Full text : 32.1927 (0032)

Die treibenden Kräfte waren vor allem. die zunehmende Erkenntnis
 von der Wichtigkeit der Eingliederung in die Weltwährung,
 die auf dem Golde beruht, sodann die den Stabiliserungsbestrebungen.
 entgegenkommende Wirtschaftspoktik
der Vereinigten Staaten von Amerika. Wenn man an die valutarische
 Zerrüttung Europas zurückdenkt, die in den ersten
Nachkriegsjahren zu beobachten war, so kann man - für
{926/27 eine höchst erfreuliche Besserung der europäischen
Währungslage feststellen. Seit der Jahreswende 1926/27 kann
Jie Stabilisierung der europäischen Valuten im allgemeinen
und für das erste aß abgeschlossen gelten. Im laufenden
Jahre haben sich, von einer gewissen Besserung der italenischen
 Valuta abgesehen, die Valuta-Verhältnisse: auf. der
ganzen Linie so gut wie nicht geändert. Mit der Besserung
der europäischen Währungslage war auch eine zunehmende
Beruhigung des Devisenmarktes verbunden, d. h. es verringerte
 sich zusehends die Spannweite zwischen dem Jahres-Höchststand
 und dem a allen sam Ziffernmäßig äußerte
sich dieser Vorgang folgendermaßen:
Im Jahre 1924 war noch keine europäische Währung vornanden,
 bei der sich die jährlichen Schwankungen unter 1%
ihres Kursstandes — also annähernd innerhalb der Goldpunkte
=- hielten. 1925 betrug der Anteil derartiger Währungen
an der Gesamtheit bereits rund ein Drittel und schließlich
1926 waren es bereits rund zwei Drittel von der Gesamtheit
 der europäischen Währungen, Für 1927 kann man mit
einer weiteren Zumahme dieser Quote rechnen.
5. Die Differenzierung der Zinssätze, Löhne und Preise
in Europa.
Meine sehr verehrten Herren! Würde man versuchen,
Jas Gesamtbild der gegenwärtigen europäischen Wirtschaftsage
 auf einen einheitlichen Nenner zu bringen, so könnte
man woh) feststellen, daß im allen Staaten bewußt auf eine
Reorganisation der Wirtschaftsverhältnisse hingearbeitet wird,
laß aber der Zustand einer endgültigen Wirtschaftsstabilisierung
 noch längst nicht erreicht ist. Gewiß ist mit der Währungsstabilisierung
 ein großer Schritt in dieser Richtung getan
worden, aber die vorliegenden Erfolge dürfen noch nicht
darüber hinwegtäuschen, daß eine Währungsstabilisierung in
keiner Weise identisch mit einer Wirtschaftsstabilisierung
ist, Selbst wenn man in der einen oder anderen europäischen
Wirtschaft von einer gewissermaßen endgültigen Reorgani-„sation
 und Konsolidierung sprechen könnte, bleibt doch die
Tatsache bestehen, daß jede nationale Teilwirtschaft innernalb
 der europäischen Gesamtwirtschaft noch unter stark
differenzierten Bedingungen arbeitet, die einem. europäischen
Gesamtaufschwung noch in vielen Beziehungen sehr hemmend
entgegenstchen. Crewiß wird sich eine restlose Giheichheit
der Produktionsbedingungen in Europa solange nicht erzielen
‚assen, wie das europäische Wirtschaftsgebiet seine heutige
Zerrissenheit und Zerklüftung durch den forcierten nationalen
Hrotektionismus aufweist, aber immerhin könnte doch eine
ielbewußte europäische Zusammenarbeit manche recht nachteilize
 Differenzierungen ausgleichen oder wenigstens zu mildern
 versuchen, Ich möchte in diesem Zusammenhang vor
allem auf folzende drei Differenzierungen hinweisen, . die einer
endgültigen Stibilisierung der europäischen Wirtschaft augenscheinlich
 stark im Wege stehen, das ist
a) die Unterschiedlichkeit der Geldsätze;
b) die Unterschiedlichkeit der Löhne;
c) die Unterschiedlichkeit der Preise.
Man würde wohl zu den Utopisten gehören, wenn man in
lieser Hinsicht unter den gegebenen Verhältnissen die Mögichkeiten
 eines Ausgleichs überschätzte, aber es liegen hier
Joch jedenfalls europäische Wirtschaftsprobleme vor, die un-Dedingt
 der Erwähnung verdienen und die, auf lange Sicht
zyesechen, doch der größten Aufmerksamkeit wert sind,
a) Die Unterschiedlichkeit der Zinssätze.

Das europäische Produktionsproblem ist in wesentlichem
Umfange ein Produktionskostenproblem und — nach der
Rentabilitäts- und Absatzseite hin — natürlich auch ein Preis-3>roblem.
 Für die Höhe, Gleichheit und Stabilität des Proiuktionskosten-Niveaus
 sind von .ausschlaggebender Bedeuzung
 neben der Belastung durch die öffentliche Hand, von
der ich schom gesprochen habe, die Geldsätze und die
Löhne,
Untersucht man den Stand der Gekdsätze in den letzten
Jahren in Europa, so läßt sich zweierlei feststellen: Erstens
»ine teilweise exorbitante Höhe und zweitens eine enorme
Jnterschiedlichkeit. Um. hierfür einige Beispiele zu geben,
30 standen einem Diskont-Satz der Bundes-Reserve-Bank
in New York von 3,4 bis 4% in den Jahren 1924 bis 1927
jolgende Diskontsätze europäischer Notenbanken gegenüber:
Deutschland 10 bis 6%, neuerdings wieder 7 9%; Frankreich
5. bis 7,5 bis 500; Italien seit 1926 ununterbrochen 7.09%:

Jesterreich 11,6 bis 6%; Polen 11,6 bis 8 0,.. Belgien
»5 bis 7,5 bis 3%. 2
Auch in den nord-, ost- und südosteuropäischen Ländern
agen die Diskontsätze erheblich über dem amerikanischen
Niveau. In Bulgarien und Griechenland betragen sie noch
ıeute 100%, in Portugal 8%, in Finnland und Lettland
"%. In entsprechender Höhe und Unterschiedlichkeit bevoegien
 sich die Privatdiskont-Sätze für erstklassige Baukvechsel,
 Hier stehen für Juli 1927 einem New Yorker
;atz von 3,64 % folgende Sätze an europäischen Hauptbankınd
 Börsenplätzen gegenüber: Mailand 7%0o, Wien 6,28 vo,
3erlin 5,90 %, London 4,33 %, Brüssel 3,84 %. Nüiedrigere
Drivatdiskont-Sätze als New York wiesen auf: Zürich 3,47 wo,
Amsterdam 3,55% und Paris 2,15 %. Was diese Unterchiedlichkeit
 und — in vielen Ländern — die absolute
I für die nationale Produktion bedeutet, liegt auf der
land,
b) Die Unterschiedlichkeit der Löhne.
Ganz ähnlich ist die Differenziertheit bei den Löhnen in
jen einzelnen europäischen Staaten und in den einzelnen Proluktionszweigen,
 Einen internationalen statistischen Lohnvergleich
 von generellem Charakter durchzuführen, ist bisher
cht gelungen und wird wohl auch schwerlich zu erreichen
‚ein. Dazu sind die Arbeitsbedingungen und die Maßstäbe
ür die Lohnberechnungen viel zu verschieden. Aber aus
lem Material, das laufend von dem Statistischen Reichsamt in
ler Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik“ veröffentlicht wird,
seht unzweifelhaft hervor, daß weder von einer generellen
;tabilität in Europa moch auch nur von einer Stabiktät in
len einzelnen europäischen Ländern oder in den ein-:jelnen
 Produktionszweigen gesprochen werden kann. Die
„Ohnbewegungen in Europa zeigen unendliche Variatioaıen.
 Die Steigerungen in den einzelnen Ländern und in
len Wirtschaftszweigen und noch mehr in den einzelnen
jewerbe- und Berufsarten haben sich gegenüber der Vorcriegszeit
 nach dem Grade ganz verschieden gestaltet. In
Iinzelfällen sind Steigerungen von über 100 bis 3070 fest-:ustellen.
 Auch die Schwankungen in den letzten Jahren
jelbst waren außerordentlich erheblich, und von irgendeiner
;tabilisierten Plattform wird man nach meiner Kenntnis in
ceinem Lande sprechen können. Im einzelnen Staaten, z. B. in
°rankreich, Belgien und der Tschechoslowakei, sind übrigens
‚ehr miedrige Löhne festzustellen, was natürlich im intersationalen
 Wettbewerb von großer Bedeutung ist.
c) Die Unterschiedlichkeit der Preise.
Daß sich bei den äußerst variablen finanziellen Produktions-‚jedingungen
 auch eine groBe Unterschiedlichkeit in der Getaltung
 der Preisniveaus ergeben hat, ist selbstverständlich,
:umal ja die Preisbildung auch noch von vielen anderen
5aktorenm, z. B. auch der Durchführung einer Währungs-;tabilisierung,
 beeinflußt wird. Bis in die jüngste Zeit hinein
und nicht nur in den ‚europäischen Ländern selbst große
ichwankungen der Großhandels-Indexziffern zu, beobachten,
ondern auch an einem gegebenen Zeitpunkt weichen diie
jroßhandels-Indexziffern der einzelnen europäischen Wirtichaften
 stark voneinander ab, Die amerikanische Groß-1andels-Indexziffer
 lag in der Mitte dieses Jahres um 44%
ıöher als 1913. Eine gleiche Steigerung hatte in Europa
zur Finnland aufzuweisen, höhere Steigerungen dagegen Norvegen
 mit 60%, Dänemark und Spanien mit 52%, die
Yiederlande mit 4000, Italien und die Schweiz mit 47 00,
ichweden mit 46 00. Geningere Steigerungen der Großhande!sndexziffern
 sind bei Großbritannien und Oesterreich mit
20%, bei Deutschland mit 38 %, bei Ungarn mit 33%,
yeı‘ Frankreich mit 26%, bei Belgien mit 23% und bei
>olen in etwa gleicher Höhe festzustellen. Die Preisverhältwsse
 in den drei letztgenannten Ländern sind für Deutschland
‚sonders wichtig.
Diese allgemeine Unterschiedlichkeit ist natürlich nicht
‚erade geeignet, den europäischen Warenaustausch zu fördern,
jelmehr liegt darin ein starkes Spannungsmoment hönsichtlich
ler Rückkehr zu einer großzügigen wirtschaftlichen Arbeitseilung
 in Europa.
‘. Mittel und Wege zur Stabilisierung der europäischen
Wirtschaft.
Die Vielgestaltigkeit der europäischen Wirtschaftsprobleme,
vie ich sie in meimen. bisherigen. Ausführungen charakterijert
 habe, läßt die Größe des Problems und der Zukunftsıufgaben
 deutlich erkennen. Sicher sind schon gerade in
ten letzten Jahren verschiedene Wege beschritten worden,
sicht mur. um das Problem zu erkenmen, sondern auch um
änmige Schwierigkeiten‘ zw beseitigen. Ich erinnere an die
mehrfachen internationalen Wirtschaftskonferenzen, die uns das
ahr 1927 ‚gebracht hat, ich erinnere auch an die verchiedentlichen
 Aussprachen zwischen nationalen Industrie-‚erbänden,
 die im Laufe dieses Jahres stattgefunden haben,
ind ich möchte schließlich als einen Beweis für positive
Arbeit: die. verschiedenen. internationalen Vereinbarungen
teren, die, sei es zu engeren Zusammenschlüssen,. sei ..es
            
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