Die Lage der deutschen gewerblichen Wirtschaft.
Auf der am 18, April 1928 in Berlin abgenaltenen
48. Vollversammlung des Deutschen In-Austrie-
und Handelstages sprach der zweite stellvertretende
Vorsitzende unserer Kammer über
obiges Thema. Wir glauben die wertvollen Ausführungen
von Herrn Generaldirektor Tgahrt,
Neunkirchen (Saar), die in der Tagespresse naturgemäß
nur auszugsweise wiedergegeben worden
sind, unseren Lesern um so weniger vorenthalten
zu dürfen, als sie die Oeffentlichkeit zu einem lebhaften
Meinungsaustausch angeregt haben.
Die Schriftleitung.
Meine Herren!
Als unser verehrter Vorsitzender, Herr von Mendelssohn,
an mich mit dem Wunsche herantrat, für
die heulige Tagung des Deutschen Industrie- und
Handelstages die Berichterstattung über die gegenwärtige
Lage der gewerblichen Wirtschaft in Deutsch.
jJand zu übernehmen, habe ich diesem Wunsche nicht
ohne Zögern und Bedenken entsprochen. Einmal ist
es für einen Manny der Praxis, der in einem bestimmten
Gewerbezweig tätig ist. natürlich schr schwer, wenn
nicht unmöglich, die Lage der übrigen Industriezweige
im ganzen und in Einzelheiten richtig zu beurteilen
Zum anderen ist der Kreis von Zuhörern, vor dem
ich die Ehre habe, zu sprechen. so sachkundig in der
Beurteilung der Gesamtlage und auf den verschieden‘
sien Kinzelgebieten, daß ich befürchten muß, diesem
Kreise nicht viel Neues sagen zu können. Ich muß
daher um Ihre Nachsicht bitten und das Thema beschränken.
Da nach mir Herr Minister a. D. Hermes
über die deutsche Landwirtschaft und zusammenfassend
über die deutsche Wirlschaftspolitik Herr Minister
a. D. Hamm sprechen wird. so habe ich mein
Thema im Einvernehmen mit dem Herrn Präsidenten
mehr auf das für alle Industrien Allgemeingültige
und auf die weltwirtschaftlichen Beziehungen der
deutschen Industrie eingestellt. Ich werde auch kein
umfangreiches statistisches Material vorbringen. sondern
mich möglichst darauf beschränken, nur die
Ergebnisse aus der Durchsicht dieses Materials vorzutragen,
Meine Herren! In den letzten Jahren hat sich in
der dentschen Oeffentlichkeit eine starke Bewegung.
hauptsächlich geiragen von der Landwirtschaft und
den Gewerkschaften, dafür eingesetzt, daß man mit
dem alten Glauben, von einer besonderen Förderung
der Ausfuhr für die Besserung im Inland etwas erwarten
zu dürfen, aufräumen möchte und dafür die
Hebung des Binnenmarktes, selbstverständlich unter
starker Drosselung der Einfuhr und Beschränkung der
Ausfuhr, in den Vordergrund rücken solle. Diese Ansicht
stützt sich zum guten Teil darauf, daß der
deutsche Außenhandel viel kleiner ist als der Inlandsumsalz.
und daß es nur darauf ankomme, das
Brot, das die deutsche Volkswirtschaft in ihrer Gesamtheit
für die Gesamtheit hackt, möglichst groß zu
machen, damil der Anteil jedes einzelnen an diesem
Brot ebenfalls möglichst groß sei.
‚Als geeignetes Mittel zu einer solchen Entwicklung
wird von gewerkschaftlicher Seite die ständige Erhöhung
der Löhne befürworlel. Als leuchtendes Vorbild
Für eine derartige Entwicklung werden immer
lie Vereiniglen Staaten von Amerika herangezogen.
Es ist in der Tat erstaunlich. zu sehen, in welch
außerordentlichem Maße der Binnenmarkt der Vereinigten
Staaten sich entwickelt hat und wie gering im
Verhältnis zum Binnenmarkt der Prozentsatz des dortigen
Ein- und Ausfuhrhandels trotz seiner an Sich
großen Bedeutung ist. Eım Vergleich mit den Vereinigten.
Staaten hat aber sehr große Schwächen.
Die ganze Entwicklung Amerikas ist gekennzeichnel
durch drei besonders hervorstehende Merkmale: durch
den Uunerschöpflichen Reichtum des Landes an jungfräulichem
Boden und an Bodenschätzen, durch die
weite Ausdehnung des Landes und durch den Mange]
ın Arbeitskräfilen, der bis in die beiden ersten Jahr:
sehnte des 20. Jahrhunderts hinein angedauert hat
A\merika kann ungefähr alles innerhalb seiner Grenzen
>rzeugen, was eine hochentwickelte Volkswirtschaft
2ölig hat, abgesehen von einigen Tropenerzeugnissen.
\merika ist seit seinem Bürgerkrieg niemals politisch
jedroht gewesen, es hal ein Minimum an öffentlichen
ınd sozialen Lasten, es hat als Kriegslieferant der
sanzen Welt ungeheure Gewinne gemacht und ist als
Sieger und Weltbankier aus dem Kriege hervorgezungen.
Alles das sind Tatsachen, deren genaues
Gegenteil man bei Deutschland findet, Einige Bei-;piele
mögen dies erläutern: Amerikas Anteil an der
Wellproduktion beträgt für Eisen und Stahl 43 und
1700. Deutschlands 15 und 1600; für Kohle 45%,
Jeutschlands 12,309; für Zink 47% gegen 3,3%;
'ür Kupfer 53.5 00 gegen 1,7%: für Aluminium 37,6 %
zegen 14.8 9a, für Baumwolle 65% gegen 0%; Erdöl
59,500 gegen 0.50.
Der Anteil der Vereinigten Staaten am Weltverbrauch
jelrägt für Kohle 46.109 gegen 10.2°0 in Deutschjand.
für Baumwolle 24.909 gegen 5% und für Seide
51.7 9°0 gegen 4.500
Die Vereinigten Staaten besitzen 330%) der moneären
Weltgoldbestände, Deutschland nur 3,6%. In
deutschland betlrägt die steuerliche Belastung rund
F2 Milliarden Mark Jährlich neben einer Sozialbelastung
von rund 4.5 Milliarden "und einer Dawesbelastung
inßerhalb des Reichshaushalts von rund 1 Milliarde
\ark. bei einem geschätzten Volkseinkommen von
54 Milliarden -- rund 331,060; In den Vereinigten
Staaten 7,5 Milliarden Dollar bei einem Volkseinkomnen
von 90 Milliarden Dollar = zirka 8,3 00.
Für die Entwicklung der Kaufkraft im Jnnern ist
ı1och ein anderes Merkmal besonders erwähnenswert.
In Amerika werden die Arbeiter im allgemeinen nach
len Erfordernissen und Möglichkeiten des einzelnen
Betriebes enllohnt. Infoigedessen kann es sich jeder
Betrieb, der gut renliert, leisten, höhere Löhne zu
zahlen, und infolge der großen Möglichkeiten für den
\bsalz im Innern spielt die Massenherstellung, bei der
lie Arbeitskraft und damit die Höhe des Lohnes in
den Hintergrund tritt, eine beherrschende Rolle. Wie
sußerordentlich verschieden die Löhne je nach den
>»inzelnen Wirtschaftszweigen in den Vereinigten Staaen
sind, geht aus folgenden, in „Wirtschaft und Staistik“
veröffentlichten Zahlen hervor: Im Januar 1927
jewegten sich die Stundenlöhne für erwachsene unzelernte
Arbeiter zwischen 15 Cent und 1.12 Dollar,
m Durchschnitt betrugen sie 43 Cent. Der niedrigste
"‚ohn betrug also nur 350% des Durchschnittslohnes,
ler höchste dagegen 2600. also eine Spanne von
|=-7, Der durchschnittliche Wochenlohn aller Arbeiter
n den Vereinigten Staaten bewegte sich im ‚Juli 1927
je nach dem Gewerbezweig zwischen 18 und 32 Dollar,
im Gesamtdurchschnitt beirug er 23.83 Dollar. Diese
Zahlen zeigen ferner, daß man sich in Deutschland
iber die Lohnhöhe in den Vereinigten Staaten meist
ganz übertriebene Vorstellungen macht, die nicht zum
mindesten durch das Buch von Ford hervorgerufen
zein dürften.
Ganz anders liegen die Verhältnisse bei uns. Wir
sind durch das Schema der Tarifverträge, in ganzen
Industriegruppen nur regional unterschieden. an bestimmle
Lohnhöhen gebunden. Die Freiheit eines Be-'riebes,
der gut rentiert, sich von den tariflichen
Lohnsätzen zu entfernen. ist sehr gering. und sie muß
>s bei der gegenwärtigen Einstellung der Gewerkschaf-'en
sein, weil die Solidarität der Arbeitgeber angesichts
der Geschlossenheit der Arbeitnehmer nicht
turchbrochen werden kann. Abgesehen davon, liegt
»s bei uns auch so. wenigstens in der Zeit nach
Xrieg und Revolution. daß jede Lohnerhöhung in der
Orivatindustrie beinahe automatisch die Erhöhung der
Ansprüche der Arbeiter in den Reichs-, Staats- und
Xommunalbetrieben. bei der Deutschen Reichsbahn