schritt. Allerdings kündigten. sich durch die Entwicklung
ler anderen Kontinente, insbesondere auch Amerikas, neue
Entwicklungslinien an, die bei friedlicher natürlicher Weiterentwicklung
vielleicht nur zu einer gewissen Verschiebung
n der Arbeitsteilung, nicht aber zu einer ausgesprochenen
Umwälzung geführt hätten.
Die großen Verschiebungen im der Weltwirtschaft und in
ter ‚europäischen Produktion, wie sie sich in den letzten
zehn Jahren gezeigt haben, sind in wesentlichem. Umfange
auf den Krieg und seine Folgen zurückzuführen. Der systematische
Uebergang der Agrar- und Rohstoffländer zur industriellen
Verarbeitung ihrer Rohprodukte lag noch in der
allgemeinen Entwicklungslinie, Darüber hinaus gingen aber die
einzelnen Weltwirtschaftständer dazu über, die für die natiomale
Sicherheit unentbehrlichen Produktionszweige, die Soyenannten
Schlüssel-Industrien, forciert zu entwickeln und
;hre Produktion überhaupt auf eine größere Basis zu steHen.,
Damit ging Hand in Hand eine scharfe Abschließungssewegung,
zumeist in der Form der Festsetzung höherer
Schutzzölle zugunsten der jungen Industrien. Einen allgemeinen
Eindruck von den Wandlungen, die sich im der
>uropäischen Produktion im Verhältnis zur Weltproduktion
vollzogen haben, kann man aus den Statistiken über die
Nahrungsmittel- und Rohstoffproduktion gewinnen. Während
lie Weltbevölkerung im Jahre 1925 nur 5% über der im
Jahre 1913 Tag, ist die Welterzeugung von Nahrungsmitteln
und Rohstoffen 16—18% größer gewesen als 1913. Dies
sind aber nur Durchschnittszahlen. Während gewisse Teile
der Welt erheblich größere Fortschritte gemacht haben,
bleiben andere Erdteile, insbesondere Europa, weit dahinter
zurück. Die Produktion Europas lag im Jahre 10925 mur
um 5% höher als 1913, eine Zumahme, die wesentlich hinter
der der Vorkriegsjahre zurückbleibt, und aus der erkenntlich
st, daß in zwölf Jahren nur eine Steigerung eingetreten ist,
lie die frühere jährhkiche Steigerung kaum überschreitet.
Das europäische Produktionsproblem besteht nun also vor
allem darin, dem Vorsprung, den die anderen Kontinente
erreicht haben, im irgendeiner Form wieder einzuholen. Das
darf natürlich nicht dadurch geschehen, daß alle neugeschaflenenm
Produktionszweige in den einzelnen europäischen Ländern
mit künstlichen Mitteln zır einer forcterten Entwicklung
gebracht werden, sondern es muß sich auf die Weise volriehen,
daß Europa wieder so bald wie möglich zu den
Prinzipien der internationalen Arbeitsteilung zurückkehrt und
auf diese Weise ohne schädliche Nebenwirkungen zu einer
Steigerung der gesamteuropnäischen Produktion gelangt.
2, Das Absatzproblem.
Die Arbeitsteilung zwischen den einzelnen nationalen Produktionszweigen
in Europa hängt entscheidend von der Lösung
des Absatzproblems ab, und zwar sowohl des Absatzes
auf den europäischen Märkten selbst wie des Absatzes auf
dem außereuropäischen Markt. Trotz der immerhin 5prozentigen
Produktionsvermehrung in Europa betrug der
europäische Außenhandel im Jahre 1925 nur 89% der Vorkriegsmenge.
Erfreulicherweise hat der Umfang des gesamten
Welthandels im Jahre 1926 das Vorkriepsniveau erreicht
(mit 12.2 Milliarden. Mark monatsdurchschnittlich). Dies
ist jedoch nicht ein Verdienst Europas gewesen, sondern der
außereuropäischen Länder, die eine Umsatzsteigerung von
5% gegenüber 1925 aufwiesem und damit ihren Vorkriegshandel
um 30% übertroffen haben. Europa hat dagegen
seien Außenhandel im Jahre 1926 nicht über den Stand
von 1025 steigern können, Demgegenüber verweise ich auf
die große Steigerung des . Anteils von Ostasien und insbesondere
von Amerika am Welthandel. Die Erklärung legt
zum Teil auch darin, daß gerade in Europa (vor allem in
Rußland und anderen bis in die jüngste Zeit valırtaschwachen
Ländern) die Kaufkraft gegenüber der Produktionssteigerung
zurückyeblieben ist.
3. Die Verschiebung in der Kapitals- und Einkommensbildung.
Die Verschuldung und die Öffentliche Belastung.
Die, vom gesamteuropäischen Standpunkt aus gesehen,
höchst ungünstigen Wirkungen des Protektionismus und cher
damit im Zusammenhang stehenden Absatzschwierigkeiten
wurden in ihrer Wirkung vor allem noch durch die Verschiebungen
in der Kapital- und Einkommensbildung verstärkt.
Das finanzielle Ergebnis des Weltkrieges für Europa
kann man dahin zusammenfassen, daß die Vereinigten Staaten
von Amerika aus einem Schuldner-Staat der größte Glänbiger-Staat
geworden sind, und daß Europa aus einem Gläubiger-Kontiment
ein Schuldner-Kontinent geworden ist. 1914 schul-Jdeten
die Vereinigten Staaten Europa noch über 5 Milliarden
Mark, 1925 hatten sie von Europa rund 15 Milliarden Dollar
zu fordern. Die Vereinigten Staaten besitzen jetzt 40% des
Weltvermögens und fast 50% der. Welt-Goldvorräte, . Sie
sind nicht nur das kapital-, sondern auch das einkommen-(räftigste
Länd geworden. Uebrigens ist auch die Kapital
md Kaufkraft anderer. Pazifik-Länder, vor allem Kanadas,
Australiens und Japans, nicht unerheblich gestiegen. Europa
st dagegen verarmt und verschuldet. In allem Ländern
Zıtropas, die an dem Krieg teilgenommen haben, bestehen
inanzielle Schwierigkeiten, deren Beseitigung Jahrzehnte in
A\nspruch nehmen wird. Es sind micht nur viele- Länder mit
ährlichen Zahlungen für Kriegsschulden belastet, sondern
eder am Krieg beteiligt gewesene Staat wird viele Jahre
le Mittel für die Kriegspensionen aufbringen müssen. Zu
iesen Lasten treten noch bei vielen Ländern die laufenden
tüstungskosten hinzu, die die Finanzen der Nationen der
Velt noch immer schwer belasten. Auch die Veränderung
ter politischen Grenzen hat, gesamteuropäisch gesehen, zu
ıngeheuren Ausgaben geführt, die mit dazu beigetragen
saben, die gesamte Kaufkraft Europas zu verringern.
Im einzelnen‘ sind folgende Daten aus einem internationalen
‘inanzausgleich von besonderem Interesse: Die Finanzvervaltung
(die Zoll-, Steuer-, Schuldenverwaltung und das
Münzwesen) nahm in England im Jahre 1926 fast die Hälfte
jer gesamten Staatsausgaben in Anspruch gegen 23%0 1913.
n Frankreich stiegen die Aufwendungen für die Finanzverwalung
1925 gegenüber dem letzten Vorkriegsjahre von 23,8
uf 43,40%, im Belgien von 35,9 auf 41,30% und in Italien
on 30,7 auf 36,9%. Die Ausgaben auf Grund des Krieges
Kriegspensionen, Wiederaufbauarbeiten, Besatzungskosten,
\usführung der Friedensverträge) nahmen in den gesamten
Vachkriegsjahrenm nicht weniger als 9,8 % in Großbritannien,
)00 in Italien, 25,5 0% in Frankreich und 21,4% in Belgien
n Anspruch. Wie die Verhältnisse in Deutschland liegen,
wissen wir alle leider viel zu gut; hier werden mehr als
X % in Anspruch genommen. Jedenfalls ist bis in die neueste
Zeit in ganz Europa überall eine Tendenz zur Steigerung
ler Staatsausgaben festzustellen. Statt daß die öffentliche
land in den einzelnen Ländern mit einem Minimum an
\ufwandsmitteln aufzukommen bestrebt ist, um den einzelnen
Wirtschaften eine baldige Rückkehr zu gesunderen Verhältıssen
und vor allem auch eine größere und schnellere
Capttalsbildung zu ermöglichen, ist fast ausnahmslos in ganz
Zuropa der Steuerdruck in unerträglicher Weise gestiegen
ınd dadurch die Produktion mit finanziellen Fesseln belegt.
lie einer wirklichen durchgreiftenden Gesundung sehr hemnend
im Wege stehen.
4. Das Arbeitslosen-Problem.
Es kann nicht wundernehmen, daß im Zusammenhang mit
len Produktions- und Absatzschwierigkeiten, mit der verninderten
Kaufkraft und der außerordentlichen Öffentlichen
Zelastung und Verschuldung in ganz Europa in den letzten
ahren ein neues, sehr ernstes Problem akut — oder man muß
ieilmehr sagen — chronisch geworden ist, das seinerseits
on sehr ernsten finanziellen und sozialen Folgeerscheinungen
jegleitet ist: nämlich das Arbeitslosen-Problem. Genau wie es
ıs geradezu paradox zu bezeichnen ist, daß ein derartig
ın das Ausland verpflichtetes Land wie Deutschland in den
etzten Jahren so enorme Arbeitslosenziffern aufzuweisen
satte, steht auch die Arbeitslosigkeit in ganz Europa in
inem seltsamen Gegensatz zu Europas Schuldner-Stellung
‚egenüber der ganzen Welt. Niemand wird daran zweifeln,
laß die Schuldentilgung, soweit nicht andere paradiesische
Hilfsguellen zur Verfügung stehen, immer eine Angelegenheit
ler Arbeitsleistung %t. Gegenüber der daraus für Europa
esultierenden Notwendiekeit, daß alle Produktionskräfte und
nsbesondere die menschliche Arbeitskraft auf das höchste
ngespannt werden müssen, um die Produktionserträge, aus
lenen die Schuldentilgung geschehen muß, aufzubringen, ist
ın sich die Tatsache, daß in allen europäischen Ländern eine
rroße Arbeitslosigkeit herrscht, schwer zu verstehen. Sie
st in großem Umfang eine Folge des Steuerdrucks einerseits
ınd der Kaufkraftminderung andererseits, ferner ist von
rroßem Einfluß die Produktionssteigerung in den neuen in-1ustrialisterten
Ländern.
Nur ein paar Beispiele für den Stand der Arbeitslosigceit:
In der Mitte dieses Jahres waren arbeitslos: in Belrien
über 30000 = 53% der Versicherten; in Dänemark
ast 50000 = 185% der Gewerkschafts-Mitglieder: in Engand
über 1000000 = 8,9% der Versicherten; im Italien
iber 200000; in Pelen zirka 160000; {in Schweden zirka
5000 = 05% der Gewerkschafts-Mitglieder; in den Niederanden
zirka 18000 = 63% der Versicherten; in Deutschand
6,3 % der Fachverbandsmitglieder, im ersten Viertehahr
ogar 11,5 bis 16,5 0%.
Es Kegt auf der Hand, wie ungünstig derartige Arbeitsasen-Körper
auf die Gestaltung der nationalen Wirtschafts-“anzen
wirken und welch einen sozialen Unruheherd sie
iarstellen. In Deutschland haben wir ja in den letzten
‚wölf Monaten bis vor kurzem einen ständigen Rückgang der
Arbeitslosigkeit ‘gehabt, aber immerhin wurde die Zahl von