Full text : 33.1928 (0033)

Ausbildung und Weiterbildung von Jugendlichen und Erwachsenen.
Von Betriebsleiler Rech, Saarbrücken.
Vortrag, gehalten im Vortragszyklus der Anstalt für Arbeiiskunde acr Suarindustrie am 12. März 1928

„Meine Herren!
Endgültig vorpei sind wohl die Zeiten, wo sich jeder
Jugendliche nach Belieben und Willkür dort zum Facharbeiter
 ausbilden lassen konnte, wohin ihn Neigung,
Zufall oder die Bestimmung der Familie iricb. Diese
alle Art der Berufswahl hat aber schr oft zu unerfrenlichen
 Ergehnissen geführt, Weder die Eltern und
Verwandten, noch der Junge sclbst sind immer genau
darüper unlerrichtet, welcher Rerulsweg gerade für
ihn der richtige ist, Auch der Berufswunsch beruht
häufiger als man glaubt auf Selbsttäuschung. Staat
und Wirtschaft sınd daher dazu übergegangen, durch
Berufsberatung una Eignungsprüfung den jungen Mann
und die Erzichungsperechtiglen in die Lage zu setzen,
auf Grund eines objektiven Befundes den richtigen
Beruf auszuwählen,
Diese Regelung würde jedoch eiwas Halbes und
Unvollkommenes bleiben, wenn nicht die einzelnen
Werke dem jungen, nach Eignung ausgewählten Mann
nunmehr auen Gelegenheit geben würden, seine nalürlichen
 Fählrgkeiten in einem möglichst vollkommenen
Maß zu entwickeln.
Man kann zwei große Gebiete der nachschulzeillichen
 Facherzichung unterscheiden: die Ausbildung
 und die Weiterbildung. Die Ausbildung
bezicht sich auf die Entwicklung vorhandener Fähigkeiten
 und Anlagen. Die Weiterbildung dagegen erstreckt
 sich auf die Einübung gewisser Fertigkeiten
zwecks vollkommener Beherrschung.
Fähigkeiten und Anlagen sind Keime einer künftigen
Entwicklung, die durch Anregungen zur Entfaltung
gebracht werden können, Unter Fähigkeitsschulung
würden wir verstehen dıe Erziehung des Menschen
zur Entfaltung seiner vollen Kraft.
In anerkennenswertem Maße haben sich führende
Werke der Industrie schon seit einiger Zeit der besonderen
 Erzienungsaufgabe angenommen, indem sie
gute Einrichtungen für eıne planmäßige Ausbildung,
insbesondere des Handwerkernachwuchses, geschaffen
und mil nicht geringen Kosten weiterentwickelt haben.
Sie alle kennen die alte Ausbildungsart, die nur
noch vereinzelt vorkommen dürfte, daß ein Lehrling
einfach cinem beliebigen älteren Gesellen zur Ausbildung
 überlassen wurde. Sie kennen sicher auch die
Mängel, die sich hierbei ergeben haben, insofern als
die Lehrgesellen ihr Augenmerk mehr auf die eigene
Arbeit und ihren Verdienst richteten. als auf die Ausbildung
 des Lehrlings. von dem sic befürchteten, daß
er ihnen als Ausgelernter Weitbewerb bereiten oder sie
sonstwie schädigen könnte. Häufig konnte man auch
feststellen, daß diese Lehrgesellen für die Ausbildungsarbeit
 sich als ungeeignet erwiesen.
Viele Fabriken haben daher der theoretischen und
praklischen Ausbildung ihrer Lehrlinge die Richtlinien
und Lehrgänge: des Deutschen Ausschusses für tcchnisches
 Schulwesen (Datsch) zugrunde gelegt,
Der „Datsch“ hat im Jahre 1919 durch einen Arbeitsausschuß,
 dem führende Industriewerke, wie AKG.,,
Borsig, Siemens-Schuckert, M.A.N. angehörten, Entwürfe
 von Lehrgängen zusammengestellt. Es entstand
Zunächst der Lehrgang für Maschinenschlosser, zu
dem später die Lehrgänge für Modelltischler. Former,
Schlosser, Schmiede und Klempner kamen, Diese sind
heute überall dort maßgebend, wo eine planmäßige
Praktische Ausbildung der Lehrlinge slattfindet
Die Ausbildung der Lehrlinge einem tüchligen Fachmann,
 der auch Erzieher sein muß, zu übertragen,
ist wohl unbedingt nötig, da von seiner Person der
Erfolg der Lehrlingsausbildung in erster Linic mit
abhängt. Neben pädagogischem Geschick muß volles
Verständnis für die Berufsarbeit der Lehrlinge und
Stete Hilfchereitschaft von ihm verlangt werden. In

lieser Beziehung ist in unseren Betrieben noch manches
 reformbedürtlig.
Neben vollkommen Ungeeigneten finden wir hier
ıoch übereifrige Lehrmeister. die sich überhaupt nicht
n das Seelenleben des Jugendlichen hineindenken
sönnen. Freilich darf auch nicht verkannt werden, daß
»5 schr schwer ist, den geeigneten Lehrmeister zu
inden, der erfahrener Prakliker, Lehrer und Erzicher
n einer Person zugleich isl. Die Lehrmeister durch
jesondere Ausbildung für ihre Arbeiten erst zu be-‘ähigen,
 ergibt sich hier als Hauptforderung.
Ohne Zweifel sind wesentliche Fortschritte in der
‚usbildung unseres jungen Nachwuchses für die 1andverkshberufe
 nach der theorelischen und praktischen
zeite erzielt worden, jedoch müßte noch mehr darauf
zeachtet werden, daß die Ausbildung statt in die Breite
nehr in die Tiefe geht. Als großer Mißstand ist cs
ınzuschen, daß beim Eintrilt des Jugendlichen in das
3Zerufsleben die organische Veberleitung fehlt, insoern,
 als die jugendlichen Lehrlingsanwärter mil ganz
‚erschiedenen Fähigkeiten und Kräflten und ebenso
verschiedener Einstellung in ihren Beruf unmitltelyar
 eintreten, Damit dieser unmittelbare Vebertritt
‚on der Schule zur Praxis nicht in so krasser Form
orfolgt., hat man in vielen Werken Lehrwerkstätten,
n kleineren Betrieben wenigstens eine Lehrecke geschaffen.
 damit sich der Jugendliche erst allmählich an
las ihm bisher fremde Fabrikleben gewöhnen kann.
Zewährt hat sich die Einrichtung. bei einer vier-‚ährigen
 Lehrzeit den Lehrling zwei bis drei Jahre
n dieser gesonderten Ausbildung zu belassen
Daß neben der praktischen Ausbildung auch eine
schulmäßige Weiterbildung erfolgen muß. ist wohl
;elbstverständlich. Bei großen Werken erfolgt diese
'n eigenen Werkschulen, von denen wir allein 11 im
Zaargebiel haben. Nach Ablauf der Lehrzeit muß eine
zescllenprüfung von den Lehrlingen abgelegt werden.
vie das bereits im Lehrverltrag festgelegt ist.
Daß auch während der Lehrzeit Zwischenprüfungen
;tattfinden, hat sich als vorteilhaft erwiesen.
Eine besondere Organisationsform im Lehrlingswesen
finden wir in einzelnen Bezirken für Klein- und Mittelsetriebe,
 die aus finanziellen oder sonstigen Gründen
seine eigene Ausbildung von Lehrlingen durchführen
zönnen, in den Genossenschaftslechrwerkstätten, die die
susbildung der Lehrlinge für die Mitgliedswerke über.
1ehmen.
Eine Lehrwerkstatt dieser Art ist die seit 1. April
927 bestehende Genossenschaftslehrwerkstatt, die der
‚rbeitgeberverband für Benrath. Hilden. Reisholz und
/mgebung gegründet nat. Diese Werkstatt ist vorerst
ür Schmiede, Schlosserei, Autogenschweißerei. Drehe-:ei.
 Hobelei mit einer Belegschaft von 33 Lehrlingen
ıingerichtet, die dort auf die Dauer von 2 Jahren
zur allgemeinen Ausbildung kommen. Erst im drillen
nd vierten Lehrjahr arbälten die Lehrlinge dann in
hrem Stanmımwerk, wo sie ihre Sonderausbildung eralten.
 Nach Ablauf der Lehrzeit müssen sic ihr
jesellenstück in der Genossenschaftsichrwerkstatt - anerligen,
 in die sie auf vier bis fünf Wochen zurück-‚:chren.
 Diese Lehrwerkstatt arbeitet in Verbindung
ıit dem Deutschen Institut für Technische Arbeitschulung
 Dinta, das die Ausbildungsmethoden im
‚Cchrlingswesen zu verbessern. neue Lehrwerkstätien
zu errichten, sowie Sport und Wanderungen zu pflegen
sucht, um Wissen und Können der Lehrlinge zu förlern
 und damit Geisl und Körper des Jugendlichen zu
tählen.
Bemerkenswert isl, daß sich die Lehrwerkstatt des
angen Menschen nach jeder Richtung, auch außerhalb
ijer Arbeitszeit, annimmt. Soweıt es sich um Veran-;tallungen
 handelt, deren Teilnahme freiwillig ist, kann
an solches Vorsehen gulgeheißen werden. Wird dies
            
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