Gegenwärtiger Stand und Entwicklungsmöglichkeiten
der saarländischen Ferngasversorgung.
Von Hermann Bleibtreu, Dipl,-Ing., Völklingen,
Wir veröffentlichen nachstehend den Vortrag,
den Herr ÖOberingenicur Bleibtreu bei der
Hauptversammlung der Einsenhütte Südwest am
8. Januar 1928 in Saarbrücken gehalten hat,
Die Schriftleitung.
„Ferngasversorgung‘“ ist im letzten Jahre fast
zu einem Schlagwort geworden, das ähnlich wie
der Begriff „Rationalisierung‘“ von der breiten
Oeffentlichkeit aufgegriffen wurde, ohne daß das
Wesentliche immer richtig erfaßt worden wäre.
Es gibt zwei technische Formen der Ferngasversorgung:
Die eine ist die im Saar- und Ruhrgehiet
bereits vor dem Kriege eingeführte Versorgung
größerer Städte und Gemeinden durch
das Ueberschußgas einer oder mehrerer Hüttenkokereien.
So werden zum Beispiel Städte wie
Barmen, Solingen, Essen und Neuß oder
Saarbrücken und Saargemünd durch Gasleitungen
von Zechen- oder Hüttenkokereien aus
gespeist, die Entfernungen bis zu 100 km überbrücken.
Die zweite, bisher noch nicht ausgeführte
und erst neuerdings in den Kreis der Betrachtungen
gezogene Form der Ferngasversorgung
sieht die Errichtung großer etwa im Schwerpunkt
der Versorgungsgebiete liegender Zentral-Gasfabriken
vor; diese sollen die kleineren, in
der Nachbarschaft liegenden Gasanstalten überflüssig
machen.
Die erstere Form wird vor allem vom Ruhrbergbau
vertreten; durch sie sollen die wachsenden
Gasüberschüsse zusammengefaßt und durch
Fernleitungen bis nach Berlin, Frankfurt und
Hamburg fortgedrückt werden. Die Ausarbeitung
und Durchführung dieser Projekte liegt bekanntlich
in den Händen der A.-G. für Kohleverwertung.
Die zweite Form, die Errichtung
zentraler Gasanstalten, wird teils von den
Vertretern der Gasanstalten und ihren Verbänden,
teils auch von verschiedenen Kommunal-Verbänden
befürwortet. Es gibt wohl heute keine westoder
mitteldeutsche Provinz mehr, die nicht ihr
eigenes Ferngasprojekt hat; sogar einige Kreise
und Städte verfolgen großzügige Pläne dieser Art,
obwohl man über ihre Wirtschaftlichkeit zum
mindesten Zweifel hegen muß. Je nachdem, ob
die einzelnen oder die Verbände privatwirtschaftlich
eingestellt sind oder ob sie der Betätigung
der öffentlichen Hand als Unternehmer das Wort
reden, wird die eine oder die andere der beiden
Formen als das richtige angepriesen. Abgesehen
davon, daß wahrscheinlich beide Formen ihre Daseinsberechtigung
haben, wird durch diese parteiund
wirtschaftspolitischen Erwägungen eine Unklarheit
und Verworrenheit in die zu lösenden
Probleme hineingebracht, die nicht nur vom technischen,
sondern auch vom Standpunkt des Gedeihens
unserer Volkswirtschaft aufs schärfste
zu verurteilen ist.
Soviel steht jedenfalls fest: Die Versorgung
durch Hütten- oder Zechenkokereien hat den unbestreitbaren
Vorteil, daß große Gasmengen s o -
fort greifbar sind und sich durch Umstellung
der Koksofenbeheizung auf Schwachgas bedeu-';end
vervielfältigen lassen, ohne daß neu zu
errichtende teuere Gasfabriken erforderlich wäen.
Die Fortleitung des Gases auf größere Entfernungen
in geschweißten Leitungen mit Druck
bis zu 30 atm kann bei dem heutigen Stande der
5chweiß- und Kompressionstechnik als gelöst
zelten. Für die Pläne der A.-G. für Kohleverwertung
im Ruhrgebiet ist ferner entscheidend,
laß durch die Fernversorgung das heute noch auf
ijen Zechen unter Koksöfen und Kesseln benutzte
Gas durch Umstellung auf schwer verkäufliche
Sorten freigemacht werden kann, sei es, daß diese
5orten auf Rosten, in Staubfeuerungen oder Gas-;rzeugern
verarbeitet werden. Auf diese Weise
vürde das Sortenproblem, namentlich für
7ein- und Magerkohlen, günstig beeinflußt werlen.
Ferner glaubt die A.-G. für Kohleverwerung,
daß die Städte durch Uebergang zu
Ferngas der Sorgen um den schlecht ab-;etzbaren
Gaskoks enthoben würden. Ob dieses
Argument allerdings im allgemeinen stichhaltig
st, muß im Hinblick auf die zunehmende Verbreiung
von Zentralheizungen fraglich erscheinen.
Daß die Ferngasversorgung der das Ruhrgebiet
ımrahmenden volks- und industriereichen Geyenden
wirtschaftlich ist, unterliegt wohl keinem
Zweifel. Wie sich aber der Ferngastransport
1ach Berlin oder Frankfurt bezahlt machen will,
wenn die übersteigerten Reichsbahntarife etwa
auf das z. B. im amerikanischen Massen-Kohlen-'ransport
übliche Maß einmal abgesenkt werden,
>der wenn der Mittellandkanal vollendet sein
wird, erscheint zum mindesten fraglich.
Für die andere Form der Ferngasversorgung,
lie Errichtung zentraler Gasanstalten, sprechen
aigentlich nur die wahrscheinlich kürzeren Fernzasleitungen.
Was bei diesen aber an Anlage-<osten
gespart wird, geht durch die Errichtung
ler sehr teueren neuen Anlage für die Gasfabrik
mehr als verloren. Es wird allerdings Fälle
yzeben, in denen auch die zentrale Gasanstalt
hre Daseinsberechtigung hat; vor allem gilt dies
für die Küstengebiete.
Gasversorgung des Saargebietes.
Befassen wir uns nun mit den Verhältnissen,
vie sie im Saargebiet vorliegen. Knüpfen wir
ın das historisch Gegebene an, so kommt nur
lie erste Form der Versorgung in Frage: Die
Zelieferung durch die im Saargebiet befindlichen
;echs Hüttenkokereien. Aus Abbildung 1 ist der
ıeutige Zustand zu erkennen. Bereits seit 1908
jefert die Halbergerhütte Gas an die Gemeinde
3rebach und an die Städte Saarbrücken und Saarzemünd.
1912 gingen die Röchling’schen Eisenınd
Stahlwerke dazu über, an die Gemeinde Völkingen
und ihre Umgebung sowie an die Stadt
Saarbrücken Gas abzugeben. Damit wurde diese
Stadt ausschließlich mit Hüttengas versorgt.
Ferner wurde die Röchling’sche Kokerei in Altenwald
durch eine Leitung mit dem Völklinger