. Soll: die Ueberleitung
 organisch erfolgen, so müßte eine Zwischenstufe
 der Ausbildung geschaffen werden, die sich
Prof. Friedrich von der Technischen Hochschule
in Karlsruhe in der Schaffung eines außerhalb der
Stadt gesundheitlich gut gelegenen Internats denkt.
Hier sollen die Jugendlichen der verschiedensten Berufe
 vor ihrem Berufseintritt ein halbes Jahr lang
zusammengebracht werden, damit sie zu zielbewußten,
frohen und gesunden Menschen erzogen werden
können, Der Schwerpunkt einer solchen Vorbildung
liegt darin. daß der einzelne vollkommen individuell
behandelt werden und nach dieser Vorbereitungszeit
als tüchtiger. kraftvoller junger Mensch mit der notwendigen
 Selbstbeherrschung freudiger in das Berulfsleben
 eintrelen kann. Die Zeit. die er in dieser Tatschule
 zubringt, soll er zu seiner eigenen Durcharbeitung
 benutzen. um auch zur inneren Klarheit zu
kommen und das geistige Gesetz der Harmonie kennen
zu lernen.
In diesem Zusammenhang sei auch auf eine Einrichtung
 hingewiesen, die in Mittelbaden bei einzelnen
Berufsämtern besteht. Vor der Schulentlassung —
ein Vierleljahr lang — wird den Schülern Gelegenheit
gegeben, sich in die Berufsnotwendigkeiten einzuleben,
ihre besonderen Anlagen und Fähigkeiten feststellen
zu lassen und sich für den ın Aussicht genommenen
Beruf vorzubereiten.
Geschicklichkeit, Handsicherheit, Tastsinn, Druckempfindung,
 Konzentrationsfähigkeit. Umsicht, Raschheit
 der Auffassung, Vielseitigkeit, Auffassungsvermögen,
 Raumanschaaung, Ausaauer und Zuverlässigkeit
spielen bei dem Arbeıtsergebnis eine große Rolle.
Ein solches Vorgehen kann als eine vorbildliche
Berufsberatung angesprochen werden, die in unserer
Zeit besonders nolwendig ist, zumal der Jugendliche
und die Eltern in den meisten Fällen gar keine richtige
Vorstellung vom eigentlichen Wesen des in Aussicht
genommenen Berufes haben. Die Berufswahl wird oft
ganz willkürlich vorgenommen. Modeberufe spielen
z. B. heute eine große Rolle. Von 70 Lehrstellenbewerbern
 liefen kürzlich bei einem hiesigen Hüttenwerk
 23 Meldungen für den Elektriker- und 18 für
den Schreinerberuf ein. während diesen nur 3 Meldungen
 für den Formerperuf und 1 Meldung für das
Schmiedechandwerk gegenüberstanden.
Unkenntnis, geringe Einschätzung des Berufes von
seiten der Ellern und Fernhaltung des Zuzuges durch
ältere Angehörige dieser Berufsgruppen dürften wohl
oft die Hauptursache der geringen Meldungen für
manche Berufe sein.
Interessant ist die Statistik der Rheinprovinz über
die Berufsberatung. Es meldeten sich nicht weniger
als 1060 auf 145 Ireic Lehrstellen für Autoschlosser,
2050 sogar auf 520 Lehrstellen für Elektriker. Ueberlaufen
 sind einzelne Nahrungsmittelberufe. So wollten
nich! weniger als 2000 Bäckerlehrling werden. wo

ıur 670 Lehrstellen vorhanden waren. 1070 meldeten
‚ich bei 260 freien Metzgerlehrstellen. Hier könnte
>»ine organische Ueberleitung des Jugendlichen in die
Praxis viel Gutes wirken.
Die Psychotechnik, die während des Krieges in
Jeutschland aufkam, sollte dazu dienen, die Eignung
ler Berufsanwärter für ihren Beruf festzustellen, um
‚u verhindern, daß Zeit und Kosten auf die Ausbildung
‚u einem Beruf verwendet werden. für den sich der
3ewerber nicht eignet. Anhänger und Gegner der
>sychotechnik streiten sich noch heute um den Nutzen
les Ausleseprozesses.

Die „Auslese“ der Begablen ist ganz gut. Was soll
‚ber mit denen geschehen. die zurzeit als angeblich
ıngeeignet ausscheiden werden? Eine Auslese ist nur
lann möglich, wenn sich mehr Bewerber melden als
jebraucht werden. Melden sich nun weniger Berufsätige,
 so sind wir mil unserem Ausleprinzip schon zu
inde, Ganz besonders wird dies bei den jugendlichen
\rbeitskräften in den Jahren 1929—1931 der Fall
ein. wo allein im Saargebiet über 31000 Volkschüler,
 d. h. das Sechsfache der bisher erreichten
1öchsten Arbeitslosenziffer, weniger zur Schulentlasung
 kommen, weil sich in diesen Jahren der Gejurtenausfall
 während des Krieges am stärksten ausvirkt.
 Wir müssen uns immer wieder vor Augen
jalten, daß wir durch eine Kignungsprüfung auch
Jar nicht in der Lage sind. die spätere Entwicklung
les Geprüften im voraus zu bestimmen.
Während nach diesen Ausführungen für die Ausldung
 der Fähigkeiten und Anlagen für die Werksjeulinge
 schon viel geschehen ist, läßt gerade die
Weiterbildung der Beirichsangehörigen
ıoch sehr zu wünschen übrig. Unter Weiterbildung
ersiehen wir die Steigerung der Fertigkeiten Griffe,
Zewegungen; durch VU’ebung bis zu ihrer vollkommenen
zeherrschung. Die Anlernung und Einübung soll soveit
 gehen, daß die Betriebsangehörigen das nötige
\rbeitstempo mit der Fähigkeit verbinden, die Sicherjeitsvorschriften
 für Gesundheit und Leben zu beachen.
 Die Ungelernten und Angelernten im Betrich
rfahren leider heute noch in den wenigsten Fällen
;öine_ regelrechte systematische Ausbildung, sondern
verden gewöhnlich noch von mehr oder weniger geibiten
 Mitarbeitern unterwiesen und angelernt. Für die
\nlernung schwierigerer Berufe, wie zum Beispiel für
schweißer, hat man in neuerer Zeit damit begonnen,
\nlernkurse einzurichten. Von Bedeutung sind auch
lie Lehrgänge für Kesselheizer. die siaatlıchen Heizerzurse,
 die bereits vor dem Kriege in einzelnen Inlustriebezirken
 abgehalten zu werden pflegien. Wo
:in ‚planmäßiges Anlernen dieser Berufstätigen stattindet,
 werden die Richtlinien des Vereins Berliner
‚Jetallindustrieller und des .„Datsch‘“ benuizt, die aus
ler Erwägung heraus entstanden sind, daß die Tätigceit
 der angelernien Arbeiler in den Fabriken in den
etzten Jahren neben der Tätigkeit der Facharbeiter
»ine immer größere Bedeutung erlangt. Es sind bis
etizt für 21 verschiedene Berufe der Gruppe- „Anzjelernter
 Arbeiter“ Richtlinien zusammengestellt, die
len Arbeitsgang, die Maschine, das Werkzeug. das
\ufspannen, die Bearbeitungsregeln, die Maschinenvartung
 u. a. in gemeinverständlicher Art enthalten.
5xie bieten einen Anhalt dafür, was dem Neuling in
rster Linie zu erklären ist. Das, was der Fachmann
ıls seibstverständlich ansieht und daher versäumt,
zu erklären, ist in diesen Richtlinien angegeben, denn
ı©ichts darf als bekannt oder selbstverständlich vorausgesetzt
 werden. Diese Blätter sind auch geeignet. sie
:päter, nach erfolgier Anlernung, dem Geschulten als
Merkblatt zur dauernden Beachtung in die Hand zw
‚eben.

Meine Herren! Die alte Art, den Auszubildenden
‚ich selbst zu überlassen und von ihm zu verlangen,
laß er dieses oder jenes lernen müsse ohne Rück-‚ichtnahme
 auf die ‚individuellen Verschiedenheilen
les einzelnen führt uns nicht! mehr weiter. Wir
nüssen dahin kommen, Mittel und Wege zu finden.
ım noch die vielen Leistungsschwachen in ihrer Arbeit
zu fördern, damit sie bessere, gründlichere und schnelere
 Leistungen erreichen und somit den Berufsan-'orderungen
 senügen können. Durch die Arbeiten vor
            
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