Full text : 33.1928 (0033)

und der Post nach sich zieht. Damit ist wiederum
in der Regel eine Erhöhung der Tarife und Gebühren,
der Steuern, Abgaben usw. verbunden, so daß unter
Umständen eine Lohnerhöhung in einem bedeutenden
Zweige der deutschen Industrie sich in den Selbstkosten
 vieler Industrien verviellacht. Denn für die
Selbstkosten in Deutschland ist die Höhe der Steuern,
Gebühren. Eisenbahntariıfe. neben den Löhnen und
Sozialabgaben, und nicht zu vergessen. den Zinsen. von
großer Bedeutung. Und sonach bedingen schließlich
Lohnerhöhungen in vielen Fällen Steigerungen der
Preise und dadurch eine verminderte Kaufkrafl der
erhöhten Löhne. Nicht zu vergessen ist ferner die
Einwirkung von Steigerungen der industriellen Löhne
auf die Landwirtschafl. Bei der besonderen Notlage
in der sich die Landwirtschaft befindet. muß au:
Lohnsteigerungen eine noch stärkere Einschränkung
der schon jetzt schr geringen Kaufkraft der land
wirtschaftlichen Bevölkerung eintreten. die wiederum:
eine Rückwirkung auf den Bedarf der Landwirtschafl
an Industrieerzeugnissen und damit letzten Endes auf
die Beschäftigung der Industrie und die von dieser
zu zahlenden Löhne ausübt.
So einfach liegen also die Dinge nicht. daß man
durch Lohnerhöhungen eine Stärkung der Binnenwirtschaft
 crreichen kann. Eine VUeberspannung der
Lohnforderungen muß nolgedrungen auf das materiche
Wohl der Arbeiter selbst zurückfallen. Und gerade die
Befürworter einer Hebung des Binnenmarktes sollten
sich bemühen. die Grenze der Tragfähigkeit von Lohn
erhöhungen zu erkennen.
Die Hebung der inländischen Kaufkrafi und der
Binnenwirtschaft Deutschlands ist meines Erachtens
nur im Rahmen der weltwirtschaftlichen Verknüpfung
Deutschlands und unter Rücksichtnahme hierauf überhaupt
 denkbar und durchüiührbar.
Für Sie alle ist dies. glaube ich, cine solche Selbstverständlichkeit,
 daß ich nur kurz zu streifen brauche,
aus welchen Gründen eine Abkehr Deulschlands vom
Weltmarkt unmöglich ist. Abgeschen davon, daß
Deutschland als Kulturvolk den internationalen Austausch
 von geistigen Gütern, sei es auf dem Gebiete
der Kunst, der Musik oder der Wissenschaft, nicht
entbehren kann und daß eine Förderung der Kultur
nur im Rahmen eines solchen Austausches möglich
ist, abgesehen ferner davon, daß Deutschland sich
im Zeitalter der drahtlosen Telegraphie und Telephonie,
 des Rundfunks, des kommenden Fernsehens
usw. nicht von der Welt abschließen kann und daß
es der technischen Errungenschaften des Auslandes
für die Entwicklung seiner eigenen Technik bedarf,
liegt auch auf Grund der materiellen Bedürfnisse
des deutschen Volkes die Notwendigkeit vor. eine
ganze Reihe von Rohstoffen. wie Baumwolle. Wohle.
Kautschuk, Erze, Metalle, Oele usw. und leider auch
noch Lebens- und Futlermitliel. einzuführen. Und bei
dem Stande der Kultur und Zivilisation Deutschlands
wird man auch auf die Einfuhr sogenannier Genußmittel.
 wie Tabak, Kaffee. Tee, Kakao usw... nicht
verzichten können. Es ist andererseits unmöglich. die
für die Bezahlung dieser Einfuhren notwendige Ausfuhr
 nur nach den Ländern zu richten, die uns diese
Rohstoffe, Lebens- und Genußmittel usw. liefern. weil
der Einfuhrbedarf jener Länder sich durchaus nicht
mit unseren Ausfuhrbedürfnissen deckt. Wir müssen
vielmehr unseren Absatz zum großen Teil auf anderen
Märkten suchen. was wiederum zur Folge hat. daß
wir jenen Ländern Zugeständnisse für deren Exporibedürfnisse
 zur Einfuhr nach Deutschland machen
müssen. So hat die Notwendigkeit einer Auslandsbeziehung
 unweigerlich die nächste zur Folge, bis das
ganze Netz gesponnen ist. Schon vor dem Krieg war
Deutschland durch den Menschenüberschuß in seinen
Grenzen gezwungen. Waren zu exportieren. um nicht
Menschen, das wertvollste Gut eines Landes. exportieren
 zu müssen. Man kann aber nicht Waren ausführen,
 ohne auch Waren einzuführen. Was würde
bei einer Drossclung unseres Außenhandels aus unseren
 Ausfuhrindustrien werden. der chemischen und
Stickstoffindustrie, der Stahl-, Werkzeug-. Feinmechanik-
 und Maschinenindustrie, der elektrischen, keramischen,
 Metallwaren-,  Spielwaren-. Textil-, Lederwaren-.
 Kali-. Kohle- usw. Industrie? Wenn der An-‚eil

 der Ausfuhr an Deutschlands industrieller Ge-;amterzeugung
 auf 20 % zu schätzen ist, so bedeutet
las die Arbeit von mindestens 4 Millionen Erwerbs.
ätigen, nicht gerechnet die Leistungen der deutschen
Schiffahrt, des Bank- und Versicherungsgewerbes und
les deutschen Kaufmanns in fremden Ländern.
Deutschlands Drang zur Ausfuhr ist heute noch
von der Kapitalseite in einem ungewöhnlichen Maße
verslärkt worden, da wir aus einem Gläubigerland ein
Schuldnerland geworden sind, und darüber hinaus
auch bemüht sein müssen, die großen Kriegslasten
im Rahmen der übernommenen Verpflichtungen aufzubringen.

Die Schwierigkeiten, die sich der Erfüllung unserer
\ufgaben entgegenslellen, sind ganz außerordentlich
zraoß. da die Wandlungen gegen die Zeit vor dem
Kriege tief einschneidend sind. Ich erinnere an den
Verlust unseres ganzen Uebersechandels, der deutschen
Zweigfabriken im Auslande und unserer Handelsflotle,
den Verlust der Kolonien und die Beschlagnahme und
Liquidation des deutschen Eigentums im Ausland. das
auf 20 bis 28 Milliarden geschätzt wurde. den Verlust
der Kali-. Baumwoll- und Kammgarnindustrie im Elsaß.
von Erzen, Eisen und Stahl in Lothringen, an Getreide.
xarloffeln und Vichhaltung in Schleswig, dem Korrilor
 und dem Memelgebiet: Kohle, Eisen und Zink in
Oberschlesien. Ich darf in diesem Zusammenhang
rinnern an die Abfrennung des Saargebietes vom
Reich, die, wenigstens vorübergehend, ebenfalls cinen
Verlust an Eisen. Kohle und Stahl. Glas und Keramik
zur Folge gehabt hat und noch hat. Alle diese ver-Iorenen
 Gebiete haben gleichzeitig den Absatz unserer
Industrie stark eingeschränkt, wie auch die Besetzung
des Rheinlandes und der Pfalz ein schwächendes
Moment für die gesamte wirtschaftliche Lage Deutsch-'ands
 bildel. Wie siark die Einschränkung des ÄAbsatzes
 nach diesen Gebieten empfunden werden kann,
wird am besten dadurch illustriert, daß das Hauptırgumen!
 der Franzosen gegen eine frühere Rückzliederung
 des Saargebietes an das Deutsche Reich
1eute auf wirtschaftlichem Gebiet liegt. Die Franzosen
ıuben längst einsehen müssen, daß sie politisch ar
Jer Saar nichts erreichen können, und daß sie gul
un werden, auf eine Abstimmung zu verzichten, weil
liese zu 100 9% deutsch ausfallen würde. Dagegen wird
las Saargebiet als Absatzgebiet für die französische
ndustrie und Landwirtschaft sehr hoch bewertet. Von
ranzösischer Seite wird geschätzt. daß der Binnen:
handel Frankreichs ‘die Saar gehört bekanntlich zur
ranzösischen Zollgebiet. durch die Rückgliederung der
Saar einen Absatzverlust von 2 Milliarden franz. Franzen
 == über 300 Millionen Reichsmark erleiden würde
Diese Zahl wird von allen Wirtschaftskreisen an der
jaar für weit übertrieben gehalten; immerhin ist
ler Handelsverkehr zwischen der Saar und Frankreich
zanz erheblich und die Sorge der Franzosen in dieser
'‘Tinsicht verständlich.
Als weitere Verlastpesten sind zu buchen: der Veriust
 der Beherrschung des Wellmarktes in der Farbenındustrie,
 in der Oplik und in der Kaliindustrie, die
Verminderung unseres Anteils an der Weltausfuhr.
z. B. der Stahl-. Gummi-. Maschinen- und elektrischen
Industrie. Während die großen kriegführenden Länder
sich für Farben und Optik von den deutschen Bezügen
reigemacht haben. ist die Erschütterung des deutschen
Kalimonopols eine Folge der Abtretung des Elsaß
mit seinen Bodenschätzen. Welche Bedeutung dieser
Fatsache zuzumessen ist. erhellt z. B. daraus. daß
England heute noch nicht die Einfuhr von Farb.
stoffen freigegeben hat.
Die Fortschritte in der Industrialisierung der Kolsnialländer,
 die Beibehaltung und Ausbreitung des
Hochschutzzollgedankens Vereinigie Staaten. Frank:
zeich, Spanien, Italien. Rumänien. Polen usw.) die
Schiechterstellung deutscher Waren gegenüber dener
ınderer Länder bei der Einfuhr ‘englisches Weltreich}
lic Rückbehaltung des beschlagnahmien Eigentums.
ılles dies hat die Schwierigkeiten für die deutsche
'ndusirie. ihren Weltabsatz wieder zu erobern und
zu vergrößern, ins Unendliche vermehrt. Amerika ha'
jetzt nach jahrelangen Kämpfen die Freigabe-Bill unter
zeichnet. Trolzdem wird auch hier noch lange ZeV
‚ergehen. bis jeder deutsche Bürger im Besitz seine*
            
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