Die Saarindustrie im Jahre 19927.
Das abgelaufene Jahr hat dem Saarkohlenbergbau
eine schwere Krise gebracht, deren
Ende noch nicht abzusehen ist. Die Schwierigkeiten
begannen mit dem Augenblick, als die
durch den englischen Bergarbeiterstreik- von 1926
hervorgerufene Gelegenheitskonjunktur verpufft
war. Die mit dem Wiederauftauchen der englischen
Kohle in Frankreich verschärft zurückkehrende
Kohlenkrise hat sich in ihrer ganzen
Schwere sogleich auch auf die Saargruben ausgewirkt,
die ja gewissermaßen das Ausgleichsventi!
des innerfranzösischen Kohlenmarktes
bilden. Vom Monat März an wurden von der
Saargrubenverwaltung Feierschichten eingelegt,
die bis zum Jahresende einen vollen Monat
ausmachen. Die Haldenbestände, die am
Jahresanfang 72000 t betrugen, sind auf rund
600 000 t angewachsen, eine Höhe, wie sie seit den
Krisenjahren von 1921/22 nicht mehr verzeichnet
worden ist. Wenn auch nicht verkannt werden
darf, daß es sich bei der Kohlenkrise von 1927
um eine internationale Erscheinung handelt, so
hat sich doch gezeigt, daß die Steigerung der
Absatznot der Saargruben zu solchen Ausmaßen
wie oben gekennzeichnet zum guten Teile auf
eine verfehlte Absatzpolitik zurückzuführen ist.
Im Gegensatz zum Ruhrkohlensyndikat, das
den Ausfall der englischen Kohle zum Abschluß
langfristiger Verträge benutzt hat und
jetzt den Erfolg dieser Absatzpolitik auf lange
Sicht erntet, haben die Saargruben nur Gelegenheitsgeschäfte
gemacht und sehen
sich als Endergebnis einer Verringerung des Absatzes
in den traditionellen Absatzgebieten, insbesondere
im Süddeutschland, gegenüber, wo
während der Drosselung der Saarkohlenausfuhr
andere Kohlenreviere Fuß gefaßt haben. In den
maßgebenden Kreisen der Saarwirtschaft hat man
diese Gefahr kommen sehen und vor ihr gewarnt,
ohne Erfolg freilich. Um so mehr verdient
hervorgehoben zu werden, daß es den Bemühungen
der Saarwirtschaft im Verein mit der
Regierungskommission gelungen ist, bei der Deutschen
Reichsbahn einen direkten Kohlentarif
zwischen Saargebiet und übrigem Deutschland
durchzusetzen, um den Absatz der Saarkohle
nach Süddeutschland wieder zu heben. Wenn
bisher ein Erfolg dieser Maßnahme, die ab 1. Oktober
1927 Gültigkeit erlangt hat, noch nicht in
Erscheinung getreten ist, so dürfte dies neben der
Kürze der seither verflossenen Zeit, die noch
kein er.dgültiges Urteil erlaubt, auch daran liegen,
daß die Saargrubenverwaltung einen Teil des
aus der Tarifverbesserung sich ergebenden Frachtgewinres
auf die Kohlenpreise geschlagen und
damit den Nutzen für die Verbraucherschaft verringert
hat. Das Problem der Wiedergewinnung
des süddeutschen Absatzmarktes
besteht daher nach wie vor und dürfte für
die Folgezeit mehr und mehr ausschlaggebende
Bedeutung erlangen. — Was schließlich die F6ö rderung
anbelangt, so ist das Gesamtergebnis
des Jahres 1927 nach den Förderziffern der
ersten 10 Monate auf rund 13,6 Millionen
Tonnen zu veranschlagen, also etwas über
Friedensniveau (13,2 Millionen Tonnen) und annähernd
auf dem Stande des Vorjahres (13,7
Millionen Tonnen).
Die Entwicklung der Saareisenindustrie
in 1927 ist gekennzeichnet durch Fortsetzung
der Produktionssteigerung aus den Vorjahren.
Für die ersten 11 Monate 1927 ergibt sich eine
Gewinnung von 1,62 Millionen Tonnen Roheisen
ınd 1,73 Millionen Tonnen Rohstahl. Die bis
dahin ungestörte Entwicklung ist durch ausgedehnte
Teilstreiks auf den meisten Saarhütten
in der zweiten Novemberhälfte zeitweise
unterbrochen worden, so daß das Jahresergebnis
etwas gekürzt wird. Die Gesamtgewinnung dürfte
etwa auf 1,76 Millionen Tonnen Roheisen
ınd 1,85 Millionen Tonnen Rohstahl zu
Jeziffern sein, womit das Vorjahr (1,6 bzw. 1,7
Millionen Tonnen) nicht unerheblich übertroffen
wäre. Das Friedensergebnis in Roheisen (1,37
Millionen Tonnen) ist bereits seit 1924 über-Schritten.
Es bleibt jedoch dabei zu berücksichtigen,
daß die Saarwerke 1913 außer der im
Saargebiet gewonnenen Menge noch 689000 t
Roheisen auf ihren Tochterwerken in Lothringen
ınd Luxemburg erzeugten, so daß die Gesamtroheisengewinnung
der Saarwerke im letzten
Friedensjahr praktisch 2,06 Millionen Tonnen ausnachte.
Dieses durch Abtrennung der lothäingischen
Tochterwerke verlorene Niveau durch
Produktionssteigerung der saarländischen Hochen
wiederzuerreichen, ist auch im Jahre 1927
ı1och nicht geglückt, wenngleich man dem Ziele
wieder um einen Schritt nähergerückt ist. Aus
den angeführten Gründen bieibt die Rohstahlgewinnung
des Saargebietes auch 1927 noch um
rund 200 000 t hinter der Friedenserzeugung (2,08
Millionen Tonnen) zurück. Es wird von der Entwicklung
des Jahres 1928 abhängen, ob es erstmalig
über 1913 hinausführt. Bei der Roheisenerzeugung
soll nicht unerwähnt bleiben, daß die
Zahl der Hochöfen im Saargebiet seit 1913 sich
nur um zwei Einheiten (von 28 auf 30) erhöht
hat, die Produktionsmehrung also erzielt ist durch
Steigerung der Leistungsfähigkeit
der Hochöfen.
Für die Gesamtlage der Saareisenindustrie im
Jahre 1927 trifft zum guten Teile zu, was augenblicklich
vielfach bei Berurteilung der Wirtschafts-‘age
im übrigen Deutschland in die Wagschale
geworfen wird: Daß es sich in erster Linie um
eine Mengenkonjunktur, nicht um eine
Preiskonjunktur handelt. Die Preisgestaltung
bleibt das Sorgenkind der Saarwerke. Auf der
einen Seite haben sie Gestehungskosten zu verzeichnen,
die höher als die der benachbarten
Konkurrenzgebiete liegen — verursacht vor allem
durch zu hohe Kohlenpreise, Erzpreise und Frachten
—, auf der anderen Seite sind die Verkaufspreise
insbesondere durch die französisch-belgische
Konkurrenz gedrückt. Auf dem Exportmarkt hat
die Saareisenindustrie nach wie vor nicht viel zu bestellen,
solange die ungünstige Frachtlage des