Full text : 33.1928 (0033)

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Die Lage der de‘ en ge-'erblichen Wirtschaft,
Von Generaldirektor Tgahrt, Neunkirchen (Saar).
Schluß.

rn!

„Angesichts dieser außerordentlichen Schwierigkeiten
muß der deutsche Industrielle sich ständig die Frage
vorlegen: „Was können wir tun, um unsere Lage zu
bessern?“ Ich bin der Meinung, daß wir im Innern
zweifellos noch nicht auf dem richtigen Wege sind. ıla
wir hier die Umwälzungen, die Krieg und Revolulion
wirtschaftlich und psychologisch hervorgerufen haben.
noch am wenigslen im Sinne einer gesunden Wirtschaftsührung
 überwunden haben. Immer noch überwuchert!
der Partei- und Klassenstandpunkt in einem solchen Maße
die Notwendigkeiten des Allgemeinwohles. daß man am
eine gesunde Entwicklung noch kaum zu glauben
vermag. wenn auch nicht verkannt werden sell, daß
ans die letzten Jahre einen wesentlichen Forlischritt
gebracht haben, Aber auch heute noch gilt Kapltalbildung
 und Geldverdienen bei der Industrie sozusagen
als Verbrechen, als ein Raub an der Allgemeinheit
Kaum atmet ein Unternchmen eiwas auf. so wird es
schon durch Lohnerhöhungen oder andere neue Lasten
wieder in seiner Entwicklung zurückgeschraubt, Auf
manchen Gebieten und in vielen Einzelfällen Hegl
zweifellos auch eine VUeberspannung der sozialen Fürsorge
 vor. Die VUeberspannung Ist vieleroris erkannt.
in Einzelfällen ist ihr Kinhalt geboten worden. aber
)hne daß die grundsätzlichen. Fehler beseitigt worden
sind. Die soziale Belastung beirägl zurzeit eiwa das
Dreifache gegenüber der Vorkriegszeil. nämlich elws
16 Milliarden gegen 1.1 Milliarden
Kein deutscher Unternehmer verkennt heute noch
die Notwendigkeit einer gesunden Sozialpolitik. Aber
das Tempo Ist Zu rasch gewosen. um das Maße der
sozialen Fürsorge überschreitet vielfach die Grenzen
die die Erhaltung der Selbstverantwortung des Kinzelnen
 und die Tragfähigkeit der Wirtschaft ziehen
sollten
Die ganze Wirtschaft leidet ferner unler der VUeberspannung
 des parlamentarischen Gedankens in Reich.
„ändern, Provinzen und Gemeinden, Die Bewilligungsfreudigkeit
 der Parlamente hal keine Grenzen, wenn
es den Parteien darauf ankommt, bei der Masse der
Wähler Eindruck zu machen, Wo die Deckung herkommt.
 ist den Darlamenten häufig gleichgültig: in
der Regel müssen Industrie. Handel und Verkehr herhalten.
 Die vielen Schwierigkeiten und inneren Kämpfe
hei der Bildung der Regierungen der einzelnen Länder
vergeuden ganz unnützerweise Zeit und Kraft denkender
 Menschen und vergrößern die Gefahr, daß wir
mehr und mehr einem Berutsparlamenf{ariertum verfallen,
 das ernsthaft von niemand gewinscht werden
kann. Die zunehmende Politisierung der Provinzialund
 Stadtparlamente ist auch eine höchst unerwünschte
Entwicklung. Infolge dieser Zustände feslist sich in
den Wirtschaftskreisen mehr und mehr die Ueberzeugung,
 daß ohne eine grundlegende und vereinfachende
 Verwaltungs- und Verfassungsreform. durch
scharfe Abgrenzung der Zuständigkeiten, Vermeidung
jeder Doppelarbeit, des Neben- und Gegeneinanderregierens,
 daß ohne starken Abbau der öffentlichen
Aufgaben und Ausgaben nicht mehr länger auszukom
men ist. Und welche Bedeutung dieser Frage außen
Politisch zukomml, geht aus dem berühmten Bericht!
Parker Gilberts hervor. Wir solllen lieber freiwillig
das tun, was nölig ist, solange es noch Zeit isl. um
"ns nicht später zwingen zu lassen.

semacht, wenngleich nicht alte Maßnahmen auf diesem
Gebiet als glücklich angesehen werden können und
manche Rückschläge eingetreten sind. Man kann nienals
 aus dem Vorbild einer außerdeutschen Industrie
in spiegelgetreues Abbild bei der deutschen Industrie
schaffen, Maschinen, die für die Vereinigten Staaten
las gegebene sind und dort die glänzendste Rentabiliäl
 erbringen, können für deutsche Verhältnisse völlig
ıngeeignet sein, weil diese teuren Maschinen in
deufschland wegen Mangel an Absatz der darauf herzostelllien
 Waren überhaupt nicht ausgenutzt werden
xönnen. Auf diesem Gebiet sind sicherlich manche
°Chlschläge in Deutschland zu verzeichnen. Die Grenzen
 der Wirtschaftlichkeit der Rationalisierung bzw.
echanisierung sind bei uns ganz andere als in den
Jereiniglen Slauten, In einem kapitalreichen Land mit
chr niedrigem Zinssatz und groBen Absatzmöglichselten
 im Inland unter hohem Zollschutz können
sapıtalk-Investierungen viel leichter und unbedenklicher
‘orgenommen werden als bei uns. In Deutschland
wäre es vielfach richtiger, auf eine weilgehende Mechanisierung
 zu verzichten und dafür mehr Arbeiter
beizubehalten, wenn nicht die Uebersteigerung der Lohnlorderungen
 die wirischaftlichen Grenzen der Rationalisierung
 inımer weiler hinausschöbe. Das ist aber
ıur scheinbar der Fall, denn durch eine übermäßige
Mechanisierung wird cine Ueberlastung des Kapitalnarktes
 und zugleich eine Vermehrung der AÄArbeitslosigkeit
 herbeigeführt. die wiederum die allgemeinen
Soziallasten erhöht und zugleich einen Ausfall an
Steuern bringt. Dies kann bei einem stärkeren Umschwung
 der Konjunklur verhängnisvoll werden. weil
lann die hohen Zinslasten bleiben, diese übersteigerte
Mechanisierungslast aber bei mangelhafter Beschäftisung
 der Industrie nicht tragbar bleibt und unter
solchen Umständen schließlich die erreichte Lohnhöhe
‚ich auch nicht mehr halten 1äßt. Die Gewerkschaften
ırgumenlicren heule so, daß die Forderungen der Arjeiter
 nach Lohnerhöhung nur dem berechtigten
Vunsche der Arbeiter entsprängen, ihren Anteil an
lem Rationalisierungsgewinn ebenfalls zu erhalten. Das
‚jetzt voraus. daß die Arbeiter bisher zu schlecht ge-'ahren
 sind und das Kapıtal zu gut, Die Zahlen über
lie Lohnsteigerungen und die Rendite der Unterıchmungen
 reden aber eine andere Sprache. Heute
jegen die Dinge so, daß die Lohnerhöhungen. die in
len meisten Fällen nur noch durch Schiedsspruch oder
Jurch Diktat des Reichsarbeitsministeriums ohne geıügende
 Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der Inlusirie
 erfolgen, längst nicht mehr eine berechtigte
“olge der Rationalisierung sind, sondern immer wieder
len Zwang bedeuten. durch den Versuch weiterer
Iationalisierung. deren Wirtschaftlichkeit. wie vorhin
angedeutet. häufig genug sehr zweifelhaft oder doch
zar nicht überschbar ist. die aufgezwungenen Lasten
ragbar zu machen. Daß dabei angesichts der gänzich
 ungenügenden Kapitalbildung der Industrie die
verschuldung in einem ganz unerwünschien Maße
vächst. ist allgemein bekannt

Es wäre wünschenswert, daß zwischen Arbeilnchmern
 und Arbeitgebern eine bessere Verständigung
arzielt würde, Es gibt heute wohl kaum noch einen
Znternchmer, der nicht so von sozialem Geiste durch-Irungen
 ist, daß er nicht eine allmähliche Besserung
ler Einkünfte aller arbeitenden Klassen herbeivünschle
 und der nicht die Bedeulung guter Arbeiteröhne
 für die innere Kaufkraft erkannt hätte, Wäre
auf seiten der Arbeiter auch der Wunsch, dem Kapital
‚einen. berechtigten Anteil am Ertrag zu lassen, so
hätte man nur noch die Schwierigkeit der Verständizung
 über die Tragfähigkeit der Lasten sowie Ausmaß
 und Tempo der Lohnentwicklung

‚Es muß an dieser Stelle auch erwähnt werden. daß
lie Industrie, wie überhaupt die ganze deutsche Wirtschaft
 auch in ihrer Verwaltung und Interessenverlreung
 zu reformieren hat. Auch hier leiden wir noch an
“nem LUebermaß von berullicher Organisation. bei der
Auch das Neben- und Gegeneinander nicht immer ausgeschaltet
 ist: unsere Zeit wird auch durch Sitzungen
“el zu stark in Anspruch genommen; hier hat man
zZücklicherweise mit einer Einschränkung begonnen

Die technische Rationalisierung der deutschen In-Äustrie
 hat in den letzten Jahren zweifellos Fortschritte

In das Gebiet der Rationalisierung gehören auch alle
die Bestrebungen, die zusammengefaßt sind im Reichskuratorium
 für Wirtschaftlichkeit in Industrie und
            
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