einer halben Million auch beim günstigsten Stand nicht wesentlich
unterschritten, und neuerdings hat ja die Kurve der
Arbeitslosenziffer wieder eine aufstrebende Richtung gerommen.
5, Günstigere Entwicklungslinien der letzten Zeit.
Man würde dem Bild der wirtschaftlichen Lage Europas,
wie ich es in meinen bisherigen Ausführungen gekennzeichnet
nabe, nicht gerecht werden, wenn man nicht auch einige
xeuere Entwicklungslinien aufzeigen würde, die ein immerhin
:twas günstigeres Licht auf die jüngste Wirtschaftsentwick-‚ung
in Europa werfen. Vornehmlich ist in dieser Beziehung
die Außenhandelsentwicklung und die Produktionsentwicklung
an kufenden Jahr zu nennen.
a) Die jüngste Entwicklung des europäischen
Außenhandels.
ich habe schon erwähnt, daß die verhältnismäßig günstigen
Ergebnisse des Welthandels im Jahre 1926, nämlich die
Erreichung des Vorkriegsniveaus, ein ausgesprochenes Verdienst
der überseeischen Länder war und die Entwicklung
des europäischen Außenhandels. erheblich ‘hinter der des
überseeischen zurückblieb. Die neuesten Welthandelsstatistiken
für das erste Halbjahr 1927 lassem erfreulicherweise eine
meue, für Europa günstigere Tendenz erkennen. Nach den
Berechnungen des Statistischen Reichsamtes hat der Weltbandeksumsatz
im ersten Halbjahr 1927 gegenüber dem ersten
Halbjahr 1926 um 5,8% zugenommen; mengenmäßig ist
die Umsatzsteigerung sogar noch bedeutend größer, da das
Preisniveau des Weltmarktes insbesondere infolge des Preisückganges
für Spinnstoffe und Kautschuk in diesem Be-Xchtszeitraum
einen Rückgang um 5,2% erfahren hat. Bei
Berücksichtigung dieser Verschiebung ist das Volumen des
nternationalen Warenaustausches im ersten Halbjahr 1927
um 11,6% größer gewesen als im ersten Halbjahr 1926.
Ss betrug nämlich auf der Preisbasis Januar/Juni 1926 der
Umsatz von 28 wichtigen Welthandelsländern 107,9 Milliarden
m ersten Halbjahr 1927 gegenüber 96,7 Milliarden in der
ersten Hälfte 1926. Gegenüber der 11,6prozentigen Zunahme
lies Gesamtumsatzes beträgt die Zunahme bei den europäischen
Ländern 15,9%, bei den außereuropäischen 4,8 %.
An der Zunahme ist also — im Gegensatz zum Vorjahre —
Europa in stark überwiegendem Maße beteiligt. Dies gilt
zwar vor allem von der Einfuhrseite, die in Europa eine
Steigerung um 17,5% gegenüber 1,6% bei den außereuropäischen
Ländern aufweist, aber auch auf der Ausfuhrseite
ist die europäische Außenhandelszunahme sehr erheblich,
se betrug in dem Berichtszeitraum 13,9% gegenüber 7,9 %
zei den außereuropäischen Ländern.
Diese, vom gesamteuropäischen Standpunkt aus, sicher
schr erfreuliche Tatsache hat allerdings für Deutschland
aur teilweise zu parallelen Erscheinungen geführt. Deutschand
ist nämlich am der Vergrößerung des europäischen
Außenhandelsvolumens in dem Vergleichszeitraum nur an der
Einfuhrseite beteiligt. Es ‚entspricht einer gesamteuropäischen
Zinfuhrsteigerung von 3,8 Milliarden eine deutsche Ein-‘uhrsteigerung
von 2,43 Milliarden und einer gesamteuroäischen
Umsatzsteigerung um 5,9 Milliarden ‚eine deutsche
von 2,47 Milliarden. An der Steigerung der europäischen
Ausfuhr hat Deutschland in dem Vergleichszeitraum nach
den absoluten Werten nicht teilgenommen, es ist sogar ein
Rückgang von 20 Millionen Mark festzustellen. Mit anderen
Worten: Die verstärkte Beteiligung Europas am Weltmarkt
st auf der Absatzseite, d.h. bezüglich der Importsteigerung,
m größtem Maße auf Deutschland zurückzuführen, dagegen
mat auf der Liefer-Seite, d. h. bezüglich des Exportanteils,
Deutschland in keiner Weise bisher von den neuen Tendenzen
m internationalen Welthandel, von der Ueberschreitung des
Vorkriegsniveaus und der Vergrößerung des europäischen
Anteils am internationalen Gesamtumsatz profitiert. Die
Gründe für das Zurückbleiben Deutschlands liegen zum erheblichen
Teil in unserem übersetzten Preisniveau. Die Einiuhrsteigerung
ist wesentäch auf die Auslandskredite zurückzuführen,
Unabhängig hiervon bleibt aber die gesamteuropäische
Entwicklungslinie als ein günstiges Moment zu werten.
b) Die jüngste Entwicklung der europäischen
Produktion.
Auch die Entwicklung der gesamteuropäischen Produktion
nat im Gegensatz zu dem von der Internationalen Wirtschaftskonferenz
durchgeführten Vergleich zwischen 1925 und 1913
im laufenden Jahr eine verhältnismäßig günstige Entwicklung
yenommen. Es scheint, daß sich nunmehr auch Europa
dem Aufschwung, den die Wirtschaft der Vereinigten Staaten
und einer Reihe anderer überseeischer Länder während der
jetzten Jahre durchgemacht hat, allmählich anschließt. Von
den vier Staaten Frankreich, Italien, Dänemark und Norwegen
abgesehen, in denen der wirtschaftliche Anpassungsprozeß
infolge der Stabilisierung bzw. Aufwertung der Vamta,
noch nicht abgeschlossen ist, und ferner mit Ausnahme
von Spanien und Großbritannien, befanden sich im Sommer
fieses. Jahres alle Länder Et in einem mehr oder minder
‚usgesprochenen Kkonjunktureilen. Aufschwung. Diese Aufvärtsbewegung
it, wenigstens zum Teil, durch den Aufchwung
im Kohlenbergbau ausgelöst worden, der sich als
5olge des englischen Streiks ergab. Nach den Ermittelungen
les Instituts für Konjunkturforschung wurde die Aufwärtsjwegung
vornehmlich durch die Verbrauchs- und Produkjonssteigerung
auf dem Gebiet der Textilien, die durch
be Verbilligung der Baumwolle begünstigt wurde, weiter gerieben.
Schließlich wurde sie durch die beträchtliche Einuhr
ausländischen Kapitals; die einen gewissen Ausgleich
ür die unzureichende innere Kapitalbildung geschaffen hat,
vesentlich gefördert, wenn nicht überhaupt ermöglicht. A lle
liese Momente wurden einmal durch den innerwirtschaftlichen
jamjerungsprozeß, der sich auf vielen Gebieten nicht nur in
Deutschland, sondern auch im anderen kontinentalen Staaten
ollzogen hat, unterstützt (insbesondere auch durch die Stablixerung
der Valhuten), und zum zweiten durch die zahleichen
Rationalsierungsbestrebungen, die sich im den euro-‚äischen
Ländern, zunächst auf dem Gebiete der Grundstoffndustrie,
sodann aber auch in der verarbeitenden Industrie,
virksam durchgesetzt haben. Daß die beiden Momente der
Stabilisierung und der Rationalisierung als wesentliche Grundagen
des konjunkturellen Aufschwunges anzusehen Sind,
vird dadurch bestätigt, daß gerade diejenigen Länder
her an dem Aufschwung nicht beteiligt sind, in denen
lie Stabilisierung oder die Rationalisierung noch nicht oder
"st schr spät eingesetzt hat.
Von besonderem Interesse ist in diesem Zusammenhang
he Tatsache, daß gerade auch die Internationale Wirtschaftssonferenz
in Genf dem Problem der Rationalisierung ihre
rnste Aufmerksamkeit geschenkt at. Die Konferenz hat
instimmig die Vorzüge der Rationalisierung und der wissenchaftlichen
Betriebsführung anerkannt und die dringende
Jotwendigkeit größerer, weiterreichender und einheitlicherer
\nstrengungen auf diesem Gebiete hervorgehoben. In der
"at ist es für Europa ein außerordentlich wichtiges Problem,
ıuf diesem Wege zu einer Steigerung der Produktion, zu eimer
Yerbesserung der Arbeitsbedingungen und zu einer Senkung
ter Produktionskosten zu gelangen. Die Internationale Wirtichaftskonferenz
hat dabei insbesondere folgende fünf Ziele
aufgestellt:
|. die Erzielung der höchsten Leistung mit der geringsten
Kraftentfaltung;
ea Erleichterung der Konstruktion, der Herstellung,
tes Gebrauchs und des Ersatzes von genormten Teilen
durch Verminderung der Vielfältigkeit der Typen;
Jie Vermeidung von jeglichem Stoff- und Kraftverlust:;
He Vereinfachung der Warenverteilung;
die Vermeidung unnötiger Transporte, zu hoher steuer-Kcher
Belastungen und überflüssigen Zwischenhandels,
Es ist bekannt, daß auf dem Gebiete der wirtschaftlichen
Yationalisierung vor allem auch Deutschland erhebliche Fortichritte
gemacht und sich damit auch besondere Verdienste
ım die europäische Wirtschaftsgesundung erworben hat.
Jebrigens nahm die europäische Wirtschaftsbelebung auch
rerade in Deutschland ihren Ausgang, wo sich im Herbst
926, im Anschluß an die Sonderkonjunktur der Kohlen- und
Zisenmärkte, ein deutlicher Aufschwung herausbildete. Von
ner aus wurde bald der ganze mittel- und osteuropäische
Virtschaftsblock von der Belebung mit erfaßt. Nach dem
orlegenden internationalen statistischen Material kann dieser
Aufschwung am deutlichsten in der Produktions-Sphäre festzestellt
werden: die Erzeugung der hauptsächlichsten inlustriellen
Grundstoffe ist stark gewachsen und befand sich
n der Mitte dieses Jahres — vom Saisonmäßigen Abichwächungen
und von England und Frankreich abgesehen —
och immer fast überall im Steigen. In den neun für die
Zisen- und Stahlgewinnung wichtigsten europäischen Ländern
st von April! 1926 bis zum Mai 1927 die Roheisen-Gewinnung
ınd die Rohstahlherstellung um ungefähr 30% gewachsen.
\uch die Produktion vom Metallen, wie Zinn, Kupfer, Blei
ınd Zink, hat sich in Europa auf sehr großer Hohe gesalten.
Allerdings birgt die sehr erhebliche Produktionsteigerung
industrieller Grundstotfe ihrerseits auch eine Geahr
in sich, als sich jetzt schon verschiedentlich gezeigt
ıat, daß die Aufnahmefähigkeit des Verbrauchers für eine
Oo umfangreiche Produktionssteigerung, wenigstens auf die
Dauer, noch nicht genügend erstarkt ist. Anzeichen der
Jeberproduktion sind, gesamteuropäisch gesehen, sowohl! für
3sen und Stahl, aber noch mehr z. B. für Metalle, Petroeum
und besonders für Kohle zu beobachten, Es steht zu beürchten,
daß die Ziffern der europäischen Arbeitslosigkeit
ei einem Rückschlag der Konjunktur wieder noch größer
verden, ‚als sie es im der Mitte dieses Jahres trotz
les Produktionsfortschrittes ohnehin noch waren.
c) Die Währungsstabikhisierung.
Ich erwähnte schon die Währungsstabilisierung, Erfreuicherwise
sind in dieser Hinsicht, insbesondere im Jahre
1926, in ganz Europa erhebliche Fortschritte gemacht worden.